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Menorah · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Article
Pessach im Volksmunde
Date
1924-04-01
Page
Seite 4 (sequence 2)
Language
German
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4 MENORAH Zeiten einmal verwendet werden kann. ,,Charoses" stellt die Erinnerung an den Lehm dar, aus dem die Israeliten in Ägypten die Ziegel verfertigen mußten. Auf eine Frage „Wozu?" — die man nicht gerne beantworten will, sagt man: „Das geschieht von secher letit wegen" (wegen der Erinnerung an den Lehm). Das Charoses ist eine Vorschrift „midiwre Sofrim", der Schriftgelehrten, ist also nicht von der großen Bedeutung der anderen Symbole, erhält auch keinen besonderen Segensspruch. Erstere wie letztere Redewendung dürfte sich damit erklären. Charoses ist nichts Besonderes, und wenn man fragt, warum es dennoch am Sedertische ist, so ist eben der wenig bedeutende Grund, über den noch obendrein Meinungsverschiedenheit herrscht: „Von secher letit wegen!" Hillel hat angeordnet, daß man zwei Stückchen Mazzo mit dazwischen gelegtem Bitterkraut (Meerrettich) esse. Darüber wird an Stelle der Berocho der Satz „Ken osso Hillel . . ." gesagt. Die Erdfrucht wird nach Vorschrift in Salzwasser eingetunkt. Darauf geht das Wort zurück: „B'loo Tibul ub'loo Beroche", das heißt „ohne Eintunken und ohne Segen". Tut man Dinge ab, ohne der Art und Ordnung zu entsprechen oder verachtet ein Mensch die üblichen Zeremonien, so sagt man „B'loo Tibul ub'loo Beroche". Das vielbekannte „Ma nischtane", die vier Fragen des Kindes am Sederabend, hat den „Chochom von Ma-nischtane" geboren. Das Ma-nischtane-sagen ist die Aufgabe des jüngsten Kindes der Tischgesellschaft, das darin auch eine große Weisheit und Leistung sieht, wenn es fehlerlos aufsagt. Für den Erwachsenen (den Chochom) ist dies keine Leistung und keine Weisheit. Wenn jemand kindische Fragen stellt oder eine Weisheit auftischt, die keine oder eine alltägliche Sache ist, so sagt man: „Das ist der Chochom von der Ma-nischtane!" Von den „vier Kindern", die in der Hagada fragen und Antworten erhalten, ist der letzte der „Scheenu jodea lischol", derjenige, der nicht zu fragen versteht. Er ist das Prototyp für den reifen Menschen, der „nicht zu fragen versteht", der sich im Leben nicht auskennt. Das ist ein „Scheene-jodea lischol!" — Den Abschluß der Mahlzeit am Sederabend bildet der Afikomon, der Nachtisch, jene halbe Mazzo, die zum Schlüsse an alle Anwesenden verteilt wird, und den zu stehlen den Kindern erlaubt ist. „Wer viel Aphikomen eßt, der lebt lang" — eine Weisheit, die dasselbe besagt, wie „wer lange hustet, lebt lange". Wenn daher jemand alt geworden ist und der Last der Jahre erlegen ist, und man fragt, woran er gestorben ist, so gibt man zur Antwort: „Er hat zu viel Aphikomen gegessen!" Am Sedertische steht der Becher für den Propheten Elia, den stets erwarteten, noch nicht erschienenen Gast, der Koss schel Eljeh hanowi. Bereitet Fürsorge etwas vor, das nicht benützt wird, das scheinbar überflüssig ist, und wird dann gefragt, wozu dies sei, so gibt man die Antwort: „Für Eljeh-Nowi!" — Den Abschluß des Sederabends bildet das unsterbliche Chad gadjo, das Lied vom Böcklein, die Stufenleiter, die Geschichte, daß jeder auf Erden seinen Meister findet. „Das ist e Chad-Gadje", sagt rnan daher, wenn eine Sache an einer anderen hängt, und diese an einer dritten und so fort, daß man scheinbar keinen Anfang und kein Ende findet, bei der nur Gott weiß, wohin sie hinausläuft. So sagt man auf eine Gesellschaft, die zusammenhängt und bei der man nicht weiß, wer Führer und wer Geführter ist, „das ist eine ganze Adje-Badje", was aus dem verstümmelten Chad-gadje hervorgegangen ist. Pharao, der König von Ägypten, der Bedrücker Israels, ist durch Pessach und die Hagada gewiß so volkstümlich geworden, daß sein Name die Bezeichnung für jeden die Juden bedrückenden Fürsten abgegeben hat. Das Volk sagt dann: „E zwaater Pareh!" So bewahrt die Volksseele im Denken und Reden die Erinnerung an das Fest und erhält die Bräuche lebensfrisch. DAS PESSACHFEST Von ERICH TÖPLITZ, Frankfurt a. M. Die Abbildungen stammen aus der Vorbildersammlung der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler, Frankfurt a./M. Nachdruck verboten Das Pessach- oder Überschreitungsfest feiert man vom 1 5. Nissan ab acht (in Palästina nur sieben) Tage lang zur Erinnerung an die Überschreitung der jüdischen Häuser bei der Erschlagung der Erstgeborenen in Ägypten und an die daraufhin erfolgte Befreiung von der Bedrückung im Pharaonenland. Bei dem eiligen Auszug war es nicht möglich, die Brote für die Wegzehrung zu säuern und deshalb ist als Symbol des Festes das ungesäuerte Brot, „Mazzah", beibehalten worden. Zur Zeit des Tempels war das Pessachopfer der Mittelpunkt der Zeremonien, nach der Zerstörung bildete sich eine häusliche Feier, Seder-Ordnung, aus, die von verschiedenen symbolischen Handlungen und vom Genuß symbolischer Speisen begleitet wird. Sie findet an den beiden (in Palästina nur am Vorabend) ersten Abenden des Festes statt und wird durch die Rezitation der Erzählung des Auszuges aus Ägypten und verschiedener Psalmen und Gebete begangen, die aus einem Büchlein, „Haggadah"-Erzählung, vorgetragen werden. * DER SEDERTISCH UND SEINE GERÄTE Von den Geräten ist in erster Linie die Sederschüssel zu nennen, auf der die drei Mazzoth ihren Platz finden. Diese kreisrunde, flache Schüssel ist meist aus dem volkstümlichen Zinn hergestellt, ähnlich wie der Gabenteller des Purimfestes, mit dem sie des öfteren verwechselt wird. Wie dieser ist sie über und über mit Gravierungen bedeckt, Merkworte des Seders, wichtige Sätze aus der Haggadah, Bilder des Auszuges aus Ägypten, der zehn Plagen und der vier fragenden Kinder, das Passahlamm und das Mazzothbacken, die Geschichte vom Lämmchen usw. schmücken den Rand und die Fläche des Tellers1). Diese Arbeiten sind oft in ihrer primitiven Technik hochinteressant und von großer Lebhaftigkeit des Ausdruckes; sie stammen etwa aus dem 1 7. oder 18. Jahrhundert, doch werden heute noch Sederschüsseln angefertigt, die die gleichen Formen zeigen wie die der Vergangenheit. Abgesehen von Fälschungen, die sich häufig durch verkehrte Inschriften verraten, ist diese archaisierende Art bei jüdischem Kultgerät (aber auch bei christlichem) häufig zu finden. Die meisten Zinnteller für den Seder stammen aus Süddeutschland, wie sich aus den Orts- und Namensangaben erweist. Auch aus Silber hergestellte Sederschüsseln sind erhalten, sie haben sich in neuerer Zeit zu ansehnlichen Kästen entwickelt, auf denen Ständer für Moraur, Charausseeth, frische grüne Kräuter und für die symbolische Andeutung des Pessachopfers ihren Platz finden. Das Innere, das durch Vorhänge verdeckt wird, zeigt drei Fächer, um die sogenannten Schimurim-Mazzoth: Cohen, Levie und Jis- Hübners Kursalon - Restaurant kg, Feinste Lii che Für Hochzeilen, Bankelte und Diners stehen herrliche Säle zur kostenlosen Verfügung Täglich 5 Uhr-Tee mit Tanz. Telephon Nr. 578.

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