Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1924)
- Article
- Gilgul
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 11 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH II HERMANN BLUMENTHAL / GILGUL EIN ROMAN AUS DIESER UND JENER WELT Copyright 1U2-I by Hermann Blunicntlial, Vienna / Nachdruck verholen / Alle Nechte gewahrt Hermann Blumenthal, der Dichter der polnischen Juden und der galizischen Heimaterde, wurde am 28. Oktober 1880 in Bolechow, Galizien, geboren und lebt in Wien. Dr. Theodor Herzt und Dr. Gustav Karpeles wurden zuerst auf sein Talent aufmerksam. Im Jahre 1906 erschien der erste Teil der Rom antologie eines jungen Juden unserer Zeit „Der Weg der Jugend", unter dein Titel „Kindheitsiase". Im Jahre 1908 folgte der zweite Band „Knabenaller" und 1910 der dritte „Jünglingsjahre". 1912 erschien der Boryslawer Petroleumroman ,,Der Weg zum Reichtum" und 1914 der Bauernroman aus dem 18. Jahrhundert ,,Der Herr der Karpathen". Blumenthal erlebte den Anfang des Krieges in seiner Heimat und schrieb das Novellenbuch „Galizien" (4. Auflage) . Fünf Jahre lebte Blumenthal in Berlin und war dort eine Zeitlang Redakteur der von Georg Brandes und Werner Sombart herausgegebenen Zeitschrift „Morgen". Dort lernte er Arthur Landsberger kennen, mit dem gemeinsam er die Sammelbücher „Jüdische Sprüchwörter", „Das Ghettobuch" (20. Auflage) und „Das Volk des Ghetto" (20. Auflage) herausgab. Im Jahre 1921 veröffentlichte Blumenthal das Novellenbuch „Ausgewählte Erzählungen" von David Pinski und hat dadurch dem deutschen L.eser den Erzähler Pinski nähergebracht. An eigenen Arbeiten erschienen im Jahre 19)9 das Novellenbuch „Polnische Judengeschichten" und 1921 der Ghettoroman „Die Abtrünnige". I. Es war um die Zeit, als Israel Bai Schern noch auf Erden wandelte. Man zählte I 720, und der heilige Mann war noch jung an Jahren. Zu jener Zeit lebte er einsam in einer Holzhütte im Bergwalde der Karpathen und bereitete sich auf seine Sendung vor; der Jüngling streifte durch die Felsenklüfte und Tannenwälder und diente Gott auf seine Art, indem er mit großer Andacht und Inbrunst betete und sich an der Allnalur berauschte. Er fastete viel und lebte von Früchten und trockenem Brot, das er in der Glut der Sonne buk. An jedem Freitag verließ Israel das Gebirge, um den Sabbat mit den Seinigen im Dorfe Okup zu verbringen. An eintm Freita&morgen geschah es nun, daß der Jüngling, als er von den Bergen niederstieg, von einem Gewitter überrascht wurde und sich genötigt sah, in der ersten Hütte auf dem Wege Schulz vor dem Unwetter zu suchen. Die Flütte gehörte dem jüdischen Schächter Henoch. Der Schächter nahm Israel freundlich auf und sie kamen ins Gespräch. Henoch erkannte bald, daß der F remde ein gelehrter Mann sei, und da es draußen immer heftiger regnete, sagte er, zum Fenster tretend: „Der Himmel verzieht sich immer mehr, und Ihr werdet heute Euer Dorf nicht mehr erreichen können, darum bitte ich Euch, seid mein Gast über Sabbat." Israel nahm die Einladung an, und als die Dämmerung anbrach und die Sabbatkerzen aulflammten, setzten sich die Männer zum Gebet. Als Henoch sah, mit welcher Innigkeit Israel betete, dankte er im stillen dem Allmächtigen, daß er ihm für den Sabbat einen so frommen Gast beschert habe. Mit glockenheller Stimme sang Israel das Lied vom Eingang des Sabbat, und Hennoch fiel mit seiner Baßstimme ein, dann sprachen sie den Segen über den Wein. Sie setzten sich zu Tisch und Gitel, die Frau des Schächters, trug die Speisen auf. Hell und warm war es in der Stube, während draußen die Regentropfen ans Fenster trommelten. Die Männer kamen ins Gespräch, doch Gitel saß ernst da und sprach kein Wort. Israel betrachtete sie und las eine Wehmut in ihrem Gesicht. Nach dem Essen sangen die Männer das Dankgebet, dann saßen sie lange schweigend und horchten auf das Aufschlagen der Regentropien und das leise Zischen der Sabbatkerzen. Als Gitel für eine Weile die Stube verließ, meinte Israel: „Euer Weib scheint von einem Kummer bedrückt zu sein." Seufzend erwiderte Henoch: „Es ist der größte Schmerz ihres Lebens, daß wir nach zwölfjähriger Ehe kinderlos geblieben sind. Mein Weib kommt immer mehr herunter und ich weiß keinen Trcst für sie. Wir sind uns keiner Sünde bewußt. Ihr seid ein frommer Mann, darum bitte ich E\uch, segnet sie, damit sie fruchtbar werde. Vielleicht bringt uns Eure Fürsprache Erfüllung des heißersehnten Wunsches." Israel erwiderte: „Der Mensch soll nie etwas wünschen, was ihm Gott vorenthalten hat. Es ist wahr, ein Kind bringt Freude ins Haus, aber wer weiß, ob Euch nicht Sorgen und Kümmernisse ohne Zahl beschieden sind, wenn Euer Wunsch in Erfüllung geht. Fügt Euch daher dem Ratschluß Gottes." „Nehmt uns den Trost nicht", bat Henoch. „Alles wollen wir ertragen, wenn uns Gott nur ein Kind beschert. Mein Weib wird sonst vor Kummer sterben." Gitel trat ein und die Männer schwiegen. Israel betrachtete sie, sie schien noch jung, vielleicht Anfang der Dreißig, aber ihr Gesicht war verhärmt. Sie gingen früh zu Bett, und nach der durchstürmten Nacht war der Morgen sonnig und heiter. Nach dem Gebet des Sabbatausganges nahm Israel Abschied von seinen Wirtsleuten, die ihn bis zur Tür des Flauses begleiteten. Israel hatte Mitleid mit Henoch und seinem Weibe. Bevor er das Haus verließ, legte er segnend die Hand auf den Scheitel Gilels, die gebückt und demütig vor ihm stand und sprach: „Möge der Herr, unser Gott, Euren Wunsch erfüllen und Euch Kindersegen bescheren." II. Das Lehmhäuschen des Schächters stand im Dörfchen Gora, am Abhang der Karpathen und bestand aus einer Stube, der Küche und dem Geflügelschlachtraume. Hinter dem Hause stand das Vieh an Pflöcken angebunden, denn einen Stall kannte man zu