Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Article
- Warum ich meine Braut nicht bekommen habe
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 9 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H 9 Klara Blum / Warum ich meine Braut nicht bekommen habe Chcltomärchen Auf dem Tische stand ein großer, schöner, knusperig weicher Schabbeskugel*). Es schmeckte einem schon, wenn man ihn ansah. Warm war es im Zimmer, festlich froh. Jeder kleinste Winkel hatte ein freundliches Gesicht. Und das freundlichste Gesicht hatte der große, runde Schabbeskugel. Ich weiß eigentlich nicht, warum ich schon wieder von ihm angefangen habe. Er hat ja mit der ganzen Geschichte blutwenig zu tun. Und doch — wenn ich daran zurückdenke, muß ich immer beim Schabbeskugel beginnen, spüre sekundenlang seinen feinen, würzigen Duft und die zarte Wärme der beiden schlanken Kerzen. Mutter ging durchs Zimmer. Sie schlich ein paar Mal um mich herum und betrachtete mich verstohlen. Trug unschlüssig das her und jenes dorthin. Blieb stehen, öffnete den Mund. Schloß ihn wieder. Lächelte. Ging weiter. Kam plötzlich auf mich zu, küßte mich, weinte, wischte sich die Augen und sagte schließlich: ,,Mendele, sollst mir leben und gesund sein ... du bekommst eine schöne, feine Braut." — Ich war ganz in den Schabbeskugel vertieft und verstand sie nicht gleich. Dann aber begriff ich. Und lächelte schlau. Denn mir wurde auf einmal der Zusammenhang klar. Ich war nämlich schon sehr klug, ein wahres Wunderkind, mit meinen vierzehn Jahren. Vorgestern hatte mich der Bukaczowcer Rebbe rufen lassen. Das war eine hohe Ehre und ich hatte mich sehr gefreut. Er hatte mich gründlich Talmud und Gemarah geprüft und ich hatte ihm schön auf alles geantwortet, denn ich war ein Ilui, das heißt, ein ganz besonderer Musterschüler, und ich wußte so viel auswendig, daß ich es noch heute nicht begreife, wie mein kleiner Kopf das alles behalten konnte. Zu Hause aber hatten die Eltern mich ganz merkwürdig sorgsam ausgefragt und einander angeschaut und gelächelt, und wieder gefragt und wieder gelächelt. Nun wußte ich alles. Und war stolz, furchtbar stolz. Der Rebbe hatte mich geprüft, nun wollte er mich zum Schwiegersohn. Das war ein Beweis; daß ich meine Lektion gut, sehr gut, ganz ungewöhnlich gut gekonnt hatte. Das ganze Heiraten erschien mir plötzlich nur wie eine komplizierte Einrichtung zur Belobung braver, fleißiger Buben. Und ich freute mich . . . Die Kerzen schauten mit hellen Augen auf mich herab und der große, runde Schabbeskugel lachte mich an. Dann bekam ich einen neuen seidenen Kaftan. Das war für die Verlobung. Bei der Verlobung sah ich die Braut. Sie war so alt wie ich und hatte dicke, schwarze Zöpfe. Wir sprachen nichts miteinander und sie kam mir auch sehr nebensächlich vor. Ich schaute immer nur den Rebben an, ob er noch etwas sagen, mich noch loben würde. Er aber lächelte immerfort sein gleichmäßiges Lächeln und strich mit der linken Hand langsam über seinen schönen schwarzen Bart. Es wurde vereinbart, daß wir erst in zwei bis drei Jahren heiraten sollten. Das war so üblich in unserem kleinen galizischen Städtchen. Mutter weinte und küßte mich, und Vater lächelte stolz und sagte: „Bist a wojler Chussenbucher**). Sehr selbstzufrieden schlief ich abends ein. # . . . „Ich habe eine Braut!" . . . Zwei Jahre später war es, nachts. Das Fenster war offen, warm duftender Tauwind wehte herein, wühlte in meinen Haaren und spielte mit meinen Schläfenlocken. Halbwach lag ich da, seltsam benommen. Mir war auf einmal der Gedanke gekommen, im Traum, im Halbschlaf, ich wußte nicht wie. Wie eine große, leuchtende, windgelöste Blume durchs Fenster geflogen kommt und starkduftend auf einen herabfällt. Wie eine Stimme, die man im Erwachen hört, die fremd klingt und doch die eigene ist. Hatte *) Eine SabballimcWspeisc. f*) Bräutigam. es jemand gesagt? An meinem Bette saß plötzlich eine weiche Gestalt, ein Weib. Die Mutter. Und doch nicht die Mutter. Sie lachte dunkel und erzählte immer wieder: „Mendcle, sollst mir leben, du hast eine Braut, eine schöne Braut, eine feine Braut". Und ich lauschte, lauschte unersättlich, lauschte, als ob sie mir ein nie gehörtes, spannendes Märchen erzählen würde. Und ich wußte: alles war ein Traum. Was sie erzählte, war ein Traum, und was ich vor zwei Jahren erlebt zu haben vermeinte, war auch nur ein Traum, ein Traum dieser Wundernacht. In Wahrheit saß keine Frau an meinem Bett, kein schwarzes Mädchen mit langen Zöpfen war seit zwei Jahren für mich bestimmt. Es war nur ein Traum, aus lang verachteten Wünschen erschaffen, aber — oh — was war mein ganzes Leben gegen diesen einzigen Traum. Morgens war ich so verwirrt, daß ich nahe daran war, mich für verrückt zu halten. Es war ja wahr! Ich hatte eine Braut. Seit zwei Jahren und doch — erst seit gestern nacht. Es war mir, als hätte sich mein märchenhafter Traum nur zufällig in die Wirklichkeit verirrt. Meine Tage waren von einem angstvollen Glücksgefühl durchtränkt. IM SALON I. Rylxick (Berlin) Eines Tages sagte der Vater bei Tisch: „Morgen kommt der Bukaczowcer Rebbe." „Kommt Freudele auch?" platzte ich heraus, und der Klang meiner eigenen Stimme beschämte mich, wie noch nie. Aber der Vater sah mich nur streng an und erwiderte kein Wort. Als er das Zimmer verlassen hatte, sagte die Mutter: „Aber, Mendele, wie ist dir nur so etwas eingefallen? Ein Bräutigam fragt doch vor der Hochzeit nicht nach der Braut, das schickt sich doch nicht." Sie hätte es mir nicht zu sagen gebraucht. Ich war selber zu Tode erschrocken und empört über meine vorlaute Frage. Abends sagte der Vater: „Mendeleleben, ich war immer sehr zufrieden mit dir, du warst, unberufen, ein fleißiger Bub, was ist jetzt auf einmal mit dir, du lernst nicht, du rennst in den Gassen herum und hast Sachen im Kopf, die ein jüdisches Jüngel nicht im Kopf haben soll. Schau, Mendele, der Rebbe hat immer so viel von dir gehalten, und wenn er das jetzt sieht, was wird er sagen, der Rebbe?" Ich aber dachte: „Der Vater spricht dert etwas vom Rebben . . . Ist er denn schon da? ... Ist Freudele schon da? ... Ich muß sie doch suchen, suchen ..." — Und ich rannte in den Straßen herum und suchte. In unserem Städtchen ging das junge Volk jeden Nachmittag in der langen, grünen Lindenallee spazieren. Da traf ich sie. Sie war so schön, daß ich erschrak. Hatte große, schwarze, glänzende Augen. Augen, die immer auf etwas warteten, sich auf etwas freuten.