Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1924)
- Article
- Die Freiheit des Gesetzes
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH 5 Robert Weiss / Die Freiheit des Gesetzes i. Es heißt in der Mischnah: Warum steht sch' ma vor w* hojoh im schomaua? Damit man erst das Joch des Himmelreiches auf sich nehme und nachdem erst das der Gesetze. (Ber. 13a.) Eindeutig ist hier der Grundsatz aufgestellt worden, daß es keine Gesetzeserfüllung ohne inneres Mitschwingen gibt, keine Erfüllung der Handlung ohne Erfülltheit des Innern. Obwohl das sch'ma jisroel erst im V. Buche Moschehs niedergeschrieben ist, wird es dem Abschnitte über die Heiligung des Menschen durch die Bindung der Gebote (4. B. M. 15, 37) vorangestellt; weil es zuerst gilt, durch Berührung mit den Quadern des Weltbaues, durch Selbstbesinnung des jüdischen Menschen und der jüdischen Gesellschaft das Joch des Himmels auf sich zu nehmen und erst dann, so im Innersten vorbereitet, auch dem äußeren Leben, dem Tun die jüdische Formung zu geben. Nicht aufgezwungen wird der unmittelbare Anblick des Himmels, das Versinken der Erde zu einem der winzigsten Sterne im All, nicht aufgezwungen wird die unmittelbare Willensvollstreckung des Schöpfers durch die Projizierung der Weltgesetze ins jüdische Menschenleben, freiwillig, in vollster freudigster Besinnung, hat der Jude das Joch der Weltenschau und das Joch der jüdischen Lebensordnung auf sich zu nehmen. Was über den Auszug des Gesamtvolkes aus Mizrajim in der Pessachhaggadah gesagt wird, gilt auch für die Befreiung des jüdischen Einzelnen aus dem Mizrajim seines persönlichen Lebens: „Und der Ewige führte uns aus Ägypten» — nicht durch einen Engel, nicht durch einen Seraph, auch nicht durch einen Gesandten; sondern der Heilige — gelobt sei er — in seiner Herrlichkeit selbs t." Kein Priester und keine Schule und Schulung kann jene völlige innere Umwandlung erwirken, die eine Stunde des Welten-Bewußtseins im Juden vermag. Das ist die Stunde, von der Ben Asai in den Pirkej Owaus spricht: „Halte keinen Menschen für gering und kein Ding für unmöglich, denn es gibt keinen Menschen, für den nicht seine Stunde kommt, und kein Ding, das nicht seine Stätte fände." (Ow. 4, 3.) Freiwillig, nicht bloß aus der Verpflichtung der Väter, wird die jüdische Lehre übernommen. Soll sie fruchtbar sich auswirken, soll sie mehr als Lebenszierat bedeuten, dann bedarf es nicht geistreicher und geistreichelnder Klügeleien, um eigenes Lebensgefühl und jüdische Lebensordnung in Einklang zu bringen. Wem die Lehre aus weiter räumlicher oder zeitlicher Ferne ins Innere klingt, der wird sie niemals bei sich beheimaten, auch dann nicht, wenn seine Hand das tut, was sein Verstand am liebsten unterlassen möchte. „Denn dies Gebot, das ich Dir heute gebe, ist Dir nicht zu schwer und liegt Dir nicht zu fern. Es ist n i c h t im Himmel, daß Du sagen könntest: ,Wer wollte für uns in den Himmel steigen, es zu holen und zu verkündigen, daß wir danach tun.' Und es ist nicht jenseits des Meeres, daß Du sagen könntest: ,Wer wollte für uns über das Meer fahren, es zu holen und zu verkündigen, daß wir danach tun.' Sondern sehr nahe ist Dir das Wort, in Deinem Munde und in Deinem Herzen, um es zu erfüllen. Sieh, ich habe Dir hingegeben heute das Leben und das Gute, den Tod und das Böse." (V. B. M. 30, 1 1 f.) Aus dem einen, einmaligen, grundlegenden Verstehen der Einigung des Menschen mit der Welt, und der Welt mit ihrem Schöpfer, baut sich auf der vielfältige, tausendtürmige Bau der jüdischen Lebenshaltung. Aus dem Gebot, das Wort des Weltwillens in sich vernehmbar zu machen, leitet sich ab die unscheinbarste Einzelheit der unscheinbarsten jüdischen Lebensforschung. In der im vorstehenden angeführten Stelle heißt es nicht im Eingange „Denn diese Gebote", sondern ,,D e n n dieses Gebot.. .". Deshalb schreibt David Hoff mann Vitt : »»Die ganze Thorah wird hier in der Einzahl als hamizwoh bezeichnet, um damit die Leichtigkeit ihrer Auslegung darzulegen, als wäre alles nur e i n Gebot"*). *) Das Buch Dcuteronomium. Übersetzt und erklärt von Dr. D. Hoifrrtnnn. Zweiter Halbband, Berlin, M. Poppelauer, 1922. S. 147. Die ganze, unteilbare Lehre empfängt jeder Jude einsam von Gott, und die Worte der Überlieferung sind die kostbaren Anhaltspunkte auf seiner von den Vätern sorgsam betreuten Wanderung in die Unendlichkeit. Kein Priester vermag ihm hier zu helfen, einsam ist er gekommen und einsam muß er gehen. Als dieAhroniden zu den Priestern des jüdischen Volkes bestimmt wurden, galten sie nicht als vermittelnde Sonderkaste, sondern als die Mitte, als das Herz des Volkes: „Und laß Deinen Bruder Ahron und seine Söhne aus der Mitte der Kinder Jisrael zu Dir hintreten, daß er mir Priester sei —". (II. B. M. 28., 1.) Wenn der einzelne Jude sich anschickt, vor Gott zu treten, sei es im Gebet oder sei es bei der letzten Wanderung, dann muß auch er es aus seiner Mitte heraus tun. Wessen Herz nicht ganz beim Dienst um Gott ist, wird immer in Mizrajim unbefreit leben, auch dann, wenn er sich in das Gehaben eines Juden kleidet. II. Das Gesetz ist uns gegeben: nicht nur zur Befolgung seiner Gebote, sondern auch zur Behütung seines Sinnes. „Meine Gebote hütet und handelt danach —" (III. B. M. 26, 3) *). R a s c h i erklärt dies: „Bemüht Euch mit der Thorah, mit der Absicht zu hüten u n d zu erfüllen; es heißt, lernet sie und achtet darauf, sie zu erfüllen." Daraus ist ersichtlich, daß nur derjenige ein Gebot zur Gänze erfüllen kann, der es als Wissender ausübt. *) Vgl. Jos I, 7 und viele andere Stellen. IliTuinnii l'ucliniKncli ' 1'lomi/ Holzschnitt AUFBAU