Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Article
- Tel Awiw
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 12 (sequence 1)
- Language
- German
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12 MENORAH Tel-Awiw Vier Jahre sind es her, seitdem ich zum ersten Male die Straße zum Herzl-Gymnasium schritt. Zwei Stunden vorher hatte ich den Boden Palästinas betreten. Meine Seele war leer, ganz leer und aller Gefühle bar. Sie hörte nicht, sie sah nicht. Mein Körper selbst war empfindungslos. Die Sonne brannte heiß, als bereitete sie sich zu den berüchtigten Sfirah-Tagen zwischen Pessach und Sch'wuoth vor. Ich trug einen schweren Soldatenmantel, das Zeichen der europäischen Knechtschaft, über Winterkleidern, aber ich fühlte keine Hitze, keinen Schweiß. Hast du schon deine Hand in eine Schüssel kalten Wassers gesteckt, das du heiß vermutetest? Für eine kurze Sekunde schien da alles Empfinden ausgelöscht, bis du doppelt die Kälte spürlest. War ich nicht mit glühender Sehnsucht als einer der ersten der neuen Alijah nach Erez Jisrael geeilt? Mußte ich nicht, als mir die ersten Stunden deutlich zuraunten: Ein Land wie andere — mit Menschen wir anderwärts. Ebenso Kampf und Hast und die bis zum Grunde geleerte Pandorabüchse aller bösen Eigenschaften, Triebe und Leidenschaften wie in Europa — mußte ich nicht für eine Frist gefühl- und empfindungslos werden, um dann in zwiefacher Enttäuschung zu rasen?----- Da traf ich die kleine Näherin aus Warschau, die mit mir die drei Wochen übers Mittelländische Meer gefahren war. Ich fragte sie: ,,Wie gefällt dir Erez Jisrael, wie Tel-Awiw?" Und mit einem glücklichen Lächeln der dunklen Augen antwortete sie: „Ach, so schön! — Bei uns in Galuth nennt man dies Land, hier — Stadt. Ach, wie schön, wie sonnig, wie klar der Himmel!" So sprach die kleine, tapfere Näherin, die die luft- und lichtlose Konfektionswerkstätte Warschaus verlassen hatte, für nichts mehr und nichts weniger als — das Sonnenland der Ahnen. Tief beschämt senkte ich den Blick: Verwöhnter . . .! Und immer wieder, mochte mich auch mein Weg und die leidige Arbeitssuche übers Land führen, bis zum Fuße des Hermon, bis zum Rande der südlichen Wüste, kam ich für einige Zeit nach Tel-Awiw. Und klar stehen seine Metamorphosen vor meinen Augen. Hin und wieder begegnete ich der tapferen Näherin. Bald war sie Handlangerin bei Bauten — in ihrem echt jüdischen Streben wollte sie das Maurerhandwerk erlernen und entrüstete sich sehr über die männliche Konkurrenz, die dies nicht zuließ, bald Dienstbote, dann in einer Wäscherei, und diesmal arbeitslos bei einer verheirateten Freundin im Unterkommen. Jedoch niemals geneigt, das Land zu verlassen. Ich aber lachte bei mir zur Rache für die einstige Beschämung: brauchst nicht zurück nach Warschau, die Nalewki sind dir nachgekommen. Im schmutzigen Girardihut verkauft ein Jüngel Hosenträger auf der Straße. Im Kinderwagen schiebt ein abgehärmtes Weib Brote und hält sie feil. Und Valuten gibt es auch und was das Herz begehrt. Jetzt siehst du wohl auch das Galuth trotz ein bißchen Sonne und ein paar Vorgärtchen. Ha-ha-ha, wer hatte recht? — Dies dachte ich. Tel-Awiw, du warst vormals ein zartes Judenmädchen mit einer hohen, hellen Stirne und zwei Schneckenzöpfen an den Schlafen. Ein bißchen hochmütig oder mehr langweilig? Ein balbattisches Kind eben. Voll jüdischen Tams. — Weh', so schnell bist du fett und häßlich 'worden; die Schminke läßt die Runzeln ahnen. Ja, soll ich's verraten? Du hast dich verkauft, und den Schandlohn haben die Kuppler geteilt! Wäret Ihr hier mit mir, würdet Ihr verständnisvoll mit dem Kopfe nicken, und ich müßte nichts erklären. Tel-Awiw war ein Feiertagsstädtchen, eine Feierabendbank vor der Werkstätte. Nun, ein Cottageviertel der Jaffaer Kaufleute, wohin sie nach Geschäftsschluß zu ihren Familien eilten und wo sie ihre Kinder ins hebräische Gymnasium schickten. Wie eine Stirn mit krausen, unreifen Gedanken stand es da und schloß die Herzlstraße wie ein Wachthaus ab. Und ebenso wurde die Rothschildallee, die die Avenue querte, durch das Stadthaus mit dem doppelten Wasserturm auf der einen, durch ein Privathaus auf der anderen Seite verrammelt. Der Eisenbahnübergang :\m Anfang der Herzlstraße wurde zum Tore Tel-Awiws und erhöhte den abgeschlossenen Charakter des Viertels — fast eine Festung, wie viele Siedlungen im Lande. Die Geleise aber schieden wie der Gürtel eines Chassid Reines vom Unreinen. Das Feiertagsstädtchen von den wenigen Läden. Das war Tel-Awiw und ein scharfes Auge erkennt es auch heute: den verfallenen Liebreiz unter dem modischen Hute, trotz Puder und mißtönigen Kreischens. Schon vor Kriegsbeginn wuchs Tel-Awiw über den allzu enggezogenen Rahmen hinaus. Es nahm die kleinen Neusiedlungen Nachlath Benjamin und Chewrah Chadaschah auf und vereinigte sich mit ihnen. Doch schon wenige Schritte hinter dem Gymnasium, beim merkwürdigen Gebäude Spektor mit seinen Zu-, Auf- und Anbauten (heute Hadassah-Hospital), rieselte der Dünensand. Noch einige verstreute Arbeiterhäuschen auf dem Hügel, wo auch die Herberge für Einwanderer stand. Fern vom Jaffaer Hafen, von den lauten Kaufleuten, Spediteuren, Zollbeamten, Bootsleuten und Trägern, fern von der betriebsamen Bostrosstraße, vom geschäftigen Basar, von Neve- Schalom, dem ersten Judenviertel von Jaffa, wo im Sommer die Melonenschalen faulen und im Winter die Pfützen die Fußgänger zu Umwegen zwingen, träumte Tel-Awiw seine Backfischträume. Selten störte es das Klingeln eine Droschke; mittags freute es sich mit den Schulkindern, abends mit den Spaziergängern zwischen jungen Bäumchen. Der Krieg riß Tel-Awiw aus seinem Dämmern, seiner Muße. Der Krieg und die Gernschah, die Vertreibung der Einwohner ins Hinterland. Auf schnell errafften Wägelchen zogen sie über Petach-Tikwah nach Kfar-Saba und weiter nach Schomron und dem Galil. Schweigen wir von der Not, von den Leiden der Vertriebenen. Einsam blieb Tel-Awiw, wenigen Hütern überlassen. Drohend zeigten sich Kriegsschiffe und Äroplane. In den leeren Räumen widerhallte der Donner der Schlachten. — Die Emigranten kehrten zurück und begannen ihre alten Geschäfte aufzunehmen, und sie harrten des Tages, da neue Kräfte aus dem Galuth kämen, die schwere Last des Palästinalebens von ihren Schultern zu nehmen. Und die Neuen kamen. Tel-Awiw zierte sich schämig, doch warf es kokette Blicke nach allen Seiten und lauerte auf die Börsen. — Es kamen Kapitalisten (zum Teil ohne Geld) und Chaluzim. Die Kapitalisten kamen nach Tel-Awiw und sahen, daß es gut sei, hier Häuser zu bauen, denn die Zinse waren hoch. Warum Gewerbe und Industrien betreiben, warum Pflanzungen anlegen, wenn die Häuser sich mit 20 bis 25% verzinsten? Die Kapitalisten aus den United States, aus Kanada, Australien, Südafrika bauten und die Chaluzim bauten mit ihren Händen. Die Kapitalisten ohne Geld aber borgten bei den Banken, kreditierten und girierten einander und bauten, bis das Geld . . . (Halt! davon später). Und so wuchs Tel-Awiw. Es verschmolz mit Neve Schalom und Neve-Zedek, den jüdischen Vierteln Jaffas. Es umschloß die deutsche Siedlung Wilhelmina und das Quartier der arabischen Fischer an der Küste und erreichte die deutsche Kolonie Sarona. Als Hauptstraße parallel zur Herzlstraße, deren Ausbau das Gymnasium hinderte, wurde die Allenby-Straße angelegt. Es entstand das Viertel des Flandwerkervereines und das Viertel der „Wohnungslosen" bis zu den Orangengärten im Norden. Der Block des Kaufleutevereines und das Quartier Neve-Schaanan bis zu den Gärten und der russischen Kirche im Osten. Tel Nordau und Nordia, wo erst nur der Friedhof weit draußen in aufgelassenen Weinbergen lag. Am Strande wurde das „Kasino" und Badeanstalten — o paradiesisches Spiel in den Wellen — in drei Minuten Entfernung vom „alten" Tel-Awiw vor vier Jahren gebaut und der Herbert-Samuel-Boulevard betoniert. So wurde Tel-Awiw zur Stadt. Für wen? Weshalb? Wo waren die Bauern, die hier ihren Bedarf an den Erzeugnissen der Industrie eindeckten? Wo vor allem die Betriebe, in denen die