Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Article
- Der Berg in der Wüste
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH 5 Walther Eidlitz- / Der Berg in der Wüste DRAMA geschrieben. Ich sihritt in Reih und Glied in cler Kompagnie, übte mit den andern Gewehrgriffe, erste Fassung des „Berg in der Wüste" nieder- Im Herbst 1917 habe ich als Infanterist die Schwarmlinic, und sah dabei vor mir den Wasscrglanz am Nil, die beiden badenden braunen Burschen, von denen einer Moses war. Ich lulir am frühen Morgen in dem dunklen Eisenbahnwaggon zum Barackenlager und horte im Rollen der Räder durch die Tunnels die Worte des s:hwerAufwärtsschreilenden, der den Gott suchte: Aus den Niederungen bin ich entllohn*n. Ich wandre durch Wildnis zu Deinem Thron. Ich geh' über öden, steinigen Grund, Eisströme rauschen um meinen Mund. Ich geh' in erwartend erschauernder Lust, Urnebel stürzen an meine Brust. Gieß' aus über mich dein unendliches Licht! Ich will mit Dir sprechen, Gesicht in Gesicht! Während wir viele Stunden lang in der kalten Baracke auf den Abendbefehl warteten, vcigaß ich das Mcnagcschalcnklappern, das Klatsclvn cler schmutzigen Spielkarten um mich her, das Zotenreißen der Kameraden, die mich belustigt anstarrten, und glaubte Moses zu sein, der. die Gesetzestafeln an die Brust geprcf.it, zu seinem Volk hinunterschvitt: Was soll noch weh tun, wo ich auserwählt bin Von allen Menschen, die die Welt bewohnen, Wo ich doch fliegen könnte ohne Hügel, Wo Silberspuren unterm Fuße bleiben. Es muß doch leuchten mein Gesicht wie Gold, Und eine Maske werd' ich tragen müssen, Wenn ich hinunter zu dem Volke komm'. 1. Szene. Wüste bei Midian in glühender Sonne, ticfvioleltc Schatten; gemauerter Schöpfbrunnen '.inier Palmen. Am Horizont eine dunl(le M' oll(enn<and. MOSE kommt n>anf(end: Weshalb hab ich mich nicht längst in den heißen Sand gewühlt. Da war ich verschmachtet unter dem glühenden Druck und könnte schlafen. Hier aber ist es gut. Sich umsehend: Die Bäume sind grün. Wie sonderbar, daß es grüne Bäume gibt, grüne Blätter, feucht. Und Brunnen, Wasser darin. Und ich darf mich darüber neigen. Und ich darf die Hände hinemtauchen und trinken, trinken. Er will Irinnen, sieht sein Spiegelbild und erschrickt- Was ist das? — Mein Gesicht! Hinter ihm ist plötzlich der dunkle Dämon emporgewachsen. schwarzvioleti, ir/e die Schatten in der Wüste. MOSE starrt in den Brunnen: Ich bin verflucht! DER DÄMON: Siehst du deine neuen Brüder? MOSE: Ich seh'?, ich will nicht sehen. DER DÄMON: Siehst du die Toten vor dir, kalt, starr? MOSE: Ich will nicht sehen. Wendet sich gegen den Dämon. Geh fort, ich will schlafen. DER DÄMON: Ich aber will, daß du wachst, fort und fort, daß du ruhelos bist. MOSE: Warum peinigst du mich? DER DÄMON: Damit du hart wirst, empor- Der Moses im ersten Akt meines Stückes ist nicht wie die Statue des Michel Angelo, der uralte, überlebensgroße Mann mit dem Hart, wie man sich ihn immer vorstellt, sondern er ist jung, ein ägyptischer Prinz. Er hat gebadet, er ist gcs: hwommen, nun liegt er mit dem Freund aul den nassen Brettern der Badehütte in der hellen Walther Eidlitz Wien ZWEITER AKT wächst ins Eis, abstreifst deine Jugend, damit du erstarrst. MOSE: Wohin treibst du mich? DER DÄMON: Einen mußt du suchen, dessen Sitz ist hinter den Wolken. MOSE: Er hat mich verflucht. DER DÄMON: Du mußt zu Ihm! MOSE: Ich kann nicht. DER DÄMON: Du mußt! — Immer bin ich um dich, Stimme um dich: immer werd ich dich aufscheuchen, bis du mir ähnlich bist, traurig wie ich. — Und ich hauche dich an und wieder mal' ich das Zeichen Kains auf deine Stirn. Dämon verschwindet. •» MOSE macht taumelnd einige Schritte. Dann *inl(t er nieder. Die Bühne erscheint leer. Man hört Mädchenlachen, erst fern, dann näher. Zipöra und ihre Schwestern kommen lachend. Sie tragen i:dene Krüge. Voll Heiterkeit beugen sie sich über dm Brunnen und beginnen zu schöpfen. Hirten laufen auf die Bühne. DIE HIRTEN: Aus ist die Freude! DIE SCHWESTERN: Wir waren die ersten. DIE HIRTEN: Wir sind die Stärkeren. ZIPÖRA: Wir waren früher hier. Laßt uns doch Wasser schöpfen für unsere wenigen Tiere. M1SSA: Nein, lieber Schatz. Uns gehör! die Sonne. Sie sprechen von einem unsichtbaren, großen Gott, den es geben soll; sie sprecht n von dem Leben, das wie eine goldene Wolke vor ihnen liegt. Moses will ein Feldherr werd'-n, will Städte bauen. Türme bauen, Paläste bauen. Unten im /iegelglutstaub cler Straße keuchen Lastträger vorbei, ebräischc Sklaven. Eine Angst würgt Moses; ein Sklave hat ihm eben gesagt: „Du bist einer wie wir. Du bist ein Ebräer. Ich bin dein Bruder!" Und Moses weiß aus dunklen Kindheitserinnerungen, cler Lastträger hat nicht gelogen, es ist wahr! Vergebens sucht er, sich gegen sein Schicksal zu wehren, will sich hineinreiten in die Liebe zu Liane, der jungen Prinzessin. Aber auch wenn er sie küßt, zittert die Furcht in ihm, daß er hinunter muß, zu dem verachteten Wik. Als sein ebräischer Bruder Aharon gepeitscht wird, muß er bekennen, er erschlägt den Sklaveuvogt. Und nun bricht seine ganze Welt zusammen. Er verliert den Freund und die Gehebte, die Ägypter weichen vor ihm zurück wie vor ein.-m Aussätzigen, und die Ebräer verraten ihn. Flr wird von den Priestern als Mörder verflucht: Verflucht sei das Wasser, das du trinkst' Verflucht sei die Erde, die du tiiitst! Verflucht sei die Luft, die du atmest! Mörder, sei verflucht! Moses rennt verzweifelt in die Wüste, nicht nur. um sein Leben zu retten, sondern um zu erfassen, warum das alles geschehen ist, um den unsichtbaren, großen Gott zu suchen: „Cjolt hat mich gesegnet. Gott hat mich verflucht. Welcher Gott ist mein Gott? Aus tiefem Elend schrei ich, Herr Gott, nach Dir!" Oase. Uns gehört der Brunnen. W i r trinken das Wasser aus. Unsere Tiere saulen sich satt. Ihr bekommt nichts. DIE HIRTEN: Nicht einen Krug voll! Nicht einen Schwamm voll. M1SSA: Nicht einen Tropfen bekommt ihr. Wir baden uns im Brunnen, wenn etwas übrig bleibt. — Aber es gibt einen Ausweg. Ihr müßt Lösegeld zahlen. ZIPÖRA: Unser Vater ist reich und kann dir i wr«. schenken. M'SSA: Nein, liebes Taubchen, du irrst dich. Ich habe Gold genug. Ich habe Vieh genug. -- Du mußt mich küssen. ZIPÖRA: Dich? Dich? — Nie! MISSA: Mein lieber wilder Vogel. Wir wollen es abwarten. Du wirst schon zahm werden. Du mußt mich küssen. DIE HIRTEN: Küssen müßt ihr! DIE SC WESTERN: Nie geschieht das! Ihr Unverschämten! DIE HIRTEN: Ihr seid widerspenstig. Das werdet ihr bezahlen. Verschüttet das Wasser! Stoßt ihre Eimer um! Treibt ihre Schafe foit! Jetzt wehre dich! Mir gehörst du. artige Kleine. Wilde Katze, du willst mich kratzen? DIE SCHWESTERN beinah.- gleichzeitig: Ach, unser Wasser! Habt Mitleid, unsere Eimer,