Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Article
- Warum ich meine Braut nicht bekommen habe
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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10 MENORAH DIE MUSIKANTEN I. Rytiack (Berlin) IN DER SYNAGOGE I. Kyhack (Uerlin) Wir erkannten einander sofort, verständigten uns lasch, unauffällig durch Blicke und Zeichen. Es ging so leicht. Wir fühlten, daß der eine dcch nur genau dasselbe denken konnte, was der andere dachte . . . Taufeucht war das dämmerige Feld, und die weißen Kirschbäume sprühten Silberfunken. Unter den Kirschbäumen stand Freudele und lachte. Lachte über unseren gelungenen Streich. Wir schauten einander an und sprachen und sprachen, und wußten nicht einmal, Avas. „Dein Vater kommt heute abend zu meinem," erzählte Freudele, „er wird mit ihm alles besprechen, du verstehst mich, schon. Denn morgen fahren wir wieder weg. Wirst du mir schreiben, Mendele, sag', Avas wirst du mir zum Beispiel schreiben?" Und wir besprachen ganz genau, wie und was wir einander schreiben wollten. „Du bist sehr hübsch geworden," sagte Freudele in ihrer sachlichen Art, „und du bist auch, nicht mehr so klein und so dumm wie vor zwei Jahren." Ich konnte nicht so fröhlich sein wie sie. Ich hatte Angst. Es konnte doch immer jemand kommen und uns sehen. „Du Narr," sagte Freudele, „und was macht es schon, wenn jemand kommt? Du bist doch mein Bräutigam. Es ist doch ganz in Ordnung, wenn du mich lieb hast." Ich hätte ihr gerne klar gemacht, was mich bedrückte. Was mir an der ganzen Sache so verhängnisvoll unwirklich erschien. „Nein, Freudele," sagte ich, „in Ordnung ist es sicher nicht. Das ist ja vielleicht auch das Schöne daran. Schau, hast du schon einmal gehört, daß zwei jüdische Kinder einander lieb haben sollen, lieb in der Art, wie wir, und noch dazu vor der Hochzeit? Hast du schon einmal deinen Vater oder deine Mutter über Liebe sprechen gehört? Ich glaube, das ist darum, weil unsere Juden immer so viele Sorgen und so viele traurige Sachen im Kopf haben. Da haben sie einfach keine Zeit dazu. Und wenn dann doch einer kommt und so ein Wesen daraus macht, dann sind sie böse, sehr böse auf ihn." Aber sie hatte nicht einmal zugehört . . . Sie schaute mich nur immer mit ihren schwarzen, glänzenden Augen an, schaute, als ob sie etwas von mir erwarten würde. Ein Märchen, ein Wunder, etwas Schönes, Seltsames, nie Gekanntes. Ich fühlte mein Herz unter ihren Blicken schlagen, stolz und angstvoll zugleich. Denn eine dunkle Ahnung verließ mich nicht, daß es nie würde sein können. Weil es zu schön war. Weil es doch nur ein Traum war, der sich in die Wirklichkeit verirrt hatte. . . Spät, spät abends wartete sie vor ihrem Haustor auf mich. Wir wollten noch einmal Abschied nehmen. In der Dunkelheit sah ich ihre erwartungsvollen Augen vor mir, ihren erwartungsvollen Mund, sah die ganze süße, erwartungsvolle Mädchengestalt. Ich küßte sie verzweifelt, ich konnte mich nicht entschließen, ihre Lippen loszulassen, weil ich Angst hatte, daß sie dann in nichts zerrinnen würde für immer und ewig. Freudeies Augen schlössen sich nicht, brennend schwarz waren sie und fragten und fragten. . . Was dann kam, war endloses StimmengeAvirr. Menschen umstanden uns, der Vater, die Mutter, der Rebbe, Freunde und Fremde. Ich hörte die Mutter jammern und klagen: „Was ist aus meinem Kind geAvorden, Gewalt, was ist aus Mendele ge- Avorden, er war doch immer so ein wojler, feiner, stiller Chussenbucher." Mein Vater aber sagte respektvoll: „Rebbe, Ihr werdet mich ja verstehen, Avenn ich Eure Tochter jetzt nicht mehr;:ur Schwiegertochter will. Ihr wollt ja sicher auch meinen Sohn nicht mehr. Ich kann jetzt überhaupt nicht daran denken, ihn zu verheiraten. Ich muß ihn Avegschicken, unter strenge Aufsicht geben und schauen, daß ich ihm wieder seine schlechten Gedanken austreibe. Dei Rebbe stimmte mit ein paar Avürdevollen Worten zu. Freudele Aveinte unaufhörlich. „Ihr dummen Menschen," schrie sie, „Ihr närrischen Menschen! Was wollt Ihr von uns? Wenn er mich nicht lieb gehabt hätte, dann hätte ich ihn bekommen, und Aveil er mich lieb hat, darum bekomme ich ihn nicht. O Ihr dummen, dummen, dummen Menschen!" Ich hörte Freudeies Stimme nur noch von ferne und Avunderte mich, daß selbst ihr Weinen und Schreien so schön klang, Avie ein trauriges Lied. Tags darauf Aveckte mich der Vater sehr zeitlich, hieß mich aufstehen und einpacken. Wir stiegen in den Wagen (die Eisenbahn Avurde noch damals bei uns höchstens als Gesprächsthema benützt), um nach Wiznia zu fahren. Dort Avohnten die Verwandten meines Vaters, strenge, fromme Leute. Bei denen sollte ich ein Jahr lang bleiben und fleißig lernen. Eintöniges Regengeplätscher begleitete unsere stille Fahrt. Ruhig saß ich da, tränenlos, und schaute nur immer unvenvandt meinen Vater an. Schaute in sein vergrämtes, versorgtes Judenantlitz, bis ich voll begriff, warum er mir zürnte und warum er so an mir gehandelt hatte. Und ich dachte, daß alte Leute eben Avahrscheinlich dazu da sind, um Ordnung zu halten. Nun, da sich einmal der Traum einer Frühlingsnacht in die leidbedrückte, entsagungsvolle Wirklichkeit unseres düsteren Ghetto verirrt hatte, nun fanden sie mit Recht, daß er nicht hergehörte, und haben ihn einfach hinausgetrieben. Und er ist dann auch nie, nie Aviedergekehrt. Hübners Kur§alon-Restaurant Feinste Küche Für Hochzeiten, Bankelte und Diners stehen herrliche SSle zur kostenlosen Verfügung Täglich 5-Uhr-Tee mit Tanx. Telephon Nr. 578.