Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Article
- Die heutige Musiklage und die internationale Gesellschaft für neue Musik
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 13 (sequence 1)
- Language
- German
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13 MENORAM f^^. f\ £ j) ,........^.;.ji>''-F^- /.. DIE HEUTIGE MUSIKLAGE UND DIE INTERNATIONALE GESELLSCHAFT FÜR NEUE MUSIK Von RUDOLF RET1, Wien Als wir in einem der letzten Hefte dieser Zeitschrift eine Musikrubrik eröffneten, mußten vir selbstverständlich als erste der uns hier interessierenden Fragen über die Beziehungen des Judentums zur Musik sprechen. Diesmal wollen vir uns einem etvas allgemeineren Thema zuwenden und versuchen, unseren Lesern ein Bild des Werdens und Sinnes der neueston Strömungen in der Musik zu geben. * * * Daß große Komponisten erst nach ihrem Tode richtig erkannt, von ihren Zeitgenossen dagegen oft völlig mißverstanden werden, ist eine Tatsache, die für die eben abgelaufene Periode der Musikgeschichte schon beinahe als Regel genommen werden kann. Die Beispiele Wagners, Wolfs, Bruckners, Mahlers, um nur einige markanteste anzuführen, sind so kraß, daß sie nicht rasch vergessen sein dürften. Wenn also Kämpfe in dieser scheinbar friedlichsten aller Sphären von jeher an der Tagesordnung waren, sind doch die Krisen, die heute die Musik durchschüttern, noch anderer Natur als die damaligen, ihre Perspektive nicht mehr eine persönliche, sondern prinzipielle. Nicht mehr um einzelne Künstlererschcinungen geht der Streit, sondern um das Ganze der neuen Produktion in Bausch und Bogen, der ein Teil des Publikums ebenso wie der beruflichen Kritik — diese oft in noch höherem Maße — kontaktlos gegenübersteht. Wie erklären sich diese Erscheinungen? Eine etwas weiter ausholende Betrachtung von Vorgängen aus dem Gebiet der bildenden Kunst soll dies deutlich machen. Ein einzelnes ästhetisches Ideal: das aus dem Studium der Antike und Renaissance hervorgegangene Stieben nach Nachahmung der Natur, hat auch hier lange Zeil die gesamte Produktion und Kunstbelrachtung, die wissenschaftlich fundierte ebenso wie die naiv-gefühlsmäßige des Laien, absolut und widerspruchslos beherrscht. Dieses Ideal hatte sich so sehr als unantastbares oberstes Gesetz in aller Herzen und Sinne verankert, daß die damit verbundene Subjektivität und Einseitigkeit den Beteiligten gar nicht zu Bewußtsein kam. Als nun um die Wende des Jahrhunderts jene große geistig-seelische Wandlung, die wie ein alles niederreißender Strom über unsere Zeit hereinbrach, auch das Kunstschaffen von Grund aus änderte, da hatte es die Kunstbetrachtung, bei der jene Wandlung sich nicht so rapid vollzog, schwer, den Kontakt mit der Produktion nicht zu verlieren. Von jenem zur „ewigen" Norm gewordenen Ideal aus gesehen, mußte ja das gesamte neuere Schallen einfach als verfehlt empfunden werden. Hatte schon der Impressionismus, obwohl sein theoretisches Ziel in einer Vervollkommnung, sozusagen Übertrumpfung der bisherigen Naiurtreuc bestand, dennoch die g.-wohnte Art der starren Naturwiedergabe bedenklich zu lockern begonnen, so wollte der Expressionismus bereits, ganz bewußt nicht mehr die Dinge als solche, das heißt gemäß ihrer in der realen Welt sichtbar werdenden Gestalt, Form und l arbc, sondern nach ihrem inneren Gesetz darstellen, das zum Ausdruck bringen, was über die äußere Erscheinung hinweg ihr eigentliches Sein ausmacht. Damit war die neue Entwicklung, die sich weiter im Kubismus — sein Schöpfer bekanntlich der Jude Picasso — dann in in der gegenstandslosen Malerei eines Kandinsky und einer nach ihm kommenden, namentlich in Rußland markant vertretenen Künstlergeiieration, immer mehr vom Körperlich-Organischen weg zum Abstrakt- I ranszcndentalen wendet, klar vorgezeichnet. Auch kam, hier in der Kunst, nach anfänglichem Widerstand gerade die Kunstwissenschaft dem Neuen bald bedeutsam zu Fiilfe. Indem die Kunstgeschichte sich nämlich immer intensiver dem Studium bis dahin etwas vernachlässigter Gebiete zuwandte, vor allem der Kunst altorientalischer Kulturen, wie der ägyptischen, indischen, chinesischen, aber auch der Kunst der Indianer, der Neger und anderer „exotischer" Völker, gewahrte sie mit einem Male, daß jenes vermeintlich ewig oberste Gesetz des Strebens zur Natur nur eine einzelne, spezielle, der mannig lachen künstlerischen Möglichkeiten vorstelle und vielleicht nicht einmal unbedingt diejenige, der die bisherigen künstlerischen Höchstleistungen der Menschheit zuzuzählen seien. Man mußte sich auch sagen, daß es doch nicht angehe — wie dies früher tatsächlich geschehen war — bei einer Kunstentwicklung, wie zum Beispiel der ägyptischen, die in einer Jahrtausende währenden Scha Ifensperiode Meisterwerke von kaum wu sonst erreichter Vollendung hervorgebracht hat, eine schon zur Regel gewordene und o Heilbar vollkommen beabsichtigte Diskrepanz zwischen Kunstwerk und natürlichem Vorbild auf — mangelndes Können zurückzuführen. Wenden wir uns nun wieder zu unserem eigentlichen Thema. Auch in der Musik war, wenn auch den meisten kaum bewußt, im Verlaufe de.- letzten Jahrhunderte eine Art Nalumachslreben zum obersten, alies beherrschenden ästhetischen Gesetz erhoben worden. Nicht etwa so, daß man sich bemüht hätte, den Gesang der Vögel, das Rauschen des Windes, des Meeres und dergleichen nachzuahmen. .Aber die Harmonik und Melodik der ganzen Musikentwicklung, die wir als die klassische bezeichnen, und die uns die Werke all unserer großen Meister, von Bach und I iändcl angefangen über Mozart und Beethoven bis zu Schumann und Wagner, brachte, sie basiert in ihrer Gänze auf dem icinen Naturklaug, auf dem Gesetz der sogenannten Obertöne, den Tönen, welche die schwingende Saite, das angeblasene Rohr von seilst erklingen läßt. Als nun nach den Klassikern, über Strauß und Reger, über Debussy und Mahler hinweg, ein .Schönberg und Stravinsky kamen, und nun auch in der Musik eine Periode der Naturnachbildung von einer solchen der Stilisierung und .Abstraktion abgelöst wurde, da konnte man hier kaum auf große, verflossene Kunstepochen hinweisen, in denen eine verwandte Tendenz erkennbar gewesen ,\äre. Solche Epochen fehlten, weil ältere Epochen hier überhaupt fehlen, weil die über ein primitivstes Stadium hinausgehende Mu=ik als \ ollhunst erst eine Errungenschalt der letzten Jahrhunderte ist. Umso siegreicher hatte sich hier das Stilideal dieser Jahrhunderle als „ewiges" Gesetz festsetzen können, umso naheliegender war es, daß Verständnis'.osigkeil das neue Wollen als fehlendes Können ausrufen konnte. Da stellte sich aber eine andere Erscheinung gewissermaßen zur rechten Zeil ein, che dem Neuen eine ungeahnte Entfaltungsmöglichkeil verbürgte. Während nämlich die ganze klassische Periode hindurch von allen \ öl kern der Erde im großen und ganzen nur ein einziges, das deutsche, für die Mu<ik in Betracht kam, wobei die anderen sich wohl oder übel mit der passiven Rolle von genießenden Zuhörern begnügen mußten, begann es nun mit einem Male überall zu klingen. In allen Ländern tauchten neue Komponisten namen, ganze Komponislengene rationell auf, die Konzertprogramme bekamen auf einmal internationale Färbung. Man hat diese Tatsache, die doch jeden, der sie einigermaßen überdenkt, in höchstes Staunen versetzen müßte, eigentlich recht gleichmütig au I genommen. Hat auch gar nicht beachtet, daß es doch kaum ein Zufall sein kann, daß das plötzliche Aufflammen, wenn man so sagen darf, von gioßen Isomponistengruppen