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Menorah · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Article
Schiedsgericht
Date
1924-10-01
Page
Seite 9 (sequence 2)
Language
German
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M E N O R A H 9 Da steht plötzlich der Geklagte auf und sagt: „Ich will nicht haben, daß man mir nachsagt, ich habe den Eid gescheut. Ich will aber auch nicht wegen einer Geldsache schwören, denn das verbietet mir die Religion. Meine Herren, ich bezahle das Ganze. Ich bin überzeugt, daß der Kläger davon durchdrungen ist, das Geschäft gemacht zu haben." J ac Maß und Grenzen der Wertung des Ästhetischen im Kultursj'stem des Judentums spielen bei Nathan Birnbaum eine große Rolle, sie ist ihm offensichtlich ein Problem, mit dem er in früheren Jahren bereits gerungen hat — siehe insbesondere das Roman- Bruchstück ,,N ach tausend Jahren" — und das auch nach seiner Heimkehr zur Thora, im Aufruf an die „Aulim", eine zentrale Stellung für ihn einnimmt. Er läßt in dem erstgenannten Roman Zidkiahu Ribbon, den Vollblut-Juden aus Erez-Jisroel, als Ausdruck von „dieses Landes Genius" die Worte verkünden: ,,lhr habet die Wahrheit vergessen. Ihr lebet in Schönheit, und Schönheit ist Schein und Schein ist Lüge. Der Duft der Blume lügt, der Wohlklang des Sanges lügt, die Anmut des Weibes lügt, die Zedernpracht des Libanon lügt. Schönheit ist die Tochter der Verwesung und ihre Mutter zugleich. Seht, wie ihr herabgekommen seid bei eurer Schönheit!" —- Und die Frage bleibt offen, ob der Geist des Zidkijahu Ribbon oder der des Schönheitssuchers Jermi Woltmann im jüdischen Volke Sieger bleiben wird. Eine gründliche, umfassende Darstellung des Problems, das ja in der Tat von ebenso grundlegender Bedeutung für die theoretische Erkenntnis der in der Überlieferung niedergelegten jüdischen Weltanschauung wie für die Einzelerziehung und für die Kulturpolitik der Gemeinschaft ist, gibt es bisher meines Wissens nicht. Als kleiner Beitrag zu den Vorarbeiten für die Lösung dieser wichtigen Aufgabe mögen die folgenden, zu Ehren des Jubilars niedergeschriebenen Aphorismen dienen. Der Beklagte stand hochroten Gesichtes auf, machte eine höfliche Verbeugung und ging. Der Kläger bedeckte sich, faltete die Hände und betete. Der Sekretär atmete erleichtert auf, denn es blieb ihm durch das rasche Ende erspart, eine ausführliche Urteilsbegründung schreiben zu müssen. '.Aus der Novellensammlung „Puppentragödic" Rikolavcrlag, Wien h e n i. Der beherrschende, überall vorausgesetzte Grundgedanke der Thora — unter diesem Worte wird hier allemal der Gesamtkomplex des heiligen jüdischen Schrifttums vom Fünfbuch bis zum letzten eines p*rv, TZ^r, verstanden — ist der Gedanke: G ' T T. G'tt ist ü b e r w e 1 11 i c h und einzig, d.h. die absolute („losgelöste"), mit nichts vergleichbare Einheit, der gegenüber alles, das Weltall als Ganzes, Vielheit ist. Diese Einheit ist Wesen, die Vielheit dagegen Erscheinung, diese Einheit ist w i r k e n d e r Wille, die Vielheit dagegen im Verhältnis zu jener Einheit gewirkt und gewollt. Der Mensch, im Weltall, soweit bekannt, das einzige mit bewußtem Geiste ausgestattete Geschöpf, tritt vermöge dieses bewußten Geistes seiner Umgebung, d. h. allem außer ihm, G'tt und der Welt, auch seinerseits wiederum in dreifacher Beziehung gegenüber und es ist gerade die Spannung zwischen Einheit und Vielheit, Wesen und Erscheinung, Wille und Gewollte in, die ihn dabei seit den ältesten Zeiten am tiefsten berührt und am ungestümsten zum Fragen anregt. Hinter der Vielheit der Welt sucht sein erkennender Geist zur Einheit vorzudringen und mit den Mitteln der auf Logik und Mathematik aufgebauten wissenschaftlichen Forschung das Weltproblem wie ein Rechenexempel aufzulösen. In allem systematischen Erkennen, allem wissenschaftlichen Forschen lebt letzten Endes der Trieb zur Einheit.

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