Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Article
- Reiseskizzen aus Palästina
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 20 (sequence 3)
- Language
- German
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20 MENOR AH ERSTE ANSIEDLUNG IN PALÄSTINA (Einsendung f. d. photogr. Preisatissctircihe.i — P.seiui. „Kwuz.-iti") hingebungsvollerer Arbeit von Seiten der Ärzte und Pflegerinnen rühmen als diese Anstalten. Das hatten wir uns im Traume nicht vorgestellt, unsere kühnsten Erwartungen waren übertreffen. Was mich aber am allermeisten entzückte, war ein Heim für junge Mädchen, die der Hauswirtschaft zugeführt werden sollen: die Mädchen mußten alle Arbeiten im Hause machen, wir sahen sie selber beim Wäschewaschen; dafür hatten sie ihren hübschen freundlichen Schlafsaal und ihr gemütliches Wohnzimmer zur Benützung für den Abend, nach des Tages Last und Mühen. Diese Einrichtung halte ich, wie die Ackerbauschulen, für die allerwichtigsten des ganzen Landes. Denn die jüdischen Frauen sind es, auf denen die Zukunft des Landes ruht. Der Schwerarbeiter, der Bauer, sie müssen ihr gemütliches Heim, ihr anständiges Essen, ein freundliches, zufriedenes Gesicht im Hause vorfinden, wenn sie nach ihrer beispiellos schweren Arbeit des Abends ausruhen, für den folgenden Tag neuen Mut, neue Kraft haben sollen. Da ist der Hebel anzusetzen: Haushaltungsschulen, Mädchenfarmen braucht das Land, die sind viel dringender als — man verzeihe einer Professorsfrau die Blasphemie — Gymnasien und Universität. Jerusalem ist die schönste Stadt der Welt. In diesem Urteil stehe ich nicht allein. Die herrliche Lage — es hat fast die gleiche Höhe wie unser Semmering — die Berge ringsum, die Tore, Basare, die alten Häuser, zumeist massive Steinbauten mit flachen Dächern und niedrigen Schutzmauern — der alte Tempelplatz, die Klagemauer, die Kirchen und Moscheen, die wunderschönen neuen Stadtteile mit Gärten vor den Häusern, die alten historischen Stätten — wo ist sonst etwas Ähnliches auf der ganzen weiten Welt zu finden? Als wir das erstemal auf dem Ölberg spazieren gingen und ich plötzlich tief unter mir eine herrliche himmelblaue Wasserfläche erblickte, die mich an den Mondsee im Salzkammergut erinnerte, da schrie ich laut auf vor Entzücken, was mir sonst nur noch ein einzigesmal im Leben vorgekommen ist: beim plötzlichen Anblick des hintern Gosausees mit dem Gletscher. Ich gestehe, daß ich nicht wußte, was es war; mein Mann klärte mich auf: das Tote Meer. Wer hätte sich aber das „Tote Meer", mit dem ich von Kindheit an etwas Trauriges, Bedrückendes verband, so leuchtend, so wundervoll vorstellen sollen? Ich wollte es kaum glauben. Da kamen zwei Mönche daher, die mein Mann ansprach; sie antworteten in einem tadellosen Französisch und bestätigten, daß, was wir unten sahen, das „Tote Meer" sei, gaben uns auch sonst noch sehr interessante Aufschlüsse. Das Klima von Jerusalem ist gesund; freilich fehlt es oft im Spätherbst und Winter an Wasser, und da kommen Malariafälle vor. Aber in Prag zum Beispiel ist es nicht viel besser. Im Winter sinkt die Temperatur hie und da unter den Gefrierpunkt; daß besonders die Armen dann sehr unter Kälte zu leiden haben, ist sehr traurig, aber das ist in europäischen Städten auch nichts Ungewöhnliches, und in England, wo es nur einfache Fenster und Kaminfeuer gibt, schon gar nicht: ich habe mich in englischen vornehmen Häusern, wenn der Winter streng war, niemals behaglich gefühlt, immer an Kälte gelitten. Den ganzen Sommer gibt es m Palästina keinen Regen; wenn er im Winter einsetzt und tagelang hintereinander anhält, ist es freilich schwer, die Stadt gründlich zu säubern. Wie hat es heuer in Wien ausgesehen? Im Dezember und in der ersten Hälfte des Jänner sind, die Straßen in Jerusalem rein gewesen; was aber die Hauptsache ist: ich habe — zum Unterschiede von früher, vor einem Dutzend Jahren — kein einziges schmutziges Kind gesehen. Und ich habe nicht nur die Judenkinder aufmerksam beobachtet, sondern mir alle arabischen und die christlichen Kinder aller Nationen, deren ich nur habhaft werden konnte, daraufhin prüfend angesehen. Es ist eine steinerne Stadt, deren Anblick einzig ist; gewiß wird zuweilen von dem Ewigen, dem Unvergänglichen, das in diesen Steinbauten liegt — es ist alles aus Stein: die Häuser, die Stadtmauer, die Einfriedung der jüdischen Niederlassungen und sogar der Gärten — das menschliche Herz ein wenig bedrückt, aber im großen und ganzen ist es der erhabenste Anblick, den man auf Erden haben kann. Einmal sind wir die Gäste von Nathan Strauß und seiner Gattin, den Wohltätern der Juden in Palästina. Der rüstige Mann ist 76 Jahre alt, sieht aber beträchtlich jünger aus: die Frau ist um ein paar Jahre jünger. Es ist erquickend, die alten Leutchen zu sehen: eine ungetrübte, echtjüdische Ehe, wo Mann und Frau eins sind. Sie haben drei Kinder, aber ein großer Teil ihres Vermögens wandert nach Palästina. Die Frau hat diesmal ihren herrlichen, äußerst wertvollen Schmuck mitgenommen, um ihn zu verkaufen und den Erics für Palästina zu verwenden. Die Summen, die dieses Ehepaar für das heilige Land gespendet haben, sind ungeheuer; aber sie kommen, wenn es nur irgend möglich ist, jedes Jahr persönlich nach Palästina, um sich von seinem Fortschritt zu überzeugen. Sie wissen, daß man für große Zwecke große Opfer bringen muß. Schweren Herzens trennten wir uns von der Stadt, von unseren Freunden, bei denen wir uns wohlgefühlt haben wie an Festtagen zu Hause bei unseren Eltern. Sogar einen Reisekurier haben die liebenswürdigen Damen uns noch zur Bahn mitgegeben und Proviant, der für Tage reichte. AUF DEM HEIMWEG Wir bestiegen den Mittagsschnellzug in Jerusalem und freuten uns auf die Fahrt durch die Wüste. Auf dem Wege nach Palästina konnten wir gar nichts sehen, denn wir fuhren in der Nacht. — Es war einzig schön. Zuerst noch Siedlungen, jüdische und arabische, Fellachendörfer, dann gelber Sand und nichts sonst, soweit das Auge reicht: ein Meer von Sand. Plötzlich Grün: ein großer Dattelhain, arabische Kinder in der Nähe. Wieder Wüste, ausschließlich Sand, der durch die Ritzen der Eisenbahnwagen in das Innere derselben dringt und alles mit einer feinen Schicht bedeckt. Da — eine Kamelherde mit ihrem Hirten. — In der Wüste hat man einen ähnlichen Eindruck wie in Jerusalem: die weite Fläche erfüllt uns mit ehrfürchtigem Staunen, das Ewige, Unvergängliche überwältigt uns. Wieder Umsteigen in Kantara, mit der Fähre über den Suezkanal, wieder Übernachten in Alexandrien. Dort harrt unser eine angenehme Überraschung: wir fahren wieder mit der „Flelouan" und haben die unverhoffte Freude, den Schiffsarzt, einen alten Freund aus Herzls Zeiten, der uns auch auf der Hinfahrt wärmstens betreute, auf der Heimfahrt als Mitreisenden begrüßen zu können. Anitta Müller und ihren Gatten treffen wir ebenfalls auf der „Helouan"; das bedeutet vergnügte, anregende Fahrt. Alles hat ein Ende, so auch unsere Palästinafahrt; im Herzen aber quillt der Wunsch, die Sehnsucht auf: Leschono habo bejeruschalaim! HUBNERS KURSALON-RESTAURANT Kl FÜR HOCHZEITEN, BANKETTE UND DINERS STEHEN HERRLICHE SÄLE ZUR KOSTENLOSEN VERFÜGUNG TÄGLICH 5-UHR-TEE MIT TANZ. TELEPHON NR. 578.