Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Article
- Die heutige Musiklage und die internationale Gesellschaft für neue Musik
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 MENORAH in zahlreichen, bisher als „unmusikalisch" verschrieenen Ländern, wie zum Beispiel England: haargenau mit der Ablösung eines Abschnittes der Musik durch einen anderen zusammenfällt. Das kann doch wohl nur bedeuten, daß der verflossene Musikstil, so herrliche Schöpfungen er auch gezeitigt hat, dennoch ein im gewissen Sinn Einseitiges darste.lt, ein der klanglichen Psyche der meisten Völker unadäquates Medium, kein passender Behelf, sich musikalisch auszudrücken. Daß dem talsächlich so ist, lehrt ein Blick auf die Volksmusik dieser Nationen, wobei man jedoch auf die ursprüngliche, heute nicht immer leicht rekonstruierbare horm derselben zurückgreilcn muß, und nicht auf die selbstredend stets im herrschenden klassischen Sinn erfolgte Verarbeitung, l-iarmonisierung, Entstellung. Diese alten Originalvolksliedcr der Russen, Ungarn, Kelten, l'rovencalcn usw., ebenso wie die — was uns ja, besonders interessiert — der Juden, sind in einer Melodik erfunden, die keineswegs der unserer klassischen Musik ähnelt, sich in deren harmonisches System im Grunde gar nicht einlugen laüt. So versteht man auch, was es bedeutet, dali der Beginn der modernen Musikbewegung in vielen Landern einen ausgesprochen nationalen Zug aufwies, mit einer Art Renaissance der alten, nationalen Volksmusik verbunden war. Schon der Russe M u s s o r g s k i, zwar nicht der Schöpfer, aber die erste deutliche Vorahnung des neuen Musiksiiis, gehört einer Musikergruppe an, die bewußt auf eine Wiederbelebung des russischen Nationalmusikbewußtseins hinarbeitet. Und sein großer Nachfahre Igor Strav i n s k y, eine der originellsten und blendendsten Erscheinungen der Musik unseier läge, dessen Einfluß auf die ganze englische und englischamerikanische, zum "1 eil auch französische und italienische neueste Musikproduktion unverkennbar ist, benützt zum Aufbau seiner dennoch absolut neuartig wirkenden Musikwerke nichts anderes als Volksliedmotive seiner Heimat. Ahn.ich arbeitet mit ausschließlich jüdischer Melodik der in Amerika lebende Schweizer Jude Ernest Bloch, und auch die Führer der ungarischen Moderne Bela B a r t ö k und Zoltan K o d a 1 y wurzeln deutlich in ihrer Volksmusik. In Frankreich war der berühmte, im Krieg verstorbene Claude D e b u s s y Wegbereiter des Neuen, im folgte Maurice Ravel — trotz seiner prachtvollen „Melodiees hebraiques" und seines orientalisierenden Gesichtstypus angeblich kein Jude, sondern ein Baske — und ein Kreis von jüngeren Musikern, die sich zu der Gruppe der „Six" (Die Sechs) zusammenschlössen, unter denen Darius M i 1 h a u d und Arthur FI o n n e g e r die Begabtesten sein dürften. Das Musikleben in Spanien steht, wie all ihre Kultur, stark unter französischem Einfluß. Aber auch hier macht sich eine eigene Note immer deutlicher bemerkbar. Manuel de Falla und Adolpho Salazar haben den Rhythmus der Volksfeste und den Tanzfanatismus ihrer Heimat mit großem Geschick in ihren Kompositionen festgehalten. Italien, von jeher das Land der Gesang- und Musizierfreudigkeit, nimmt auch im modernen Musikschaffen eine bedeutende Stellung ein. Francesco M a 1 i p i e r o, Alfrcdo Casella und Ildcbrando P i z z e t t i sind heute bereits überall aufgeführte Komponisten. Im Norden fällt vor allem der nach jahrhundertelanger Pause erfolgte Wiedereintritt Englands in das Musikleben auf. Eine bulle neuer Namen tritt uns hier entgegen, von denen wir nur einige wichtigste nennen: Arthur B 1 i ß, Arnold B a x, Eugene G o o s s e n s, Adrian B o u l t, Armstrong G i b b s und andere. Lebhaftesten Anteil an der neuen Musikbewegung hat auch das kleine Dänemark, wo der Verein ,,Ny Musik" in Kopenhagen ein Zentrum moderner Musikpflcgc bildet. In Deutschland ist der in letzter Zeit vielgenannte Fl i n d e m i t h wohi die markanteste Erscheinung unter den Jüngeren, neben ihm der Jude Artur Schnabel (der berühmte Pianist) und der in Berlin lebende 1 scheche Ernst K f c n e k. Die Tschechen weisen in Prag selbst noch eine Reihe prominenter Erscheinungen auf, dann gibt es neue Komponistcnschulen in Schweden, in Rumänien und Bulgarien, aber auch in Amerika, in Australien und sogar in Südafrika. Dennoch sei diese Aufzählung, die ja doch nicht erschöpfend sein und kaum mehr als eine erste Information geben kann, lieber geschlossen. Ihr Zweck, zu zeigen wie es überall gärt und brodelt, ist wohl erreicht. Es ist natürlich, daß die neue innere und äußere Konstellation auch zu neuer Zusammenfassung, Organisierung drängte. Wien war es, von dem der Plan dazu ausging. Hier ist die musikalische Situation eine besonders eigenartige, komplizierte. Zwar lebt in Wien Arnold Schönberg, der heute in der ganzen Welt als der unbestrittene Führer der Moderne angesehen und gefeiert wird. Dennoch stoßen hier die Gegensätze schärfer aneinander als sonst irgendwo. Denn die große klassische Tradition, der lebendige, beinahe noch persönliche Kontakt mit den großen Meistern der Vergangenheit, die fast alle hier gelebt haben, ist ein Vorzug und eine Hemmnis zugleich. Ein Vorzug, weil Wien so die musikalischeste Stadt der Welt geworden ist, in der die Zahl der Musikliebhaber beinahe mit der Bevölkerungsziffer identisch ist. Eine Hemmung, denn die Liebe zum Alten macht, daß dem Neuen nirgend mit größerem Mißtrauen entgegengeblickt wird als hier. Und während sonst überall die führenden Namen zugleich die Flauptrepräsentanten der Moderne sind, gibt es in Wien auch heute eine Reihe von erfolgreichst schaffenden Komponisten, die noch durchaus im Vergangenen wurzeln. Dennoch wirkt auch hier eine starke, dem Neuen zugewandte Komponislengruppc. (Als wichtigste Vertreter wären zu nennen: Egon W e 1 1 e s z, Dozenl für Musikwissenschaft an der Universität Wien, Josef Hauer, Paul P i s k, Anton W c b e r n und vielleicht auch der Schreiber dieser Zeilen.) Als nun vor etwa drei Jahren, nach langer Kriegsabsperrung, die geistigen Grenzen, die Länder und Kulturen voneinander wie hermetisch verschlossen hatten, allmählich fielen, da kamen die eben Genannten auf die Idee, die namhaftesten Komponisten aller Länder zu einer Art Musikkongreß nach Salzburg zu laden und dort in einer Reihe von Konzeri.cn eine möglichst vollkommene Übersicht über das zeitgenössische Musikschaffen zu geben. Es war ein mit bescheidensten äußeren Mitteln unternommener Versuch. Mit welchem Erfolg ist ja bekannt. Die „ersten Salzburger internationalen Kammermusikaufführungen" im Sommer 1922 wurden zum musikalischen Ereignis. Nie vorher hatte man ein Musikfest von solch universalem Charakter erlebt, nie waren auch so viel moderne Komponisten auf einem bleck je beisammen gewesen. (Die guten Salz'burgcr waren ganz entsetzt.) Diese Gelegenheit wollte man nicht ungenützt vorbeigehen lassen. Der einmal gewonnene Kontakt sollte festgehalten, womöglich noch vertieft und ausgestaltet werden. So kam es noch in Salzburg selbst zur Gründung der ..Internationalen Gesellschaft für neue Musik" ( The International Society for contemporary Music), welche im Jänner 1923 ihre erste Delegiertenkonferenz in London abhielt. London war nämlich aus mannigfachen äußeren und inneren Gründen zum Zenlralsitz der Gesellschaft gewählt worden, die heute bereits in achtzehn verschiedenen Staaten Sektionen besitzt. Diese Sektionen entwickeln überall eine reiche Tätigkeit, und man kann sagen, daß sie das Musikleben, natürlich nicht von der Seite des mehr auf reproduktive Tätigkeit eingestellten Konzerlgroßbetricbes her, sondern insoweit es eine Kundgebung der neuen produktiven Kräfte sein will, schon heute beinahe beherrschen. Die Salzburger Festidec wurde nicht fallen gelassen, zu dem Kammermusikfeste, das dort im nahenden Sommer nun zum drittenmal abgehalten wird, tritt aber neuestens. und künftig wohl alljährlich, ein Zyklus von Orchesterkonzerten, die im Juni in Prag stattfinden werden. Wie bei allem, was mit Kraft und Erfolg in Szene gesetzt wird, blieben auch hier die oft sehr persönlichen Motiven entsprungenen Angriffe, ja Schmähungen nicht aus. Vom jüdischen Standpunkt mag besonders der Einwand interessieren, daß eine Internationalisierung der Musik deshalb schädlich und zu bekämpfen sei, weil in der Musik wie in aller Kunst der nationale Einschlag einer der wertvollsten Bestandteile sei. Es liegt aber auf der Hand, wie falsch angebracht eine solche Unterstellung ist, da internationale künstlerische Organisation doch keine Internationalisierung der Kunst bedeutet, daß vielmehr — wie ich zeigte — gerade die moderne Musik stärker als die frühere im Nationalen wurzelt. Und heute, wo nicht mehr wie zu Mendelssohns Zeiten ein jüdischer Komponist ersten Ranges eine immerhin vereinzelte Erscheinung ist, wo neben den fast zu zahlreich gewordenen jüdischen Dirigenten und Virtuosen Juden auch entscheidend, zuweilen den Gang der Entwicklung geradezu bestimmend (wie bei Mahler und Schönberg) in die Ereignisse eingreifen, oder auch (wie bei Bloch) eine ganz aus jüdischem Musikempfinden geborene Erscheinung sich einen wichtigen Platz im Musikleben der Welt erobern konnte, kann jener internationale Zusammenschluß auch in diesem Sinne nur begrüßt werden. Wenn aber diese Zeilen, die ja auch in Palästina gelesen werden dürften, vielleicht bewirken sollten, daß auch von dort aktiver musikalischer Kontakt mit dem Musikleben der Welt gesucht und gefunden werden sollte, so haben sie ihren Zweck in mehr als einem Sinne erreicht.