Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Article
- Die Juden von Zirndorf
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 9 (sequence 1)
- Language
- German
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9 M E N O R A H ^Jako6 ^Wassermann / Die ^Juden von Zirndorf 3as 'Vorspiel Gleich fernem Brandschein zeigte sich der erste Sreifen des Morgenrots und hoch in der Luft zogen Vögel mit zirpenden Schreien dahin. Als Maier Knöckcr nach Haus kam, fand er seine Tochter schlafend. Aber es bedurfte nur einer leisen Berührung und sie erwachte. Ihr Blick war scheu, verstört und furchtsam. „Gebenscht, ich hab sc zugericht", sagte der Nathan mit stumpfsinnigem Frohlocken. „Unbeschrien, ich habV die Haare ausgerissen, der falschen Braut." Er sah seine Tochter durchdringend an, schüttelte bekümmert den Kopf und fragte die Thelsela, wie lang es noch dauern könne bis zu Rahcls Niederkunft. Geistesabwesend erwiderte das arme Weib, sie wisse das nicht; jedenfalls aber noch vier bis sechs Wochen. Gegen Mittag kam der Ober-Rabbi mit finsterem Gesicht und fünf Älteste begleiteten ihn. In harten Worten stellte er den Knöcker zur Rede und gab schließlich Zweifel darüber zu erkennen, daß Maier Nathan die himmlische Stimme gehört habe. Der Knöcker begann zu weinen. Sein leidenschaftlicher Protest und die schwermütige Bestätigung der Tatsache durch die Thelsela stimmten den Rabbi milder und Chajim Rappaport meinte in seiner wohlwollenden Art, man könne ja doch das Ende der Schwangerschaft abwarten; auch sei es nicht ausgeschlossen, daß dem Messias /.wei Braute bestimmt seien, obwohl Zacharias ein Gegner solchen Glaubens sei. Wenn Maier Knöcker sich auf den Gassen blicken ließ, sah er sich mit Mißtrauen beobachtet, und seine ehemaligen Freunde gingen ihm aus dem Weg. Nur die ameisenbafte Geschäftigkeit, die überall herrschte, schürte ihn vor Schlimmerem. Doch hatte er nirgends Rast. Ein wühlender Schmer/ über die ungeordneten Zustände bedrückte ihn. Er suchte nach der Reihe seine Schuldner auf und keifte überall und drohte mit dem Landrichter. Dann eilte er wieder schnellen Laufs nach Hause, in die Kammern, zu seinen Kostbarkeiten und Pfandpapieren. Da er sich von allen verachtet fand, nahm die Liebe zu den Schätzen zu wie auch ein gewisses trotziges Vertrauen in die Mission seiner Tochter, und mit zorniger Ungeduld erwartete er die Ankunft der gottgeweihten Enkelin, überzeugt, daß es dabei an himmlischen und weit erkennbaren Zeichen nicht fehlen werde. Änsel Obadja und Hutzel Davidla standen am Abend des vierten November tuschelnd unter einem Haustor und gaben ihren Sorgen Ausdruck über die Vernachlässigung jeglichen Gottesdienstes. „Wenn es sich zuträgt, daß viele trinken werden," sagte Hutzel Davidla zitternd und seine Mausaugen schauten glitzernd g.igen Himmel, „dann hat unser Herrgott uns strafen gewollt." Davidla gebrauchte das Worten „trinken" und meinte damit den Tod, denn die Juden reden ungern vom Sterben, und schon im Taimud Ketuboth steht die Redensart vom Trinken. Ein gelehrter Chronist, der zu Fürth lebte, schreibt: Man frage nicht, warum sich dieses Volk allezeit so sehr für dem Tod entsetzet? Dies macht es: sie wissen nicht, wie sie dem künftigen Zorn entfliehen sollen. Das Sterben der Juden ist daher allezeit mit Furcht The son of the Anci.-nt Race Sted. Mus. Amsterdam und Schrecken umgeben. Alle, alle müscen mit Entsetzen für den Dingen, die da kommen, axis der Welt scheiden. Das Laubhüttenfest war unbeachtet herangekommen und sah nun in den Taumel und Wirrwarr der kommenden großen Wanderung. Breite Lastwagen, die von Bauern draußen oder von Christen im Markt erkauft weiden waren, rumpelten ununterbrochen vor die Häuser der Juden. Die streitenden Stimmen der Fuhrleute mengten sich mit dem Gekeife der Weiber; Pferde, Esel und Rinder wurden mit vielem Lium erhandelt; die Gassen lagen voll von zerbrochenem Hausrat, leeren Kisten, Kleider- und Leinwandfetzen, Stroh, Pergamenten und Spänen. Wenn Christen vorbeikamen, hatten sie ein finsteres und drohendes Gesicht und sahen aus, als ob sie die Mittel überlegten, um diese Anstalten zunichte zu machen. (Fortsetzung) Auf einer Kiste saß sinnend der kleine Benjamin und pendelte mit den Bcinchcn hin und her. Ihm war unwohnlich. Durch di^ hohlen Fensterlöcher schaute er in das Haus des Maier Lambden; er sah Kasten auf Kasten getürmt, sah die Weiber mit weißen Tüchern um den Kopf hin- und hcreüen, wie sie die Schränke lehrten und das Geschirr verpackten, und er hörte das Silberzeug klirren und den Lärm von Hammer und Meißel. Daneben stand das Haus von Samuel Ermrculher, der von seinen Söhnen das Dach abtragen ließ, denn nichts sollte den Gojim verbleiben von seinem Gut und Eigentum. Bei Itzig Genßhenker hatten sich viele junge Mädchen zusammengefunden und nähten emsig Wagendecken und Reisegcwänder und sangen alte Gesänge. Stunde für Stunde fegen arme Juden aus fremden Ortschaften durch die Hauptstraße, und in der frischen Glut ihrer Begeisterung vermochten rie nicht länger Rast zu machen, als nötig ist. um ein Gebet zu sagen. Dann eilten sie weiter in ihren Lumpen und mit ihrer jämmerlichen Flabe. Betrübt ging Benjamin an den Häusern entlang. Er blickte in die Gärten, in denen alle Blüten verwelkt waren und dürre Blätter den Boden bedeckten. Einmal sah er Eva. seine Verlobte, über die Gasse eilen, und er ging zu ihr hin. Aber das Kind, mit aufgestreiften Ärmeln und geröteten Wangen, schüttelte den Kopf und sagte, sie habe zu viel zu tun, um plaudern zu können. Benjamin hatte Flunger, und weil man ihm daheim nicht zu essen gab, ging er hinaus an den Fluß, wo er Haselstauden wußte und wo er sich sättigen wollte. Die Ereignisse, von seiner melancholischen Stimmung in farbige Dämmerung gehüllt, gaben ihm viel zu denken, und er träumte sich mit klopfendem Herzen das Land der Verheißung, wo es keine Christen gab und keinen Stadtvogt und keine Daumenschrauben und kein Spießrutenlaufen. Wie Idar und furchtbar erinnerte er sich des Tages, wo sein Vater wegen einer angeblich gestohlenen Sanduhr gefoltert worden war. Seinen Oheim hatten sie au? Nürnberg hinausgepeitscht, weil er dort übernachtet hatte. Oft hatte die Mu'tcr erzählt, daß ihre Muhme als ITcxe verbrann' worden war, obwohl sie eine fromme und «anfic Frau gewesen war. Dies alles machte ihn ungeduldig nach Macht und Größe. Ein Jubelgesang scholl von den Fläuscrn herüber. Er hörte eine Weile 7u und fragte sirh, warum eigentlich die Juden so verachtet seien. Er kam zu keinem Schluß. Im Grunde srhmcrztc es ihn, von diesen Felden fort zu mi'sscn, vor weiß wie weit. Es war so schön hier! Wie Freit und ruhig lag das Land da! Ein glanzloser Nebel