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Menorah · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Article
Der Berg in der Wüste
Date
1924-04-01
Page
Seite 12 (sequence 1)
Language
German
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12 MENORAH Walther Eidlitz / Der Berg in der 1. Szene. Mächtig aufsteigendes Sicingcbirgc. Dämmerung. Der obere Teil des Ccbirges von Nebel verhüllt. Man sieht keinen Himmel. Die Bühne ist leer. Man hört den Chor der steinernen Wächter. CHOR DER UNSICHTBAREN WÄCH¬ TER: Wir sind die Wächter. Wir sind die Wächter. Wir sind der atmende Wall. Wir hüten das Heilige. Stille. MOSE schwer aufwärts schreitend: Aus den Niederungen bin ich entflohn, Ich wandle durch Wildnis zu Deinem Thron. Ich geh über öden, steinigen Grund, Eisströme rauschen um meinen Mund. Ich geh in erwartend erschauernder Lust, Urnebcl stürzen an meine Brust. Gieß aus über mich Dein unendliches Licht. . . Verschwindet im Nebel. ZIPORA kommt: Nacht ist um mich. Unter den Füßen wankt's. Knirschendes Eis bricht los. Wasser braust unten. Nebel umschlingt mich. — Mose, wo bist du? AHARONS STIMME: Herr, Herr, wenn ich zu schwach bin, wähle meinen Bruder. Er wird sichtbar. ZIPORA: Hast du nicht einen Mann gesehen? AHARÖN: Ich suche selbst. ZIPORA: Wen suchst du? AHARON: Meinen Bruder. ZIPORA: Nicht wahr, er ist mutig, wie ein Herrscher, voll Kraft; die Räuber fliehen vor ihm? Er ist ein Prinz? AHARON: Er ist ein Bettler. Er ist geächtet. Wer ihn sieht, darf ihn erschlagen am Weg. ZIPORA: Dann ist er's nicht. — Dein Bruder tut mir leid. AHARON: Er braucht dir nicht leid tun. Was hast du mit ihm zu schaffen? Er muß unglücklich sein. Sonst hört er nicht unsern Ruf. ZIPORA: Mein Liebster aber wird glücklich sein. Mein Liebster ist ein Königssohn. AHARON hastig: Du Mädchen, wie kommst du h?r m d , G-:r»'.: d?i E':;e>? W.-n su:Vnt d i ZIPORA: Mose. AHARON erschrickt. ZIPORA: Kennst du ihn? AHARON schüttelt den Kopf. ZIPORA: Sei gut zu mir, du Mensch im kalten Gebirge. Ich habe nun keinen Vater und keine Geschwister. Ich habe nur ihn. Du mußt mir suchen helfen, weil ich ihn so lieb habe. AHARON: Such ihn nur. Dort auf dem Weg, den ich komme. Dunkle Augen und schwarzes Haar? Er weist sie in die falsche Richtung. Dort hab ich deinen Freund gesehen. ZIPORA forteilend, jubelnd: Mose! Mose! Jetzt werd ich dich finden! Ab. AHARON: Verhüte der Herr, daß sie ihm begegne, sonst würde er verharren in dem warmen Dunstkreis und unser vergessen. Rufend. Mose! — Sic sucht umsonst und ich finde ihn nicht. — Mose! Ab. Der Nebel hat sich gehoben, so daß Mose höher oben sichtbar wird. DRITTER AKT MOSE: Ich habe eine Stimme gehört. War es die liebliche Stimme der zärtlichen Waldtaube? Purpurnes Brausen über dem Schnecfelcl? Schatten der Hoheit des Namenlosen? Es ist still. Es ist still. AHARONS STIMME: Mose! MOSE: Wer ruft? AHARON: Mose, dein Bruder. MOSE: Du hier, Aharon? Wie bist du in dieses Gebirge gekommen? Ich habe eine andre Stimme gehört. AHARON: Niemand hat gerufen außer mir- MOSE: Hast du nicht ein Weib gesehen? AHARON: Niemand. MOSE: Sind das nicht die Spuren ihrer kleinen, nackten Füße im Sand? Sie muß über diese Steine geschritten sein. AHARON: Niemand ist in der Bcrgwclt außer dir und mir. MOSE: Jetzt erreicht mich nichts mehr. Jetzt ist alles, alles hinter mir. AHARON: Bruder, das Volk wartet auf dich. MOSE: Immer das Volk! Ich flieh vor dem Volk. Ich muß zu Gott! AHARON: Es hilft dir nichts, zu fliehen, denn du fliehst nur zu uns, zu unserm Gott. Er ist verlobt mit uns durch hundert Versprechungen. MOSE: Gott hat kein Teil an euch. Gott wird mich von euch befreien. Golt wird mich erhören. AHARON: Zehn Jahre schrei ich auf zu ihm, und er hört nicht. Dampf des Bluts steigt auf und Klage, und er hilft nicht. MOSE: Er wird mir helfen. AHARON: Gott ist taub! MOSE: Golt wird zu mir sprechen. AHARON: Ehe er spricht, spricht das Gebirge, das graue, gewitterzerrissene. Geröse von stürzender Steinen. MOSE: Das Gebirge schreit! AHARON: Bruder, es wird dich erschlagen. Kehr um zum Volk. MOSE: Jeden Gedanken an das Volk wird Gott in mir austilgen. AHARON: Bruder, kehr um! MOSE: Sei du ihr Retter. » AHARON leise: Bruder! Zögernd ab, lief er zu. MOSE aufwärtsschreitend: Höre mich, Gott! Ich reiße in meine Brust die Kraft aller Wälder, aller Wässer, aller Wolken, aller Gebirge, hcranbrausend, hcranrollcncl, wie ein riesiges Gestirn zu dir! Er verschwindet im Nebel, der Nebel beginnt zu wallen. Dann hebt sich der Nebel, der obere Teil des Gebirges wird frei. Unten steigt ein Nebclmccr auf. Der Berg in der Wüste ragt weißschimmernd ins starke Sternlichi. Der nahe Gipfel ist nicht sichtbar. Man sieht einen Teil des Kreises der steinernen Wächter, der den Berg umschließt. Die Wächter gleichen steinernen Riesen, in den Feh gewurzeltcn trauernden Kriegern. Die steile strenge Kontur des> Abhanges und der äußerste Wächter heben sich scharf vom Nachihimmel ab. CHOR DER WÄCHTER: Wir sind die Wächter. Wir sind die Wächter. Wir sind der Wüste / Drama atmende Wall. Lebendige Strömung zuckt durch die Glieder der Kette. Wir hüten das Heilige. DER JUNGE WÄCHTER: Vater, ich stehe mit im Kreis und wache und wehre ab. Vater, wozu ist diese Mauer errichtet? Was ist hüben, Avas ist drüben, was scheidet sie voneinander? DER ALTE WÄCHTER neben ihm: Sic scheidet Mcnschencrdc von heiliger Erde. DER JUNGE WÄCHTER: Vater, aber gleich ist das Gebirge, hier und dort. Unendliche Ruhe lagert darüber. DER ALTE WÄCHTER: Deshalb sind wir hier, damit Ruhe herrsche, ewige Ruhe, daß sie keiner störe. DER JUNGE WÄCHTER: Und weshalb muß Stille sein? Wen darf man nicht stören? DER ALTE WÄCHTER: Gott. DER JUNGE WÄCHTER aufgeregt: Vater! DER ALTE WÄCHTER: Sprich leise. Knabe. — Gott schläft. DER JUNGE WÄCHTER: Warum schläft er? Ist er müd von der Schöpfung? Ich weiß, — gewatet ist er durch das strömende Weltall, gestanden ist er mit starken Füßen auf den Sternen der Grenze des Endlosen, hat die Arme gereckt, geballt die Sterne der anderen Grenze. Aber dann hat er sich niedergelegt auf diesen Berg, in die dunkle Wolke, um zu schlummern, zu ruhen. Schützen wir Gottes Schlaf? DER ALTE WÄCHTER: Wir sind zum Wachen bestellt und nicht zum Fragen. DER JUNGE WÄCHTER: Wer darf fragen? DER ALTE WÄCHTER: Erkennen kann nur der Mensch. Ferner trauriger Klang. DER JUNGE WÄCHTER: Vater, klagende Lüfte wehen um das Gebirge. Weckt Ihn das nicht? DER ALTE WÄCHTER: Der Menschen Klage flattert ewig um Seine Ruhe. DER JUNGE WÄCHTER: Der Mensch darf erkennen und klagt? DER ALTE WÄCHTER: Deshalb sind wir hier als Mauer errichtet, um die unreine Klage abzuhalten. Gott spürt Seiner Geschöpfe Leid. Sie wissen nichts von Seinem Schmerz. DER JUNGE WÄCHTER: Gott leidet? DER ALTE WÄCHTER: Betäubt ist Gott in dumpfem Schlaf im Menschen. Man hört dumpf den Chor des trauernden Volkes. Bußgebel. DER JUNGE WÄCHTER: Vater, tönender Wind erhebt sich, stark wie nie. Klagende Welle wogt an die Mauer. DER ALTE WÄCHTER: Unrein — selbstsüchtig — Die Klage des Volkes flutet zurück. DER JUNGE WÄCHTER: Also müssen wir ewig hier stehen, eingewurzelt durch die Jahrtausende. Wird ihn nichts aufwecken? DER ALTE WÄCHTER : Frevle nicht, Knabe. Heilig ist unser Amt. Fern ist der Tag. DER JUNGE WÄCHTER: Welcher Tag? DER ALTE WÄCHTER: Eins weckt ihn auf.

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