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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Reiseskizzen aus Palästina
Date
1924-08-01
Page
Seite 20 (sequence 1)
Language
German
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20 MENORAH Anna Kellner / Reiseskizzen aus Palästina UNTERWEGS Das Wetter ist herrlich, Himmel und See blau, die Luft rein, balsamisch nach der rauchgeschwängerten, feuchtkalten Atmosphäre in Wien. Wir fahren in der „Helouan", die uns auch vor zwölf Jahren nach Alexandrien trug. Es ist nicht übervoll, besonders das Zwischendeck ist schwach besetzt. Überrascht merke ich schon am ersten Tage, daß die Zwischendeckler — ein paar Araber mit Frauen und Kindern, mehrere jüdische Auswanderer und junge Mädchen und Frauen — ungehindert auf das Deck der zweiten Klasse kommen. Eines der Mädchen, ein gesundes, blühendes Geschöpf, ist die Tochter des berühmten Wanderlehrers Auhagen. Eng umschlungen mit einem Judenmädchen aus ihrer Heimat geht sie mit ihr auf unserem Verdeck auf und ab, während die jüdischen jungen Burschen und Mädchen nationale Lieder singen mit einer Inbrunst, einer Glut, daß dem Zuhörer das Herz im Leibe erbebt. Vor zwölf Jahren, als der Lloyd noch österreichisch war, wäre das unmöglich gewesen: eingepfercht mußten die armen Zwischendeckler unten bleiben. Nicht umsonst rühmt man den Italienern nach, sie seien keine Antisemiten; sie waren ungemein entgegenkommend und human mit den Passagieren der vierten Klasse. Am folgenden Tage spreche ich einige von ihnen an. Einer, ein Junge von fünfzehn bis sechzehn Jahren, sieht so blaß aus, daß ich ihm unsere Frühstückseier anbiete. „Danke," lehnt er ab, während sein Gesicht feuerrot wird, „ich habe zu essen", und er beißt in sein trockenes Schwarzbrot hinein, ohne mich anzusehen. „Es sind mehrere kleine Kinder unten," stammle ich, „ich möchte Sie bitten, denen die Eier zu geben." Aber auch das lehnt er ab. Um die Mittagszeit machen wir die Bekanntschaft zweier Amerikaner, deren Namen einen guten Klang haben: es sind Miß Henriette Szold und Mr. Mohl, die so unendlich viel für die Juden in Palästina getan haben. Sie bleiben unsere Reisegefährten. In der dritten Klasse fallen uns ein paar bildschöne Kinder auf. Wir erkundigen uns beim Steward, wer sie sind. Die Familie eines jüdischen Fechtmeisters aus Italien — wir haben sie für Spanier gehalten — die nach Alexandrien übersiedelt. Neun Kinder, dar- Martha Wolff , Frankfurt a/M. JUDE AUS JERUSALEM unter sieben Mädchen, von einem bis zu 18 Jahren. Die Mutter noch sehr jugendlich und hübsch, die Kinder eine wahre Augenweide, guterzogen, artig, äußerst rein und nett gekleidet. In Alexandrien müssen wir leider übernachten: der Zug geht eine Stunde vor Ankunft des Dampfers ab. Am folgenden Tag besteigen wir den gutbesetzten Schnellzug. Wir finden nicht alle in einem Abteil Platz, so müssen wir uns von den Herren trennen und gehen ins Damenabteil, das kein Mann betreten darf. Zwei Araberinnen sitzen drin, hübsch, ganz modern gekleidet und frisiert, aber natürlich verschleiert. Eine hat einen dreijährigen schlimmen und sehr unschönen Jungen mit, der in seinem Nationalkostüm mit der hohen steifen Mütze einen grotesken Eindruck macht. Sie macht nicht viel Federlesens; wenn der Junge sie zuviel sekkiert, setzt es Klapse. Die andere junge Frau ist blond, hat ein keckes Stumpfnäschen, helle Augen. Sie sieht aus wie eine Wiener Probiermamsell, die als Araberin verkleidet auf ein Masken fest geht, ist sicher keine Eingeborene. In Kantara müssen wir aussteigen. Eine interessante Station. Früher ging eine Brücke über den Suezkanal, aber die englische Regierung hatte sich verpflichten müssen, diese Brücke nach dem Kriege abzubrechen. Und nun müssen wir in einer Fähre hinüber. Amerikaner, Engländer, Deutsche — ein junger Mann aus Hamburg, der uns deutsch reden hört, spricht uns erfreut an — Franzosen, Chinesen, Eingeborene aller Schattierungen. An den Längsseiten der Fähre sind Bänke angebracht, aber sie reichen nicht aus für den Strom von Passagieren. Wir besteigen den Zug. Die Abteile zweiter Klasse sind äußerst bequem, breit, weich gepolstert. Wir finden Sitzplätze in einem Coupe, in dem zwei höhere arabische Beamte es sich bequem gemacht haben: die europäischen Röcke haben sie abgelegt und sich in burnusähnliche lange, weite Nachtgewänder gehüllt, sind außerdem mit Kissen und warmen Decken versehen. Da erscheint unser Amerikaner, der inzwischen seine Dame untergebracht hat. Er beginnt — auf arabisch — ein Gespräch mit dem jüngeren der beiden Araber und deutet ihm an, er könnte doch mir den Doppelsitz überlassen. Der junge Mann springt sofort auf und erwidert, er hätte mir soeben den Vorschlag machen wollen. Wir nahmen dankend an — auf Englisch, das er sehr gut beherrscht — und plaudern ein wenig, dann mache ich mir's bequem. Frühmorgens sind wir in Ludd, nicht übermäßig ermüdet. Dort trennen sich unsere Wege: die Amerikaner müssen nach Jerusalem, wir nach der neuen jüdischen Kolonie Benyamina. Der Morgen ist hell und mild. Unermüdlich sehen wir zum Fenster hinaus. Wir können uns nicht fassen vor Staunen über die ungeheuere Veränderung, die in den letzten zwölf Jahren mit dem Lande vorgegangen ist. Eukalyptuswälder wechseln ab mit Orangenhainen; schwer hängen die goldenen Früchte an den Bäumen. Frischgepflügte Felder dazwischen; die Saat ist noch nicht in die Halme geschossen, denn der Regen hat sich heuer vier Wochen später eingestellt. Alle Kolonien, an denen wir vorüberkommen, sind gewachsen, die jüdischen sc wohl wie die christlichen. Ein blühendes, gettgesegnetes Land. IN BENYAMINA Wir kommen bei leichtem Regen an. Aber das beeinträchtigt den Eindruck kaum, den das hübsche Dörflein macht. Schmucke weiße Häuschen, aus den Kremenetzkyschen Silikatziegeln erbaut, rote Dächer, stattliche Stallgebäude. Kühe, Esel, Maultiere, Pferde, Hühner, Gänse, Truthähne im Freien — nominell ist es Winter, aber ich wollte, unser Winter in Wien wäre so beschaffen. Die jungen Farmer sind fast alle studierte Agronomen, die eine längere Praxis hinter sich haben. Da sind die sogenannten „Kalifornier", die mehrere Jahre in Kalifornien Viehzucht, die „Holländer", die in Holland Gemüsebau betrieben haben. Die Gemüsegärten der letzteren und die Kuhställe der ersteren sind Sehenswürdigkeiten. Nur einmal habe ich ähnliche Stallungen gesehen: beim Fürsten von Pleß. Hoch, rein, luftig, mit allen modernen Einrichtungen, vorn über jedem Abteil ein Metallplättchen mit

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