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Menorah · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Article
Max Reinhardt
Date
1924-04-01
Page
Seite 17 (sequence 1)
Language
German
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17 MENORAH MAX REINHARDT Von Leo Feld Die Kriiffmmmlcs Wiener Theaters Max Reinhardts uibt uns willkommene Gelegenheit zur Charakteristik dieses «roKcn jüdischen Theaterleiters. Die Redaktion Er hat Glück gehabt, sagen seine Feinde. Und seine Freunde müssen das allerdings bestätigen. Sie vergessen dabei nur eines: Glück ist eine Eigenschaft, wie der große Napoleon zu sagen liebte. Seine Karriere stieg mit beispiellosem Schwung empor. Ich entsinne mich noch, wie ich ihn eines Tages in Berlin, in der Friedrichsstraße, traf. „Was glauben Sie, wieviel Geld hab' ich da bei mir?", fragte er mich. Ich wollte liebenswürdig sein und so sagte ich: „20 Mark". Das war nämlich in unserem Kreis damals ein sehr respektabler Reichtum. Er aber lächelte sein schweigsames Lächeln. „14.000 Mark. Die leg' ich jetzt Brahm als Pönale auf den Tisch und erbitte mir die Lösung meines Vertrages." Ich erinnere mich noch sehr deutlich, wie bestürzt ich war. Ich stellte ihm angelegentlich vor, daß man eine ansehnliche Stellung wie die seine nicht so leichtfertig preisgeben dürfe, daß das kleine Theaterchen, das er unter den „Linden" eben eröffnet hatte, doch noch ein höchst unsicheres Unternehmen sei, dessen Leitung er bis jetzt übrigens sehr gut mit seiner schauspielerischen Tätigkeit vereinigt hätte — er schüttelte mit seiner unstörbaren Gelassenheit den Kopf. „Ich muß frei sein. Diese Halbheiten sind zwecklos. Glauben Sie mir." Ich habe es ihm natürlich nicht geglaubt Glück ist Mut. Glück ist die unbedingte Entschlossenheit, seiner Lebensaufgabe zu gehorchen. Glück ist die zwingende Sicherheit des Instinkts. * * * *• Er hatte die Kraft, die selbstgewisse und unerschrockene Kraft, die alten Werke der deutschen Bühne mit seinen jungen Augen anzusehen. Er bildete sie in seinem schöpferischen Gefühl um. Er hat viel gewagt dabei. Denn er zerrte an lange eingewurzelten Traditionen. Es war ebenso möglich, daß die Leute lachten, wenn er ihnen die von poetischen Fernen verklärten Gestalten in unmittelbare Nähe rückte, als daß sie in ihrem innersten Gefühl getroffen wurden. Er hat das Letztere erreicht. Durch die höchste Slraffung aller Kräfte, über die das Theater verfügt. Max Reinhardt Nach einer Railienini: von Hermann Struck (Herlin-Haifa) Denn er ist der elementare Theatermensch. Als er die Bühne betrat, war das Theater literarisch geworden. In einem sehr guten Sinn. Otto Brahm hatte eine Atmosphäre hoher und kultivierter Geistigkeit geschaffen. Es war taghell auf der deutschen Bühne. „Es ist höchste Zeit, daß die Theaterleute wieder das Theater übernehmen", sagte mir Reinhardt, als er sich anschickte, sein Theater zu gründen. Aber das war kein Rückschritt, das war eine Steigerung. Keine Verarmung, sondern eine Bereicherung. * * * Theatergeschichtlich betrachtet: er brachte der kühlen und klaren Geistigkeit des Nordens das warme, sinnlich blühende Kunstgefühl, das ihm der Wiener Boden vererbt hatte. Farbe, Rhythmus, Fülle hat er dem Berliner Theater gewonnen. Nicht im Sinne einer Anekdoten erzählenden Meiningerei. Er hat nie neben dem Schauspieler, er hat immer für ihn und durch ihn gewirkt. Malerei und Musik halte für ihn nur den einen Zweck: den Sinn der Szene einprägsamer, eindringlicher zu gestalten. Der Schauspieler aber war ihm der Träger der Szene. Ihr menschlicher Ausdruck. Ihre menschliche Gestalt. * * * Das Große an dieser Kunst der Regie war: der Wille zum Werk. Die Schöpfung des Dichters zur höchsten Theaterexistenz zu erheben, das heißt zur umfassendsten, ausdruckvollsten sinnlichen Erscheinung, das war immer die Tendenz des Reinhardtschen Theaters. Da hatte sich alles zu unterordnen. In diesem Sinne war ihm dann auch der Schauspieler nur noch Organ. Mit dem feinsten Gefühl und der sichersten T echnik hat er immer die Stimmung, den Grundcharakter eines Werkes erfaßt und fixiert. Der Ton der „Räuber" ist Jugend, stürmische, heiße Bewegung, wie der der „Stella" Sentimentalität und Schwärmerei. Es fällt Reinhardt nicht ein, das Werk unserem Gefühle dadurch nahe bringen zu wollen, daß er die — uns fremd gewordene — Überschwänglichkeit seines Stils etwa mildert. Im Gegenteil. Er fühlt als Künstler nur zu sehr, daß die tiefste Kraft eines Gedichts in dieser Urexistenz wurzelt. Er stellt den Dichter und sein Werk vor uns. In Reinhardts „Räubern" tobt eine atemlose, ekstatische Kraft, in der „Stella" schluchzt ein ratloses, sehnsüchtiges Gefühl. Er gibt mehr als die einzelne Szene. Mehr als das einzelne Werk. Er gibt es mit allen Hintergründen. Aber das ist nicht ersonnen und gesucht, das ist nicht historisch gefunden und nachgebildet, das quillt aus einer großen Intuition. Aus der Intuition des Theatermenschen. Immer ist es die Bühne, die alle seine Möglichkeiten weckt, die ihm in allen ihren Möglichkeiten gehorchen muß. Seine Phantasie schwebt und schwingt in dem hohlen Szenenraum. * * * Er hat Glück, sagen die Leute. Was für Schauspieler hat er stets gehabt, was für Maler, was für technische Helfer! Aber die Schauspieler hat er geschaffen. Er hat sie mitunter — wie etwa Moissi — mit unverwirrbarer Überzeugung gegen eine widerspenstige Kritik durchgesetzt; er hat sie entdeckt oder in seinen Dienst gezwungen und gereift. Das war für ihn, als er begann, sehr schwer. Heute, da seine Autorität in zwei Weltteilen anerkannt ist, folgt ihm natürlich jeder Schauspieler, auch der verwöhnteste, mit gefügigem Vertrauen. Damals, als er Künstler biegen und formen mußte, die längst anerkannt waren, da er noch ein kleiner Schauspieler war — sogar am selben Theater — damals war es ein entscheidender Beweis geborener Führerschaft, daß er sie zu bändigen vermochte. Seine Helfer —? Die hatte er doch berufen! Ja, es ist richtig, er pflegt während der Proben seine Mitarbeiter um ihre Eindrücke, um ihre Vorschläge zu befragen, schweigend — er besitzt eine wunderbare Kunst des Schweigens — ihre Meinungen entgegenzunehmen, das Wertvolle zu verwenden, das Unbrauchbare

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