Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Article
- Einmal im Jahre
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O RAH iLLVxTTRIERTE Monatjtchrift FVr Die Jvdis-che Familie WIEN'- FRANKFVRT a.M. II. JAHRGANG_OKTOBER 1924_NR. 10 Raw Moscheh Awigdor Amiel/ Einmal im Jahre... „Dies sei euch ewiges Gesetz Israel von all seiner Schuld zu sühnen einmal im Jahre." III. B. M. 16,34. „An diesem Tage wird euch Sühne zuteil, damit ihr rein werdet von all euerer Schuld — vor Haschern sollt ihr rein sein." Es sprach Rabbi Akiba: „Heil euch, Israel; wem gilt euere Reinheit und wer verleiht sie euch — der Heilige, gepriesen sei Er! Denn es heißt: ,Das Tauchbad Israels ist Haschem" — wie ein Tauchbad die Unreinen reinigt, so reinigt der Heilige, gepriesen sei Er, Israel." Tief und sinnvoll sind diese Worte vom Tauchen in den Gott des Lebens. Denn nicht nur unser äußeres Gewand haben wir gewechselt, sondern vor allem das innere; nicht nur das Wachslicht haben wir entzündet, sondern vor allem das Licht unserer Seele: „Denn Du erleuchtest meine Lampe, Haschern mein Gott, Du erhellst mein Dunkel." In großer Liebe umarmen wir die ganze Schöpfung und erfahren, daß jeder Mensch nicht so sehr ein Mikrokosmos bedeutet, als ein Glied im Organismus der Schöpfung, in der ein jeder seinen Platz ausfüllt und keiner wichtiger ist als sein Bruder, sondern alle gleich, alle geliebt, alle erwählt. In heiliger Regung blicken wir auf die vielen Seelenlichter, deren innige Helligkeit das Bethaus ausfüllt und erfahren, daß wir uns nicht nur mit aller Kreatur, die heute lebt, vereinigt haben, sondern mit den Seelen vergangener Geschlechter, die je diesen Tag in heiliger Versammlung zugebracht haben. Sie alle versammeln sich wieder um uns und gemeinsam mit ihnen beten wir, gemeinsam mit den Vätern und Müttern, die ins Ewige eingegangen sind. Alles vereinigt sich und steht vor Haschem, dem Gotte, in Furchtbarkeit und Gewaltigkeit. * Zu der Heiligkeit des Tages gesellt sich seine Furchtbarkeit: „Laßt uns preisen die Heiligkeit des Tages, der furchtbar ist und gewaltig." Ja, furchtbar ist es, vom Heiligsten aus, das Unreine des Alltags zu betrachten, furchtbar, von der Burg des Geistes aus, das Tal der Öde, der Tränen, des Wirrsals unseres Alltags zu beschauen, furchtbar, mit dem göttlichen Lichte der Seele, die Trübnis unseres Lebens zu beleuchten, furchtbar — da wir vom Neuen die Bundestafeln Haschems zerbrochen haben. Furchtbar und gewaltig — wenn wir unsere Seele prüfen und bemerken, daß wir unsere Gabe an Haschem nur aus unserer Not und unseren Tränen weihen, nicht aus unserer Lust und unserer Freude, bemerken, daß der Heilige, gepriesen sei Er, keinen Anteil hat an Wonne, Jubel, Jauchzen und Extase unserer Seele und der Dichter recht hat: „Im Wohlstand suchten wir Dich nicht, in der Fülle vergaßen wir Dich, und in der Not — wie Dich finden?" Furchtbar und gewaltig — wenn wir uns unsere Gedanken und Taten des Jahres überlegen und sehen, wie ärmlich und unwesentlich sie waren. Dies drückt unsere Feierlichkeit und macht sie so furchtbar. — Doch nicht durch dieses Wissen allein erfüllst du deine Pflicht zur Welt vor deinem Schöpfer und Meister, um von ihm Vergebung und Sühne verlangen zu können. * Was ist denn der Sinn des Jörn Kippur? Zur Zeit des heiligen Hauses hatten wir ein Heiligtum des Ortes, das der Jude dreimal im Jahre besuchte. Es heißt davon: „Nicht werde müßig mein Antlitz gesehen." Dies Erscheinen und Sehen sollte nicht müßig sein; denn wenn der Jude zu seiner Feige und seinem Wein heimkehrte, nahm er ein Stück Heiligtum im Herzen mit und die Wonne der göttlichen Wohnung begleitete ihn auf Feld und Garten. Doch „wegen unserer Schuld wurden wir aus dem Hause verbannt und können unsere Pflicht im Hause der Erwählung nicht erfüllen, ob der Hand, die gestreckt wurde wider Dein Heiligtum" — und wenn wir kein Heiligtum des Ortes mehr haben, so blieb uns doch ein Heiligtum der Zeit: der Jörn Kippur, von dem das gleiche Geheiß gilt: „Nicht werde Jakoli Steinhardt, Berlin Holzschnitt BETHAUS