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Menorah · 1924-07-01 · Heft 7 (Juli 1924) · p. Seite 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 7 (Juli 1924)
Article
Gilgul
Date
1924-07-01
Page
Seite 13 (sequence 3)
Language
German
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M E N O R A H 13 seiner Phantasie zu wenig Spielraum, und so dichtete er sich selbst Geschichten. In seinen Träumen erschienen ihm Menschen und Gegenden, die er in Wirklichkeit nie gesehen hatte. Er sah sich groß und erwachsen und lebte in einer großen Stadt mit vielen Gassen und Häusern. Er war der kleine Elieser, der am Bache hinter dem Häuschen spielte, der an der Hand der Mutter kleine Spaziergänge machte, auf den Wiesen und Feldern sich tummelte und alle Nachbarn und Kinder des Ortes kannte. Es gab aber auch einen anderen Elieser, einen großen, starken Mann mit dunklem Bart, der in einem anderen Orte und einem anderen Hause wohnte, und das Leben dieses Elieser tauchte in einer Reihe von Bildern in einsamen Stunden vor ihm auf, und dann lebte er in einer Welt, die weitab von seinem Geburtshause lag. Und so führte der Knabe neben der Wirklichkeit gleichsam ein zweites Dasein. Er nannte diesen Mann „Elieser der Herr". Er sah ihn in seinem Studierzimmer, das mit Büchern ganz angefüllt war. Er saß über großen dicken Büchern und studierte. Elieser konnte die aufgeschlagenen Seiten sehen, die mit seltsamen Buchstaben bedruckt waren. Er war mit einem vornehmen Gewand angetan und wohnte in einem schönen Hause mit vielen Giebeln und Türmen. Das Flaus stand in einer stillen Gasse, die mit Bäumen bepflanzt war. Zwei Steinlöwen standen am Eingang, und im Vorhaus hing eine kleine blinkende Kupferlampe. Elieser kannte jeden Raum in diesem Hause. Da war ein Zimmer, dessen Wände und Möbel ganz schwarz waren, in einem anderen waren die Möbel dunkelrot und die Wände vergoldet. Der Herr des Hauses saß immer in seinem Studierzimmer, wo in einem Winkel hinter einem Vorhang sein Bett aufgeschlagen war, und er verließ dieses Zimmer nur, wenn er in der Stadt Wichtiges zu besorgen hatte. Wer war dieser Mann? Oft stellte der Knabe die Frage an sich. Es war ein Gelehrter, ein Mann, dem alle Leute ob seines großen Wissens mit Ehrfurcht begegneten, das war außer Zweifel. Vergebens fragte sich Elieser, ob dieser Mann auch in Wirklichkeil existiere, ob er je gelebt hatte und nicht nur in der Phantasie sein Dasein führte. V. Noch andere Bilder sah der Knabe im Geiste: Oft hatte er eine Vision, wie ein Erlebnis klar. Er sah eine fette Weide auf einem Berggipfel. Das sattgrüne Gras war viele Fuß hoch, daß man ganz darin versinken konnte, und im Grase tummelte sich eine Viehherde. Er selbst wurde von einem ungeheuren Tiere mit Hörnern behütet, doch an sein eigenes Aussehen konnte er sich nicht erinnern. Er wußte nur, daß er winzig klein und schutzbedürftig war. Da erlosch die Sonne plötzlich, die bisnun heiß geglüht hatte, und er gewahrte etwas Dunkles, das Flügel hatte und sich mit großer Geschwindigkeit niedersenkte. Das Dunkle warf sich auf ihn und er verspürte einen heftigen Schmerz, doch da kam das große Tier mit schrecklichem Gebrüll herbeigestürzt, warf das Dunkle zur Erde und stieß und trat nach ihm, bis er zerfetzt und blutig dalag, und hörte nicht eher auf, es zu zerstampfen, bis es eine unkenntliche schmutzige Masse war. Und seitdem das Dunkle zu Boden geworfen war, schien die Sonne wieder hell und klar wrie früher . . . Kaum daß ihn seine Beinchen recht tragen konnten, machte der Knabe Entdeckungsreisen in die nächste Umgebung des Hauses. Er liebte es, hinter den Weiden versteckt, lange auf das fließende Wasser und auf die weißen blmkenden Steinchen zu blicken. Dort konnte er träumen und die Umwelt vergessen. Mit Vorliebe hielt er sich im Freien auf. Eines Nachts erwachte Gitel und sah zu ihrem Schrecken, daß der Knabe nicht an ihrer Seite lag. Sie weckte Henoch, und vergebens suchten sie im ganzen Hause, bis sie ihn im Gärtchen ruhig schlafend fanden. Einmal nahm Henoch den Knaben auf eine Alm unweit vom Orte mit. Beim Anblick der vielen Tiere war der Knabe außer sich vor Freude, und im Geiste sah er die Viehherde auf der üppiggrünen Bergwiese, die ihm in seiner Phantasie so oft erschienen war. Elieser verbrachte den ganzen Tag bei der Herde, und Henoch hatte ordentlich Mühe, bis er ihn bewegen konnte, nach Hause zurückzukehren. Nach zwei Tagen verschwand der Knabe aus der elterlichen Wohnung, und vergebens suchte man ihn im ganzen Orte. Henoch befürchtete ein Unglück und schickte Leute in die Umgebung, doch nirgends hatte man den Knaben gesehen. Gitel war einer Ohnmacht nahe. Schon war die Nacht hereingebrochen. Als der Tag kaum dämmerte, machte sich Henoch mit einei Anzahl Bauern auf, um den Bergwald zu durchstreifen, und nach stundenlangem Suchen fanden sie Elieser im Walde unweit der Alm allein unter einer Tanne sitzen. Auf alle Fragen hatte der Knabe nur die eine Antwort: „Ich muß zu den Kühen und Schalen auf der Bergwiese zurückkehren." VI. Elieser wurde fünf Jahre alt. Da geschah es, daß ihn der Vater eines Morgens bei der Hand nahm und zu Reb Wolf, dem Kinderlehrer des Ortes, führte. „Hier übergebe ich Euch meinen Sohn", sagte Flenoch. „Erzieht ihn zu einem frommen und gelehrten Mann, denn er soll Rabbi werden." Reb Wolf hob den Knaben auf seinen Schoß und streichelte ihm die Wangen. Am Tisch saßen etwa ein Dutzend Knaben, die den neuen Schüler neugierig betrachteten. „Willst du ein Gelehrter werden?" fragte der Lehrer, und der Knabe nickte bejahend. (Fortsetzung folgt.)

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