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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Die Freiheit des Gesetzes
Date
1924-08-01
Page
Seite 8 (sequence 4)
Language
German
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8 MENORAH beuge". (Ow. 2, 4.) Der von der Lehre Losgelöste ist unfrei, er muß ja doch als Kreatur dem Weltwillen folgen, aber nicht auf dem Wege der Schönheit und der Kraft, sondern auf der krummen Bahn der Schwäche: ,,Er krümmt sich und verbiegt sich dem Vater im Himmel". (Kel. IX, 8.) Von seinem Wege heißt es: „Der Ewige krümmt den Weg der Losgelösten". (Ps. 1 46.) Das Gesetz verlangt straffe Lebenszucht, aber es unterbindet nicht das Leben. Ein Rabbi Tarphon, der sich an den Wegrand legt, hat sein Leben auch dann verwirkt, wenn kein Räuber ihn bedroht. Ihm, der dem Buchstaben des Gesetzes folgt und darüber den von der Gesamtheit als verbindlich anerkannten Sinn vergißt, hat das Gesetz nicht frei gemacht, sondern ihm ist es zur lebens feindlichen Enge geworden- Er hätte zur Zeit, in der alle Juden seiner Umgebung sich mit Gott im seh' ma jisroel einigen, sich der gemeinsamen Wanderung anschließen können. Er zog es aber vor, sich auszuschließen; da brachte ihn die Gewalt des sch' ma nicht zu den letzten Höhen, sondern er blieb am Wegrand haften; das Leben spendende und Leben hütende Gesetz gefährdete sein Dasein, weil er die Lehre mißverstanden hatte. Denn wenn es in einer späteren Aggada heißt: „Nur derderjenige erkennt die fruchtbare Freiheit, der sich dem Gesetze*) hingibt", so wissen wir, daß diese absolute Unterordnung des einzelnen unter die Forderungen des Nationalgesetzes nur so gemeint sein kann, daß das Werk des Gesetzes erst dann vollendet ist, wenn der Jude die überlieferte Bindung seiner Handlungen nicht als Enge, sondern als Freiheit empfindet. Das Gesetz will in Freiheit empfangen, als Freiheit gehütet und zur Freiheit befolgt werden. *) In Ow. 6, 2 steht „dem Lernen des Gesetzes". Manfred Sturmann / Der Auszug*) i. Der Morgen nahte glühend wie ein Brand . . . Da stand Er knabenhaft im jungen Licht Und wusch in Quellen sich das Angesicht Und schürzte wie ein Pilger das Gewand. Dann stieg er gläubig nieder in das Tal Und warf die Kunde in der Brüder Frone Und sprach und rang um sie am Königsthrone, Mit schwerer Zunge hielt er Fürsprach Mal um Mal. Der Herr zerhieb des Pharaonen Trutz: Am zehnten Tage ward das Volk befreit! Die Feuer lohen in den Abend weit. Und schauernd flehen sie um Gottes Schutz. Nur Er irrt sinnend unter Mond und Stern Und sinkt ins Knie und dankt dem Licht des Herrn. II. Und als das letzte Opfer dargebracht Und wohlgegürtet jede Lende war, Da stand, geordnet nach des Stammes Macht, Mit Tier und Troß des Volkes P.ilgerschar. Der Abend strich mit goldnem Flügelschlag Um die verhüllten Tore und versank. Noch hing an Türmen mild ein Fetzen Tag Und an die Berge schlug der Wachen Nachtgesang. Und stumm entglitten sie in ihren Schlaf. Gegürtet ruhten sie, den Stab zur Hand, Der linde Nachtwind ihre Stirnen traf. . . Sie hatten bunte Träume, froh und bang, Und sahen Glut und sahen dunkles Land, Bis mit des Morgens Ruf ihr Bild zersprang. *) Aus der unvollendeten Dichtung: Die Führung. III. Und wieder ward es Tag. Da schritt der Zug In langen Reihen durch die stille Stadt . . . Aus schwarzen Feldern wuchs die junge Saat, Und jeder Garten seinen Segen trug. Die Sohlen sanken tiefer in den Schlamm; Noch hing der Regen an der Stirn dem Tag. Sie jriuchzten still bei Schrei und Fittichschlag Der großen Vögel unterm Bergeskamm. Es lag ein Jubel in dem schweren Licht, Als sängen Engelscharen einen Gottesgruß Und küßten jedes Haupt und jeden Fuß. Sie ruhten in der Sonne Riesenbrand, Sie kühlten in den Quellen sich das Angesicht — Und schritten weiter in das stille Land. IV. Der dritte Tag erstand vor ihrem Zug: Da stieg die Wolkensäule Gottes in das Blau . . . Die führte sie durch Auen, feucht von Tau, Daß sie sich maßen mit der Aare Flug. Des Nachts stand Feuer in dem Wolkenmeer Und machte sichtbar ihren Pilgerpfad, Daß an der Böschung nicht zerbrächen Stab und Rad, Und alles wie am Tage jung und wachsam war'. Sie zogen ostwärts und erlösten spät Die Tiere aus den Zügeln. Pflockten Zelte auf. Dann sanken sie erschöpft in ihre Ruh. Nur Er schlief nicht: An einer Quelle Lauf Warf er sich opfernd nieder im Gebet: „Du bist die Gnade! Unser Hort bist Du!" V. Schon war der Mond gerundet, als ein Meer Dem Pfad mit Brüllen grausam widerstand, Sie blieben ratlos: eine Wasserwand Lief wie zum Hohne vor den Scharen her. Soweit das Auge reichte, nirgends Land! Die Stürme brausten hoch im Uferkarst, Daß hoffnungslos ihr Schrei zu Gott zerbarst, Und drohend sprang gen Himmel jede Hand. Da hob den Arm Er, und es teilten sich Die Wasser bebend wie zu einem Gruß. Und Er betrat den Grund und führte königlich Die Bruderschar durch die gezähmte Flut. So schritt im Trocknen jeder Pilgerfuß, Es flügelte die Müden neuer Mut. VI. Doch ehe sie am Ufer ausgeruht, — Der Weg ging schwer durch feuchten Meeressand — Da hob ein Wächter schreiend seine Hand: Wir sind verfolgt! Seht! Streiter drüben an der Flut! Da fuhr Entsetzen durch der Brüder Reihn, Sie warfen sich ins Knie und fluchten Gott, Bis zornig Er den Toren Halt gebot: „Der Ewige ist groß! Der Herr wird uns befrein!" Und jene drüben stürzten sich ins Meer Und peitschten ihre Rosse brüllend an; Da schlug der Meeresspalt zusammen und Die gieren Wasser schlangen Furt und Heer, Daß es ertrank mit Troß und Tier und Mann Und niedersauste in den dunklen Schlund.

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