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Menorah · 1924-02-01 · Heft 2 (Februar 1924) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 2 (Februar 1924)
Article
Die Juden von Zirndorf
Date
1924-02-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 MENORAH kroch über die Äcker, und drüben lag Nürnberg mit seiner kaiserlichen Burg, mit seinen starken Mauern, mit seinen schmalen, stolzen Türmen. Die Häuser waren vielleicht aus Marmor gebaut, und die Stoffe und das viele Gold und die herrlichen Rosse, die Kampfspiele, der Jahrmarkt auf der Schüttinscl, der Metzgersp>-ung — wie bunt und wechselvoll, wie freudig und schimmernd alles! Die Well versank allmählich in der Dämmerung. Er ging heimwärts. Die dumpfe, drohende Geschäftigkeit, die überall herrschte und die immer mehr anschwoll, erweckte eine unbestimmte Angst in ihm. Bei einer Gartentür lag ein Stein und er ließ sich ermüdet nieder. Samson Weinschenk und die Seinen hatten schon zwei Wagen vollbcpackt und saßen nun zwischen leeren Wänden. Auch David Tischbeck und Samuel Schrenz und Hut/e! Davidla und Low Wassel tiüdinger und Moses Käsbauer und Maier Wolf; alle waren sie schon fertig und bereit, das fremde Land für immer zu verlassen. Der Knabe fühlte gleichsam schwere Schicksale voraus, darum war er traurig, und es war, als ob von irgendwoher eine schmerzli:h schöne Musik erschalle und durch die kümmerlichen Gassen des Judenvicrtels fließe. Er blickte empor und sah Rahel Nathan mit plumpen, aber hastigen Schiilten daherkommen. Sie wollte vorbei, aber Benjamin rief sie an. Da fuhr sie zusammen, winkle mit beiden Armen ab und wollte schnell -weitergehen — gegen die Häuser der Christen hinüber. Doch besann sie sich eines andern und setzte sich neben den Knaben auf den Stein. „Morgen soll es fortgehen, weißt clu das, Junge?" fragte sie. Er bejahte, aber sie redete nicht mehr, es war, als ob sie sich ganz in sich selbst verkröche. Der Knabe sah, daß sie mit ihren Händen das Gesicht bedeckt hotte, und die Ellbogen waren durch das niedere Sitzen tief in den Schoß vergraben. Es fiel ihm ein, daß es im Gesetz verboten sei, -o niedrig zu sitzen; nur die Leidtragenden dürfen es um ihre Verstorbenen. Da stand er rasch auf. Aber che er sich dessen versah, hatte ihn das Mädchen heftig bei den Armen gepackt, zog ihn an sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und drückte die glühendheißen trockenen Lippen leidenschaftlich auf seinen Mund. Benjamin glaubte zu versinken, auf seiner Stirn perlte feiner Schweiß, der ihn gleich Nadeln verwundete. Er hörte Raheis Herz wie einen dumpfen Hammer pochen, die Wärme ihres Körpers strömte auf ihn über, ihre aufgelösten Haare umhülllen seinen Kopf. Und nun fielen nasse Tropfen auf seine Wange nieder, und erst durch das laute Schluchzen cFs jungen Mädchens ward er schaudernd innc. daß es Tränen waren. Auf einmal stand sie auf, stieß den Knaben rauh von sich und eilte davon. In der Rosengaß stand ein kleines grün angestrichenes Haus, darin wohnte der Studionn Thomas Peter Hummel. Rahel tastete sich mühsam durch die Finsternis des Flurs. Plötzlich fiel ihr, sie wußte nicht warum, ein Vers aus dem Talmud Taanit ein: Und ich mache allen ihren Jubel still, ihre Feste, Monden und Sabbate. Heiserer Gesang scholl aus einem Raum im Hintergrund, dann kam c'n wüste; Lärmen und Der Judcnstcin (Siehe „Die Juden von Zirndorf" 2. Forts., Heft fi. 1 Jahrg.) Dieser Stein war im Hausgaug eines Hauses im zweiten Judenviertel in Nürnberg eingemauert. Nach früheren vergeblichen Kaufversuchen wurde er von Rabbiner Dr. Freudcntlialer im Auftrat; der Kultnsgemeiiule erworben und in der Nürnberger Synagoge mit der von diesem gewählten Unterschrift eingemauert. Er entstammt, der gotischen Arbeit nach, wie sie auch die Lorenzkirche aufweist, wohl der zweiten Nürnberger Synagoge (nach 1349 U99) T'nis stonc was built into ine wall of die door-way ol a house in the second Jcwish quarter of Nürnberg. After several fruitless attempts the stone was acquired by Rabbi Dr. l-reudentlialer bv ordei of the religious Community and walled iuto the Synagoguc in Nürnberg with an inscription selected by tum. To judge from the gothic work.whicli is similar to that in St . Lawrences church the stonc was originallv in the second Synagogue in Nürnberg (alter l'j-l'.t — 111)9) Durcheinanderreden, Gläscrklirren und Zurufe und auf einmal war es wieder ganz still. Eine weiche, schmiegsame Mittelslimmc begann ein Lied zu singen; Rahel kannte die Stimme, die so verführerisch war und von der sie meinte, daß niemand ihr widerstehen könne. ,,Ec. ist ein' Ros' entsprungen aus einer großen Zahl" —- ein altes Lied voll Trauer und Sehnsucht. Wer es sang, mußte gewiß um der Liebe viilcn leiden. Es war, wie wenn ein Vogel gefangen sitzt, von dem mau weiß, daß er nur durch Freiheit leben kann, und er sitzt in einem finstern Käfig und flattert sich die Flügel wund. Das Lied war schon lange zu Ende, aber Rahel stand immer noch regungslos da, und ein schmaler Lichlslreifen aus der Türspaltc fiel auf ihre Stirn. Plötzlich wurde die 1 ür aufgerissen und lachend, in der einen Hand den Weinkrug, mit der andern der Schar von Studenten am Tisch in der übertriebenen Lustigkeit, die ihm eigen war, zuwinkend, trat Thomas Peter Hummel heraus. Das Zimmer war von Rauch ei füllt, denn die jungen Leute saßen alle mit Pfeifen im Mund und pafften fleißig drauf los. Hummel schloß die Tür und setzte mit einem Feuerstein ein Öllicht in Brand, um in den Keller zu gehen. Als er sich mit dem Lärrpchcn in der Hand umdrehte, gewahrte er Rahel. Er erbleichte. Sein kleiner Mund kniff sich zusammen, die Pupillen erweiterten sich wie bei einer Katze, und endlich stieß er einen dumpfen, fragenden Laut hervor. „Wir gehn fort von hier", murmelte Rahel, und ihr Kinn sank gegen die Brust. Der Student lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart hervor und sagte, in eine Stube könne er sie nicht führen, sie sollte mit ihm in den Keller kommen, und Rahel folgte ihm in den feuchten Keller hinab. Hummel ließ sie auf ein leeres haß setzen, nahm ihre Fland und begann zu sprechen. Das war seine Kunst, zu sprechen. Da vergaß er sich selbst und den andern, wußte hundert Gründe oder Dinge, an die kein Morsch dachte oder denken konnte, geriet vom zehnten ins zwanzigste und von da noch weiter, unterbrach niemals den freien Fluß der Rede, setzte, wo es anging, ein gelehrtes Zitat statt eigenn Meinung oder brachte füglich eine bedeutsame Geschichte von spannender Erfindung an, kurz, er wußte das Wort so vollkommen zu gebrauchen, daß er es in knapper Zeit vermochte, ein groß^ Unglück höchst winzig erscheinen zu lassen, und war im ganzen ein glänzendes Beispiel für den Ausspruch des alten Cicero über die Beredsamkeit. Dabei war seine Stimme leise und berückend, eindringlich und gleichsam erziehend. Seme Gesten waren rund und gefällig, gemessen und wohlwollend, besonders wenn er Daumen und Zeigefinger mil den Spitzen zusammendrückte, und den Arm p>-ndelartig auf- und abbewegie. Er schien nichts als Liebe und Uneigennülzigkeil zu empfinden und alles, was er sagte, hatte Klang und Vernunft, sozusagen Flut und Schuh, und er vermochte einen Menschen zu trösten, daß er all seine Schmerzen vergaß und sich so vollgcredet fand, als habe er am Tisch des Großmoguls die köstlichsten Speisen gespeist. Nach geraumer Weile und als von oben das ungeduldige Fußgetrampel der andern Studenten hörbar wurde, erhob sich Rahel und ging wieder. (Fortsetzung folgt) MLTTÄX 6$ferreichi$che Qualifäf$aibeii, Die Sparsamste -Daher Be$te! Mtt&6$$te Urproduktion MEXAX

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