Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Article
- Reiseskizzen aus Palästina
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 19 (sequence 2)
- Language
- German
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MENORAH 19 nicht graue Theorie geblieben. Wir brachten einen Freitagabend dort zu. Junge Mädchen — viel mehr blonde als braune oder schwarze — deckten den Tisch, halfen der bewundernswerten Leiterin, Fräulein Tomaschewsky, servierten, räumten ab. Nach Tisch wurde gesungen und geplaudert. Von Haifa fahren wir nach Chederah, das ist eine der ältesten jüdischen Kolonien, buchstäblich mit dem Blute der ersten Kolonisten gedüngt. Sie zeichnet sich durch dichte Eukalyptuswaldungen und herrliche Mandelpflanzungen aus. Wir besuchen den früheren Bürgermeister. Ein einfaches Holzhaus. Man tritt in eine große Halle, in die vier winzige Schlafzimmer münden. Wir tun einen Blick in den Hof, da kommen eben die Kühe heim, vierzehn arabische Kühe mit ihren Kälbchen. Wir sehen zu, wie sie gemolken werden. Zuerst muß man jedes Kälbchen an seiner Mutter trinken lassen, sonst läßt sich dieses halbwilde Vieh nicht melken! Ja, während sie gemolken wird, muß sie das Kind, das ihr zu diesem Behufe leicht an die Vorderbeine angebunden wird, zwischen den Beinen spüren, sonst hält sie die Milch zurück. Eine Kuh hat ihr Kälbchen verloren — sie läßt sich absolut nicht melken. Man schiebt ihr ein anderes Kälbchen unter — sie stößt es zurück und macht Luftsprünge, wenn man sie anrührt, um sie zu melken. Vier Araber bemühen sich vergebens, ihr beizukommen, sie zum Stehen zu bringen. Endlich wird zu dem letzten Auskunftsmittel gegriffen: man fingiert eine neue Entbindung bei der störrischen Kuh, verursacht ihr künstliche Schmerzen, schiebt ihr das jüngste Kälbchen unter und läßt dieses an ihrem Euter trinken. Die Täuschung gelingt gewöhnlich. So sehr ich mit unseren Freunden sympathisierte — im Herzen war ich entzückt von der treuen Kuhmutter. „Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen." Daran mußte ich denken. IN TEL-AWIW Die einzige jüdische Stadt der Welt. Ein schöner Strand mit Kasino. Autos in Menge. Hübsche Villen. Das schönste Gebäude ist das Herzl-Gymnasium für Knaben und Mädchen. Unterrichtssprache Hebräisch. Eine von den Schülerinnen ist das Töchterchen des christlichen Gouverneurs von Jaffa. Der Bürgermeister ein Prachtmensch, der mit eiserner Hand regiert. Einst weigerte sich ein Bürger von Tel-Awiw, ein reicher Orangenplantagenbesitzer, die vorgeschriebene Steuer zu zahlen, die ihm?u hoch bemessen schien. Er wurde zweimal gemahnt — ohne Erfolg. Als er eines Tages den Wasserhahn über seiner Badewanne aufdrehen wollte, kam kein Wasser. In der Küche das gleiche. Er telephonierte um Abhilfe. Da wurde ihm bedeutet, diese würde nur dann erfolgen, wenn er seine Steuer bezahle. Wir sind die Gäste alter Freunde, der Familie des Bankdirektors L. Ein schönes, gastfreundliches, patriarchalisches Hau«. Das Herz geht einem auf, wenn man das Ehepaar kr> Kreise seiner Kinder und Enkel sieht. Und alle sind sie glühende Zionisten: wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Das jüngste Enkelkind, ein kleines, blondes Mädel von noch nicht vier Jahren, bekommt von ihrem großen Bruder eine Tafel Schokolade. „Die hat Tante aus der Schweiz mitgebracht," sagt er ihr auf Hebräisch, „die schmeckt fein!" Die Kleine weist sie zurück: „Ich esse nur Schokolade, die in Palästina gemacht ist", antwortet sie, ebenfalls auf Hebräisch und bleibt fest. Am Nachmittag bekomme ich den Besuch eines jungen Mädchens, das vor wenigen Wochen nach Palästina gekommen ist, um da in einer Mädchenkwuzah. zu arbeiten. Mit dieser jungen Dame hat es eine eigene Bewandtnis. Das Kind einer jüdischen Mutter und eines protestantischen Vaters jüdischen Ursprungs — beide aus ausgezeichneter Familie — ist sie als Christin geboren und erzogen. Aber im sechzehnten Lebensjahr hat es sie plötzlich gepackt: ihr jüdisches Herz war envacht. Sie trat zum Judentum über, lernte Hebräisch, arbeitete ein paar Jahre auf deutschen Bauerngütern, um sich für Palästina vorzubereiten. Sie ist vollkommen glücklich und zufrieden. Wir hatten ihr Grüße von ihrer Mutter aus Wien gebracht und nahmen welche von ihr mit. Als wir am folgenden Tage nach Jerusalem fuhren, begegneten wir ihr — das Mädchen ist von strahlender Schönheit, groß und Hermann Struck. OMARMOSCHEE IN JERUSALEM schlank, blond und blauäugig und von blühender Gesundheit — wie sie, den Rucksack auf dem Rücken, zurückwanderte in ihre Kwuzah. Und wieder sahen wir uns an, dieselbe stumme Frage auf den Lippen. IN JERUSALEM Die Fahrt auf der ausschließlich von jüdischen Arbeitern — - jüdische Mädchen hatten die erforderlichen Steine geklopft — hergestellten Chaussee war wundervoll. Wir hatten einen interessanten Mitreisenden, einen jüdischen Ingenieur aus England, der in Palästina den Krieg mitgemacht hatte und jetzt eine Stelle bei der Regierung bekleidete. Und in Palästina ist er geblieben, zum Entsetzen seiner Eltern, die es nicht verwinden können, daß er das harte, frugale Leben in Palästina einem angenehmen, behaglichen Dasein in England vorzieht. Unsere Frage, ob er an die Zukunft Palästinas glaube, bejahte er enthusiastisch. Und dann fügte er einen sehr hübschen Ausspruch hinzu: „Palästina muß erobert werden," sagte er, „wir Pioniere kommen mir vor wie die Kämpfer im Schützengraben. Sie tun ihre Pflicht, sie sind tapfer und geduldig, aber eines muß sein, sonst würden sie verzweifeln: ihre Kameraden müssen immerfort mit Munition und Lebensmitteln nachrücken. Wenn die Juden in Europa, Amerika ihre Pflicht tun werden, dann wird Palästina gedeihen." Wir waren Gäste der Amerikanerinnen Misses Szold und Berger. Sie bewohnen ein hübsches arabisches Haus weit draußen. Eine große Halle, in die ein paar kleine Schlafzimmer münden. Alles rein, behaglich, gemütlich. Unvergeßlich wird mir der Abend sein, den sie uns zu Ehren gaben und bei dem alles anwesend war, was Namen hatte: hervorragende Juden, Christen, Araber. Aus aller Herren Länder stammten die jüdischen jungen Leute, die noch nicht lange da waren, aber voll Enthusiasmus von dem heiligen Lande schwärmen, unsäglich glücklich sind, ihr Leben dieser Arbeit zu weihen. Da ist nichts, aber auch gar nichts von übertriebenem Fanatismus zu spüren, allen ist es ernst damit, wirklich zu arbeiten und ihr Scherflein beizutragen zum Aufbau Palästinas. Was die beiden Damen, Miß Szold und Miß Berger, leisten, viele Bogen würden nicht ausreichen, dies zu schildern. Ich will nur hervorheben, daß die amerikanische Frauenorganisation „Hadassah" die Wöchnerinnenpflege, das ganze Gebiet der Gesundheitspflege in ihrer Hand vereinigt. Jüngst erst wurden vier Säuglingspflegestationen gegründet, die eine davon für arabische Kinder, die ihren eigenen arabischen Arzt und arabische Pflegerinnen haben. Wir haben die Pflegerinnenschule besichtigt, das Kinderspital, das Spital für Augenkranke, das Waisenhaus, und wir waren geblendet: kein Wiener Sanatorium kann sich größerer Reinlichkeit,