Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Article
Die Wurzel des Ästhetischen
Date
1924-10-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2912821-2912828-2912837-2914644--01153-2914722
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 M E N O R A H Eine genau ebenso elementare Tatsache des Menschen-, bzw. Weltbewußtseins wie das logische Denken ist das wollende Verhalten zu den Dingen. Der Mensch tritt in aktive Beziehung zu seiner Umgebung. Über dunkles Triebleben erhebt er sich zum klaren, zielstrebigen Wollen, fühlt seinen Willen frei, am freiesten aber in der ethischen Unterwerfung unter höchstes Wollen, G'ttes Wollen, das ihm seine eigene Freiheit den Dingen gegenüber erst gewährleistet. Zwischen Erkennen und Wollen aber liegt ein drittes Reich allgemein gültigen menschlichen Seelenlebens, das Reich des gefühlsbetonten Anschauens, der Ahnung des Wesens aus der Erscheinung. Hier wurzelt das ästhetische Verhalten des Menschen, so wie dort das logische und ethische. Jüdisches Sein baut sich auf vollendetem Menschentum auf; das Priestertum des jüdischen Volkes wächst auf dem Mutterboden der Menschheit empor. Schon darum kann unmöglich angenommen werden, daß dieses Priestertum die Unterdrückung elementarer menschlicher Seelenkräfte voraussetze. Und in der Tat findet das ästhetische Verhalten neben dem nie umstrittenen logischen und ethischen prinzipiell seine völlig gleichberechtigte Stelle im Grundgefüge des jüdischen Wahrheitssystems. Zur Einheit hinter der Vielheit, d. h. zum Weltenschöpfer, führt das logische Verhalten, zum höchsten sittlichen Willen über allem Wollen, d. h. zum Weltenkönig geleitet das ethische Verhalten; und wenn ohne fragendes Denken und ohne interessiertes Wollen in lebendig bewegtem Anschauen der jüdische Mensch vor der Schönheit des gestirnten Himmels oder des blühenden Frühlings, des jubilierenden Psalmensängers oder des im Heiligtumsglanze strahlenden Hohenpriesters steht, dann schimmert ihm h i nter der Erscheinung das göttliche Wesen der sinnlichen Welt: die rtrrtr- II. Die Grundtatsachen des jüdischen Bewußtseins werden uns morgens und abends im ns>~p zu Herzen geführt durch jene lapidaren Sätze vor allem, mit denen Mosche Rabbenus Mund vor seinem Scheiden aus der Zeitlichkeit dem jüdischen Individuum den innersten Sinn seines Lebens für alle Zeiten gedeutet hat. Aus der Tatsache der Einheit des Weltenschöpfers ('") und -gesetzgebers ('jpbtf) werden mit n2~X' die Konsequenzen fürs Leben gezogen. Aber zwischen jene erste Prämisse allen wissenschaftlichen Denkens und alles sittlichen Wollens und die daraus folgenden Lebensgrundsätze, zwischen ^".w" >>-w* und n-fiXI schaltet die Überlieferung — voll heimlich flüsternder Liebe an jedem Tage und in laut jubelndem Bekenntnis am großen Tage der Versöhnung — einen Satz von originaler, gedankenschwerer Prägung ein, gleich als ob der Schritt vom yEtr zum fCHS' ohne jenen Satz nicht möglich wäre: T;7 cS'.yS 1jY.dSö EU' Von dem Subjekt: '.iT.rSe T.S: EL" wird ausgesagt, daß es „gesegnet" sei, d. h. in unendlicher Steigerung emporblühen werde in die Ewigkeit. Was aber ist .'uV.rSe T.2* EL"? Die drei Worte, die hier durch zweimaligen status constructus zu einem Begriff verbunden sind, heben sich doch in ihrer sinnvollen Eigenart deutlich von einander ab. Etr der „N a m e" ist die ins reine Denken eingehende begriffliche Auffassung von einem Ding: hier die logische Erkenntnis G'ttes. mrSs, die „Herrschaft" — in der "Szp die unterste, das Weltgeschehen unmittelbar der göttlichen Norm unterwerfende der JTnE — appelliert an des Menschen Willen, das „Joch" der Pflicht, DW »T.rSe hv; auf sich zu nehmen: die ethische Inthronisierung G'ttes. V,2r aber, „H e r r 1 i ch k e i t", wie man es populär zu übersetzen pflegt, scheint mir, um es kurz zu sagen, nichts anderes zu sein, wie das Korrelat der dritten elementaren Verhaltungs weise der Seele gegenübe r dem Kosmos: des ästhetischen, hier also das ästhetische Erschauen der G'ttesherrlichkeit. Eine Prüfung des Zusammenhanges, in dem das Wort YEr im biblischen Schrifttum, insbesondere an Stellen von tieferer Bedeutung oder in Beziehung auf G'tt gebraucht wird, zeigt, daß es einerseits mit GK\ andererseits mit rrxen ,Vn*7 und *""" den Begriffen der „S c h ö n h e i t", in engster Verwandtschaft steht. Ist E"' die nüchterne, das Wesen wiedergebende gedankliche Vorstellung des Dinges, so tritt in TDr, wie man bei konzentriertem Durchdenken der betreffenden CplEi ohne weiteres erkennt, ein lebhafter Gefühlston hinzu. Charakteristisch ist z. B. die Gegenüberstellung des Eindruckes der zur bloßen Sättigung gesandten Wachteln in der Wüste und desjenigen des Mannas. Der Anblick der in Tautropfen gehüllten, von kristallklarer Hinv melsspeise besäten Wüste wird als ein „Schauen der ,rf "i'ir" bezeichnet, weil hier und nur hier allein zu der Befriedigung des Nahrungswunsches das ästhetische Element der Freude an einer in himmlischer Schöne gebotenen G'ttesgabe hinzutritt. Die „Herrlichkeit" des unerschaubaren, aber im All sich offenbarenden Einen „singt" ohn Unterlaß — E7Y NT, V,2S "p2r jyE1? — ein Lied der Lobpreisung, und in dem größten Naturhymnus des Psalmenbuchs, dem zweiten T'£3 funkelt uns der vom Talmud dem Erdgeist in den Mund gelegte Ausspruch entgegen: „Die 'm Ti22, die „Herrlichkeit" G'ttes gehöre recht eigentlich der Zukunft an, da G'tt selber sich zu freuen haben werde seiner Geschöpfe!" Mit unverkennbarer Präzision aber tritt uns der Ausdruck in der Brocho entgegen, in der man ihn in der Tat nach dem Angedeuteten als beherrschenden Begriff erwarten muß: in der ersten der beiden rv""iLM St" L""p P)2~2, der vorbereitenden Einführung zum k?K"w"' >'."', der Brocho über die Lichtschöpfung. Das Licht ist recht eigentlich die Wurzel des Ästhetischen; das ganze Gebiet des Naturschönen und vom Kunstschönen die weitaus größte Provinz (eigentlich alles, mit Ausnahme der am Ohren-Schein hängenden Welt der Töne) ersteht aus dem Einströmen der vom Lichte gestalteten Schöpfungsfülle durch den Sinnenschein des Auges in die Menschenseele. Vielleicht wären vernunftbegabte Wesen denkbar, die auch in einem lichtlosen Kosmos Gott zu erkennen und ihm zu dienen vermöchten; aber daß Gottes Herrlichkeit im Entzücken seliger A nschauung seiner Natur-Offenbarung erlebt werde, daß darum der überweltlich Einzige, Absolute (trnp) von jubelnden Menschenherzen geliebt werden kann, das ist das Werk des ~*S*£ EHf;n";2 .tS> C^Y. "['"sS. Ihn feiert in einem offenbar den originalen Kern der nr"i2 bildenden A 1 p h a b e t die filTS wie folgt: „Gesegnete Urkraft, zu groß für die Erkenntnis, Hat bereitet und gewirkt den Strahlenglanz der Sonne. Damit hat der Gütige seinem Namen Herrlichkeit (l'.rr) geschaffen. Lichter hat er zur Umkreisung seinerMacht dahingestellt. Diese seiner Heerscharen Säulen, die Heiligen, die Erhöher des Allgenügenden Sie erzählen unablässig die Herrlichkeit G'ttes neben seiner Heiligkeit." Herrlichkeit und Heiligkeit! Hier wird in klarer Antithese die überweltliche Wesenheit G'ttes — iniY-p — der im Lichtstrahl offenbar werdenden Erscheinung der G'ttesherrlichkeit — 'X Y2r — gegenübergestellt und damit zugleich gedanklich der Gipfelpunkt der ganzen nY"2, das Zwiegespräch der Engelgruppen oben und unten, vorbereitet: „Heilig, heilig, heilig ist "IX^iT 77. Aber seine Herrlichkei t*) ist (nicht der überweltliche Himmelraum), ist die Fülle der ganzen Erde!" *) Targum Jonathan übersetzt charakteristischerweise hier "H'^r mit iY~p* "7 — ..Glanz seiner Würde", empfindet also deutlich die ästhetische Wesensart des Begriffes.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.