Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Article
- Der Berg in der Wüste
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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6 MENORAH unsere Krüge. Laß mich los. Geh fort. Ich mag dich nicht. Ich will nicht! Ich schlage dich. Ich speie dich an. Ich kratze dich. Ich beiße dich. Zu Hilfe! Zu Hilfe! MISSA zu Zipora: Es nützt dir nichts, mein zärtliches Raubtier. Du gehörst mir. Ich trage dich fort. Wer soll dir helfen? Die Wüste ist Ler. MOSE erhebt sich. DIE HIRTEN zu Mose: Du räudiger Hund! Du Bettler! Ich mute lachen über dich. Pack dich weiter! MISSA zu Zipöra: Komm, meine Liebe, Schöne, küsse mich. Meine Löwin. MOSE l(otnmt näher: DIE HIRTEN: Du Frechling! Du Narr! Du Krüppel! Du Aussätziger! MOSE gebieterisch: Auf die Knie! Die Hirten sehen ihn an, erschrecken und 1 allen auf die Knie. MISSA: Herr, wende deine Stimc ab. Tote uns nicht! MOSE: Hinweg! DIE HIRTEN flüchten. MOSE greift stöhnend empor und verbirgt die Stirn. Die Mädchen stehen ängstlich abseits. Dann lost sich Zipöra von ihren Schwestern und gehl auf Mose zu. MOSE: Komm mir nicht nah! Ich bin verflucht! ZIPÖRA: Ich will dir danken, Herr. MOSE: Warum fliehst du nicht wie die andern? Siehst du nicht das Zeichen Kains auf meiner Stirn? ZIPÖRA: Ich sehe nur, daß du viel gelitten hast. MOSE: Ich bin unrein. Ich habe gemordet. ZIPÖRA: Du kannst nichts Böses getan haben. Du bist müd. Du bist krank. MOSE: Mich dürstet. ZIPÖRA beugt sich, schöpft Wasser, reicht Mose den Krug: Trinke, mein Herr. MOSE: Hab Dank. Leb wohl. ZIPÖRA: Du darfst nicht fortgehen. Du mul.it dich ausruhen. MOSE: Ich darf niemals ruhen. Ich muß wanddern zu Gott, daß ich vielleicht Barmherzigkeit finde. ZIPÖRA: Du mußt nur Menschen finden, die gut zu dir sind. Willst du nicht in unser LIaus kommen und unser Gast sein? MOSE: Wie darf ich es wagen? Er geht zögernd mit Zipöra, die ihn stützt; beide langsam ü/;. DER DÄMON ist wieder sichtbar. Er blickt ihnen nach, die Augen beschallend. 2. S z c n e. Midian. Inneres eines Zeltes. Leichte Dämmerung. Mose auf einem Ruhebett. Zipora bei ihm. MOSE: An jedem Ding in dieser Hütte hängt ein Duft von dir. Wo bin ich? ZIPÖRA: In Midian, lieber Herr. Du bis der Gast meines Vaters, der dich gesegnet hat. — Ist dir jetzt gut? MOSE: Mir ist ganz leicht. ZIPÖRA: Ich bitte dich, erzähl mir von deiner Heimat, von deiner Kinderzeit. MOSE: Ich war ein Prinz. Ich bin aufgewachsen in einem Königspalast. In dem Palast gab es helle, luftige Tcrasscn und lebten helle fröhliche Menschen. Ich blickte manchmal hinab in die Tiefe, wo es auch Menschen gab, Sklaven voll dunklem Schweiß, übelriechend. Sie glichen mehr Tieren. Mir schwindelte. Wenn ich mich über das goldene Geländer beugte, glaubte ich, einer den Untern zu sein. Wir spielten mit den goldenen Bällen. Und doch spürte ich, »vic es mich hinunterzog. — Und ich mußte hinunter. Mit den Füßen stak ich im Schlamm, tief am Meeresgrund. Um mich im Dunkel stöhnten die Tiere. Ich war eines von ihnen. ZIPÖRA: Du hast geträumt. MOSE: Ich habe nicht geträumt. Ich bin auch ein Ebräer. Weißt du, für wen ich gemordet habe, für wen ich alles verloren habe, für wen ich ausgestoßen worden bin und verflucht? Für dieses Volk, das mich dann verraten hat, wie mich alle verraten haben, das an mir klebt, das ich mitschleppe an meinen F üßen wie eine Kette, wie einen schweren Klumpen Kot. Es ist fürchterlich. Diese Sklaven, diese Kranken, diese Angefaulten, voll Beulen, voll Geschwüren, sind meine Brüder, vielleicht mit mir gelegen unter einem Mutterherzen. ZIPÖRA: Du bist kein Sklave. MOSE: Dieses Sklavcnvolk soll einen gewaltigen Gott haben, der ihnen ein Land verheißen hat, wo Milch und Flonig fließt. — Dieser Gott ist jetzt mein Gott. Was will der Gott von dem Volk? Was will der Gott von mir? ZIPÖRA: Du mußt den Gott vergessen! Du mußt das Volk vergessen! MOSE: Du willst mich fortlocken von meinem Weg. Ich muß Buße tun. Ich muß einen suchen, dessen Sitz ist hinter den Wolken. ZIPÖRA: Du darfst nicht unglücklich werden. Ich halte dich, ich schütze dich. Ich umhülle dich mit meiner Wärme. Hier wirst du di.-.h ausruhen. MOSE: Ausruhen? ZIPÖRA: Du mußt die Augen zumachen. Du mußt die müden Glieder aussLrecken. MOSE: Werd ich nicht flüchten müssen? ZIPÖRA: Nichts kann dir geschehen. MOSE: Werd ich hier wohnen dürfen? Werd ich hier ruhen dürfen, eingebettet in die Erde wie ein Baum? ZIPÖRA jubelnd: Wie ein Baum! Du wirst verwurzelt sein, daß dich nichts wegtreiben kann. In meinen Armen halte ich dich. MOSE sieht sie an: Wer bist du? — — Du bist eine Frau! — Du bist schön. ZIPÖRA: Spürst du's nicht, daß du geborgen bist bei mir. Ich bin so reich. Ich weiß nicht, wohin damit. Hier wirst du glücklich sein, bei mir. MOSE: Bei dir! Geborgen in deinen Händen. Mutter. — Liebste. — Beide still beisammen. MOSE wie aus einem Traum sprechend: Werden nicht irgendwo Ströme brausen? Und offenes Meer an die Klippen schlagen? Und Unterdrückte weinen? Und unübersehbares Volk knien unter mir, horchen auf die Worte aus meinem Munde? ZIPÖRA: Das alles ist doch in der bunten, wirren Well, weit weg von uns. Schlaf tioch, mein Liebster. Hinter der Szene ein Bote. Er spricht mit der Stimme der dunl(len Dämons. BOTE: Wo ist der Oberste, der Fürst, der Priester? MOSE aufschreckend: Was ist das? ZIPÖRA: Mein Vater und ein Fremder. Schlafe. BOTE: Ich bin ein Königsbote, ich kann nicht warten. Mein Weg führt weiter ins Morgenland. STIMME DES VATERS: Herr, komm herein. BOTE: Pharao läßt dir sagen: In seinem Rcirhe wohnt ein krätziges Volk, Ebräer genannt. MOSE will aufspringen: Das Volk! BOTE: Die Ebräer sind frech geworden: frei wollten sie sein! Sie haben Aufstand gemacht. Pharao hat sie zertreten. Sie schleichen wieder mit gebeugtem Rücken. Sie wagen nicht, dir ins Auge zu sehen. Sie sind feig. MOSE: Ich bin feig. BOTE: Sie werden heimgepeitscht wie stumpfes Vieh in seinen Stall und an den Pflug geschirrt und scharfe Stacheln in ihr Fleisch getrieben. Wenn solch ein Sklave sich zu dir verirrt, liefere ihn aus. MOSE: Überall hin verfolgt es mich. ZIPÖRA: Du bist in Sicherheil. MOSE: Sic verfolgen mich. Sie rufen nach mir. Sie schreien. Wie kann ich ihnen helfen? Wie kann ich ihnen entfliehen? ZIPÖRA zieht den Vorhang weg. Ansucht auf den Berg. II ereinstürzendes Licht. ZIPÖRA: Jetzt wird die kalte Dämmerluft hercinströmen. Jctzl wird dir gleich gut werden. MOSE stockend: Was ist das für ein Gebirge — erhaben — voll Schnee — unendlicher weißer Glanz, leuchtend im Abendrot? ZIPÖRA: Sprich leiser! Es ist unheimlich, davon zu reden. Sie sagen, auf dem Gebirge ragt ein Thron. Dort wohnt Gott. MOSE: Dort! Dort! ZIPÖRA: Was ist denn mit dir, lieber i lerr? MOSE: Halte mich, halte mich, umschlinge mich mit deinen Armen! Sonst muß ich fort von dieser Erde! Sonst muß ich zu Ihm! ZIPÖRA: Ich halte dich ja, mit beiden Händen. Spürst du meinen Arm? Spürst du meine Wange an deiner Wange? MOSE: Laß mich los! Laß mich los! Ich muß empor. Dort haust Er im Eis. ZIPÖRA: Wenn nur mein Vater hier wäre. MOSE ist aufgesprungen zur Öffnung in der Wand: Ich muß Ihn schaun. Dort ist Seine Wohnung! ZIPÖRA ihn berührend: Lieber Herr! MOSE angespannt schauend: Der Berg! Der Berg! Vorhang. Die Buchausgabc des Moses-Dramas „Der Berg in der Wüste", aus dem wir das vorstehende Fragment abgedruckt haben, ist im E. P. Tal- Verlag in Wien erschienen.