Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Article
- Drei Gedichte nach dem Talmud
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N O R A H Drei Gedichte nach dem Talmud i. ADAMS ERSTE NACHT Wcif.il du von Adams erster Nacht? Denn als die Sonne seinem ersten Tage sank, da kannt' er ihr Gesetz noch nicht. Und schon durchschaucrlc es ihn, als er sie sah, die, seinen Augen unnahbar, am Himmel gewandert war. Und als sie nun sich neigte zum Erdenrand, ihr reines Licht verdüsternd, beschleunigend den Lauf, wie alles, was endet, ergriff ein Wahn ihn, eine Angst und endlich eines Entsetzens schwere Woge, die ihn trug, daß ober ihm und unten, rechls und links im Taumel seiner Seele sich verwirrte. Denn nun verlosch des Himmelslichtes Gruß. Schnell kam die Nacht und wischte Glan/, und Leuchten, in immer engen Kreisen ihn bedrängend, von dem ErschafPnen der fünf Gottestage. Da glaubt' er seine n Gottestag zu Ende. Was Seligkeit für uns, ihm war es Hohn: die Sterne des Gewölbes blitzten auf. Beruhigend und Grauen spendend, so furchtbar ewig. Sich in die Haare raufen, fluchen, flehen, ihn wie ein irres Tier im Kreise laufen — —: denn seine Augen hatte schon der eine Tag des iVlenschenauges alle Gier gelehrt: ihn reizte, auszuspäh'n, die wogende, vertiefte hier, dort schwach erhellte Nacht. Oh, damals, lange vor dem Sünden fall, hat in den Lüften seiner Kinder Schicksal er wohl gewittert. Verstummt der Vögel Sang; doch horchend stumm. Und was im Schlafe laut ward, erschien ihm da schon, was es uns erscheint: des Würgers-und Gewürgten Dankeslied. Und plötzlich fuhr ein Wehen duich die Blätter, ein Kalteschauer rauhete die Haut dem Elenden; und als er um sich sah, da tauchte in bleiblauer Blässe wieder die Welt ihm auf. Schon schössen weif.ie Lichter durch Gottes Wolken, schon erglüht' es auf, gereinigt, überm fernen Rand der Erde. Der Dämm'rung Tore sprangen donnernd auf, als wollten eine neue Sonne sie aus ihrer Haft entlassen, ungeheuer, groß wie des Horizontes Morgenglut. Dann aber kam's empor, so klein, daß zweier Menschenarme Ring es fassen könnten, aber in dem Ring, dem kleinen Ring, mehr Flammenkraft verknotet, als seines Traumes Riesensonne maß, da sank er auf die Knie hin und weinte. Und sagt —: dort schwebt sie überm Tal, beschleunigend den Lauf, wie alles, was anfängt. Wir knien nicht. Nun denn, so möcht' ich doch, daß mir die Sonne jeden Morgen käme so jubelneu wie unserm Vater Adam nach jener ersten — ersten Menschennacht!-- Von MORITZ HEIM ANN II. DER RABBI UND DER FLUSS Ein Rabbi war in einer Stadt, dem rauschte das Gesetzbuch Blatt für Blatt und Tag für Tag, doch auch mil guten Werken sein Pfand im Himmel zu verstärken, war er getreu ehrwürdigstem Gebot, und brach dem Hungrigen sein Brot, half Waisen in ihr Recht, besuchte Kranke, und wo ein frommer Jud zum Sterben kam, war er dabei, duß er die Seele nahm zum Tr-'Ugeleil bis an des Richters Schranke. Er war zudem aus keinem weichen Holz, ein Eiserner, in sich getrost und stolz. Und so einmal rief eine Botschaft ihn fernweg zu einem siechen Alten, der mußte sein verfall'ncs Leben halten und konnte nicht den letzten Seufzer zieh'n, sprach' nicht ein Glaubensstarker ohne Fehl an seinem Bett das „Höre, Isiael". Der Rabbi säumte nicht; in seinen Gurt hat er sich eine Handvoll Datteln eingebunden und nahm den Stock; der Weg ist gleich gefunden, der kürzeste, bis an den F luß, durch den er knietief waten muß, an einer wohlbekannten, seichten Furt. Jedoch, wo ist die Furt? Der Fluß, geschwollen vom Regen in der Nachl, läßt seine Wogen rollen ununterschieden. Wo der Fuß auch grabt, das Wasser kommt verwildert angetobt und gurgelt höhnisch über den Versuch, das glitsch'ge Steingeröll zu überklimmen und in der liefern Strömung durchzuschwimmen. Hier hilft kein Segen, also hilft ein Fluch; der Rabbi greift in seinen weißen Bart und faßt sich zornig nach Prophetcnart: ,,Fluß, wilder, ich beschwöre dich, wach' auf im Grund und höre mich! Sieh über meinem Haupt das heil'ge Zeichen, ich bin dir über, und du sollst mir weichen. Sinnlos und blincl ist deine Tück' und Stärke; mich aber ruft der Ewige zum Werke. So laß dein Toben, halte still! Ich will dorthin, wo Gott mich will." Da regt sich aus dem Wellenchor ein sprühbeglänztes Haupt hervor. Der Scheitel ist ihm grünbehaart, ein Fischlein blitzl in seinem Bart, das Auge heller Kraft erstrahlt, und seine Stimme gellt und prahlt: „Willst du mich wecken, ich bin schon wach, und willst mich zwingen, und bist schwach, und willst mich lehren, und bist nicht klug, und rühmst dich Gottes, und hast nicht Gottes genug. Ob deine Reise Ihm gefällt. das weiß ein Buch, doch weiß es nicht die Welt. Ich aber bin von Anbeginn so recht nach seinem rechten Sinn; aus seiner Hand bin ich ergossen, aus seinem Plane ist mein Weg beschlossen. Und Mut und Übermut: was will der Fluß? er will mit Jauchzen, was Allvater muß!" Und taucht hinunter in das Wogenheer und sucht in Lebenswut und -stürz das ferne Meer. DER RABBI UND DER RAUBER Simon, eines Lakisch Sohn, War ein Räuber. — He? — Ein Jude Und ein Räuber, wie ich sagte: Simon, eines Lakisch Sohn. Wenn die Winterregen rauschten Über die Gebirge Judas, Spielten sie aus Felsenschründen Altes trock'nes Römcrblut. Wenn die 1' rühlingsblüleninbrunst Anemonenübcischwäuglich Alle Hange, alle Täler Hochzeitlich ins Schäumen trieb. Lag im Sonnenprall der Löwe, Löwe Judas, auf der Beule. Auf der schwarzen Ziege gelb. Die er sich geschlagen hatte. Jedes Löwen Spur im Grase, Jedes wilden Büflels Spuren Las wie Schrift der Räuber Simon; Andre Schriften las er nicht. Nein, auch andere Schriften las er: Sternenlauf am Himmelsbogen Und Nachmittagswolkendrohung Und der Karawane Weg. Nur nach seines eignen Herzens Sinn und Sage spürt er nicht. Denn er trägt an seiner Fülle Leicht wie an des Auges Apfel. Und er steigt zum Flusse nieder Aus dem Walde, tief geblendet, Um die Luft des Tags zu kühlen. Daß sie sich ertragen läßt. 13a erschimmert jenseits, weißer. Blendender als Tag und Sonne, Aus den Steinen, aus dem Wirbel Eines blanken Weibes Leib. Kocht der junge Strom von Feuer, Oder tobt er eines Unholds Immer wache Zorneswut, Oder schäumt er vom Gelächter? Und der Schwimmer hebt mit Lachen Schüttelnd Haar und Bart und Wimpern, Und die raubgewohnte Rechte Greift — sie greift sich einen Mann. Einen Mann; ach, einen Rabbi. Wer verdutzter ist von Beiden, Dieser weiß es nicht und jener; Aber Simon lacht mit Schall. Und der Rabbi prüft den Wildstier, Sieht sein Auge freudeglänzen, Hört sein morgenstarkes Brüllen — Streift ihn ab mit sanfter Hand.