Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Article
- Morris Rosenfeld
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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12 MENORAH Es krachen die Masten, wild flattern die Segel, — Jetzt fliegt es vorbei am tödlichen Riff — Sic kämpfen und streiten und raufen und ringen Auf Leben und Tod: der Sturm und das Schill. Jetzt muß es sich ducken, jetzt muß es sich steiler.. Jetzt treibt es zurück, jetzt treibt es voraus, Jetzt ist es nur noch ein Spielzeug der Wellen, Die Wasser verschlingen und speien es aus. Es braust die See, auffliegen die Wogen, Es dampft und kocht und siedet der Grund, Blut will der höllische Sturm, der Mörder, Ein grausiger Abgrund reißt auf seinenSchlurd — Da hört man ein Jammern, ein Schreien und Weinen. — Entsetzlich die Angst und schaurig die Not — - Jedwedes betet zu seinem Gölte: „Rette uns, rette uns, Herr, vor dem Todl" Und an der Seite dieses Bildes malt er zwei Männer, die ruhig und stumm nebeneinander sitzen. Sie falten die Hände und starren schweigend den Todesgraus an. Es sind zwei russische Juden, die aus dem finslern Rußland geflohen sind und jetzt vom freien Amerika wieder nach Rußland getrieben werden. Sie resignieren: Mag brausen das Meer und heulen der Sturm und sinken das Schiff — was haben sie, die Heimatlosen, zu verlieren? Das nackte Leben, das sie besitzen, ist wahrlich des Lebens nicht wert .... Ihr habt wohl Grund zum Weinen und Beten Und mögt euch entsetzen vor jähem Tod, Habt alle ein Heim, darinnen zu wohnen, Euch jagt übers Meer nicht die grausame Not. Doch wir sind verloren, verlassen wie Steine, Die Erde gibt uns kein Fleckchen frei. Wir fahren. Doch keiner erwartet uns drüben. Vielleicht wisset ihr, wohin fahren wir zwei? Mags brausen und brüllen und sieden und kochen, Mags stürmen und stürzen um uns her, Wir sind verlorene, verlassene Juden — Unsere brennende Wunde löscht nur das Meer . . Als Gegenstück zu diesem düstem Gemälde möchte ich „Die Nachtigall zum Arbeiter" anführen, worin Rosen feld einen schönen Sommertag in den buntesten Farben malt. Wie in den meisten Liedern Rosen felds brechen auch in diecem Gedichte die Seufzer hervor, auch hier beeinträchtigt die Tendenz den künstlerischen Wert der Dichtung. Aber uns genügt es, daß auch dieses Gedicht trotz allem Tendenziösen künstlerische Werte enthält und den Natursinn Rosenfelds bezeugt: Schön Sommer ist heut, schön Sommer ist heut! Hörst du mein zärtliches Locken? Vom tiefblauen Himmel die Goldsonne blinkt, Luftvölkchen im Walde schmettert und singt. Froh summt es auf blühenden Glocken. Es plaudert die Quelle und murmelt der T«üch, Es prangen die Blümlein wunderrcich — — — Schön Sommer ist jetzt, schön Sommer ist jetzt! Der Schmetterling tanzt in den Lüften. Der köstliche Silberregen sprüht, Es funkeln die Berge, vom Golde umglüht, Es wogt von wonnigen Düften. Und lustig erschallen Schafcrschalmei'n. Der Hirt ruft die Hirtin zum Stelldichein. Die heilige Zeit ist erschienen. Wohl mancher wird in dieser Naturmalerei Rosen felds eine neue Farbe, eine neue Formgebung, vor allem Eigenständigkeit und Urwüchsigkeit vermissen. Es gilt indes zu bedenken, daß der jiddische Lyriker weder auf vergangene Perioden des Überganges, noch auf ältere Stadien der Entwicklung, noch überhaupt auf ein früheres, für die Späteren vorbildliches poetisches Schaffen zurückblicken kann. Der jiddische Lyriker entbehrt jener Kraftquellen, die den Dichtern anderer Nationen aus den Höhen und Tiefen vergangener Schöpfungstage entgegenrauschen. Der jiddische Lyriker hat keine Traditionen, es sei denn da3 jüdische Volkslied, jene primitive Dichtung, in der die Seele eines Volkes ihre Sehnsüchte und Wünsche, ihre Träume und Hoffnungen in gomütssinnigen Tönen ausspricht. So fernab auch Morris Rosenfeld von den jüdischen Volksdichtern steht, seine Dichtungen sind dennoch mit dem jüdischen Volkslied in mancher Beziehung verwandt. Die Rosen feldschen Lieder haben mit dem jüdischen Volkslied vor allem die soziale Tendenz, das ewig Wehmütige und das ewig Hoffende, die zagende Verzweiflung und den lachenden Zukunftsblick gemein. Morris Rosen feld hat in seinen Liedern keine alten Motive erneuert, aber hier und da brechen in ihnen alte Klagetöne hervor. Roscnfeld singt von alledem, was des Menschen Herz bewegt, er singt von dem Licht der Liebe und von der Finsternis des Hasses; seine Stärke bleibt jedoch das Judenlied, das das Judenleid besingt. Darin zeigt sich die ganze Kraft seines poetischen Könnens. Was er im Wettbewerb mit den Dichtern anderer Zunge singt, das zeigt ihn nicht als Meistersänger; da ist er einer unter vielen. Im Judenlied allein ist er ein Eigener. Und daß bei ihm der Judenschmerz ins Weltschmerzlerische übergeht — das gerade macht ihn zum modernen jiddischen Lyriker. Unter den modernen jiddischen Lyrikern ist Morris Rosen feld der berühmteste. Er wurde am häufigsten in andere Sprachen übersetzt. Seine Ghettolieder sind bald nach ihrem Erscheinen in einer englischen Übersetzung herausgekommen. Die treffliche deutsche Übertragung der „Lieder des Ghetto" von Bcrthold Feiwel ist bekannt; sie hat den Namen dieses jiddischen Dichters in deutschen Landen populär gemacht. Der berühmte tschechische Dichter Jaroslav Vrchlicky hat in gewohnter Meisterschaft Gedichte von Morris Rosenfeld ins Tschechische übersetzt. Auch der kürzlich verstorbene Wiener Lyriker Alfons Petzold hat eine größere Anzahl Rosenfeldscher Gedichte in feinsinniger Art und mit künstlerischer Gewissenhaftigkeit ins Deutsche übersetzt. Es zeugt von der großen Popularität Morris Rosenfelds, daß zwei Nichtjuden, zwei erdgebundene Heimatsänger wie Vrchlicky und Petzold, seine Gedichte in ihre Muttersprache übersetzten. Vrchlicky schuf seire Nachdichtungen aus zweiter Hand, näm'ich auf Grund der erwähnten englischen Übersetzung; Petzold dagegen ließ sich die jiddischen Gedichte im Original vorlesen, übersetzte sie zunächst in Prosa, um ihnen dann eine wohlgelungene gebundene Form zu geben. Die Übersetzungen Pctzolds, die bisher nicht erschienen sind, haben mir im Manuskript vorgelegen; ich habe sie mit den Originalen verglichen und feststellen können, dau Orginal und Übersetzung in Ton und Rhythmus fast vollkommen übereinstimmen. Als Kostprobe möge hier das Rosen fei dsche Gedicht „Mehr Luft" in der Übersetzung von Alfons Petzold seinen Platz finden: Die Welt macht breiter, ebnet mir die Wege, Damit ich mich im Fliehen freier rege Und bald das Reich der Freiheit darf erkennen, Wo alle Herzen schöner, heißer, brennen. Hier auf der engen Erde eingefangen, Trag ich nach dieser Ferne nur Verlangen. Mich zieht nach der himmlisch freien Feme, Wo Ewigkeit im Kreisgesang der Sterne Leuchtend steht und Kleinliches verschwindet Und freier Wille sich mit Tat verbindet. Man fühlt die Göttlichkeit des höchsten Strebens Und schwebt im strahlenreinsten Licht des Lebens. Hier bin ich Knecht und stärker sind die Pflichten, Die sich zu eines Kerkers Kreis verdichten. Fühlbare Welten birgt mein Dichterbusen. Doch eingekerkert schmachten meine Musen. O großer Gott, wann wird es mir gelingen. Den Bann zu brechen und befreit zu singen? Wie lange wird noch schmachvoll angekettet, Auf buntbefleckte Fliesen hingebettet, Die Seele sich in diesen Jammer schicken. Und durch die Nacht zum hohen Himmel blicken? Der Zwinger klirrt, die Stäbe schließen enger Mich ein, des Judenvolkes armen Sänger. Morris Rosenfeld, „des Judenvolkes armer Sänger", ist arm gestorben. Aber er wurde in New York, wo er lebte, sang und starb, wie ein Dichterfürst zu Grabe getragen. Ein hunderttausendköpfiges Traucrgefolge gab dem toten Dichter das letzte Geleite. IPBt^mwkdiäi *sg&*»" AHnlf Canc m\\\Mmm\m siü^^ AQU UuUhiiJ; ^W m mm W ^»Wm mm «miimnuu Bettfedernreinigungsanstalt: XVll.,Bergsteigg.2 »»Vm-W»» «• «• 5