Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 11 (November 1924)
- Article
- Die Schmuckstücke von Wilna
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 11 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH 11 Arnold Zweig / Die Schmuckstücke von Wilna DIE BERNSTEINKETTE (Ende 1917) Dort, wo zwei oder drei Läden voll alter schöner Sachen sich in die häßliche Front der Straße zurückziehen, hing sie im Fenster eines Antiquars. Neben neuerem Chinaporzellan, köstlich flach geschnitztem Elfenbein, kleinrussischen Bauernflakons, gehöhlt aus braunem Stein, und den zarten und banalen Gewürzbüchsen aus Silberfiligran hingen an einen gewöhnlichen Faden gereiht ihre zylindrischen und leicht abgeplatteten Glieder, denen eine taubeneigroße Perle und sechs nicht viel kleinere das Schwergewicht nach unten verliehen, dies hangende Gewicht der schmückenden Kette um den Hals einer Frau. Ich sah sie auf meinem ersten Gange durch diese verwirrende und erregende Altstadt von Wilna, und sie schien mir ausnehmend schön. Ihre Farbe, tiefgelb, mit einem alten Glänze auf jedem Gliede, war der edle und reine Ton natürlicher Dinge, des Honigs, des Harzes, des Wachses und des Eies; undurchsichtig, ohne die milchige Trübung, die den Bernstein landläufig macht, verbargen diese durchbohrten Glieder hinter ihrer unregelmäßigen Rundung das lebendige und flüssige Geheimnis ihres Werdens, steinhaft ohne die Kälte des Steines, hart ohne seine Flärte, und vornehm ohne die plebejische Aristokratie der Juwelen; auch blieb dieses zarte Schimmern erhaben über die glasklare Durchsichtigkeit des allgemeinen Bernsleins, die, allzu widerstandslos, nicht fähig ist, auf lange zu fesseln. Dann nannte mir der verkaufende Jude, ein junger Mann des vornehmen Typs, den man hier trifft, wie man ihn in Üsküb traf, einen Preis, geringer als der eines russischen Pfundes Tee oder Kakao, geringer als der von drei Pfund Butter und weit geringer als der von hundert Zigarren; ich fand sie preiswürdig und nahm sie mit. Drei Tage lang, drei kurze des Winteranfangs, stapfend und gleitend, weil vom dickverhängten Himmel der Schnee flockte, der untertags unermüdlich taute und abends gefror, durchstreifle ich dann die Stadt, im unersättlichen Drang und Fest des Staunens über Menschen, Straßen und Bauwerke dieser Siedelung, in der sich über dem Armseligen des Volkes und den Greueln neuer Wohnhäuser das Nordisch-Gotische und das Italienisch-Barocke der Kirchen aufreckt, in der das Litauisch und Weißruthentsch des Bauern mit dem Polnisch des Städters und dem beherrschenden Jiddisch des Kleinbürgers durcheinandergeht ohne sich zu mengen, durchtränkt und geleitet vom zurückhaltenden Grau deutscher Waffenröcke. Vieles wollte man mir verkaufen, aber nur dreimal bat man mich um Brot; und kein Mensch unternahm, mir einen weiblichen Menschen wie einen Schlitten für Stunden zu vermieten; dies ist nicht mehr die Stadt vergangener Jahre und des letzten furchtbaren Herbstes . . . Nun liegt, nach dem Scheiden, die Bernsteinkette vor mir. Die zu Ende gebildete Form ihrer großen ovalen Perlen erinnert mich an die bis zu Ende durchempfundenen Augenblicke, die Wilna mir für immer mitgab: Ereignisse, wie man sie ihren schönsten nordischen und südlichen Schwestern dankt, von denen beiden sie Bestandteile empfing, ohne doch aufzuhören, diese Einheit zu sein, dies einmalige Wilna. EINE RÖTLICHE PERLE Reich geschwungen erhebt sich der ungeheure hellrote Giebel der Bernhardinerkirche, ihre Fassade von spitzen Fenstern dreigeteilt, und ihr gotisches Tor. Die Annenkirche neben ihr, ziseliert und durchbrochen wie eine Monstranz, hält mir ihr dunkleres Rot entgegen, das Trübe roten Weines; ihr von rechts und links schwingendes Maßwerk ist, gebändigt wie von einer festgreifenden Faust, in einen Knauf zusammengefaßt, und ihre Ziegel, biegsamer als Schmiedewerk, sind fast zu zierlich für den getragenen und tragenden Stein. In die umfassende Mauer, übertürmt von einem neuen, das Moderne und Nachahmende nicht verleugnenden Turme, ist noch, schmal und sehr lang, eine Kapelle gegraben, rot, nichts als eine Treppe flacher Stufen, auf der Büßer oder Flehende, die Kapsel in der Mitte jeder Stufe küssend, mit ihren Knien einem blutrot gekleideten gemarterten, und einem in den verhöhnenden Purpur zäsarisch gehüllten Christus entgegensteigen. Und nun trete ich in den engen hohen Hof, winkelig und von dreifachem Tore verschlossen; da stehe ich ganz umgeben von hautlosem Rot, hell und tief gefleckt, das in der dumpfen Luft des Nachmittags zu glühen beginnt, aus lichtlosem Schnee in lichtlosen Himmel steigend: das nackte klaffende Rot der Wunde, dem Leibe der Menschheit geschlagen, die der Flaß und die Verachtung aller Dummen emsig offen hält, und um die sich die Kirchen aller christlichen Bekenntnisse ohnmächtig bemühen. EINE BRÄUNLICHE PERLE Aber das Tor der Bernhardinerkirche öffnet sien, und hinter dem niederen Vorraum will das hoch und spitz Getürmte des gotischen Gewölbes meinen Blick und die erweiterte und gelöste Brust im entzückenden Netz der Decke festhalten, die in den schmalen Seilenschilfen auf drei Arten gipfelt, vom einfachen bis zum bachisch fugenhaft verschränkten Stil der gebrochenen Bogen. Aber es gelingt ihr nur ganz wenige Minuten; denn: bin ich im Innern einer Geige, die ein der übermäßigen Vollendung bis zum Spleen hingegebener Meister auch von innen braun und glänzend lackte? Hier ist alles von Holz tiefbraun, warm, mit matten Lichtern heben sich Altäre an allen Pfeilern, von polierten Säulen begrenzt und von Holzgewölk gekrönt, aus dem hölzerne Strahlen brechen; der Hauptaltar ist eine Architektur von Braun, hölzerne Engel schwingen sich und posaunen um das tiefbunte Bild der Anzubetenden; die Kanzel umzieht ihren Pfeiler mit einer sanft glänzenden hellbraungetönten Spirale, und die Beichtstühle, schwer wie Schränke aus dänischen Schlös- Aus Sammv Gronrmnnn: „Hawdoluh mul Zapfenst, ruh". JiMisi-lirr Verl»*, Berlin lT.'-l; Zoiol.minitcil von Magnus Zi-Ilor BETTLERGRUPPE