Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Article
Schutzjuden
Date
1924-01-01
Page
Seite 4 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2912821-2912828-2912829-2913615--00416-2913665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

4 MENORAH sehen Unruhen in Palästina übernehmen müßte, organisch unangenehm und wird es immer bleiben. Der englische Soldat wird, wenn es notwendig ist, in Indien, Ägypten oder Irland offensiv vorgehen, da es ihm ganz: klar ist, daß er dort Englands Interessen unmittelbar verteidigt. In diesem Falle gibt es für ihn auch gar keine Frage, ob Rebellen Recht oder Unrecht haben. Palästina ist aber keine britische Provinz. Palästina ist Eigentum des Völkerbundes; formell führt England dort einen Auftrag aus, der in keinem Z.usammenhange mit der englischen Souveränität steht. Diesen formellen Standpunkt kennt jeder Soldat. Er glaubt deshalb, daß er in Palästina nicht England, sondern die Juden, ein Volk, dessen Ideale und Interessen nicht die seinen sind, verteidigen muß. Überdies erzählt ihm jede Zeitung, die aus England kommt, daß der Zionismus eigentlich ganz unberechtigte Ansprüche erhebt; daß Englands Politik in dieser Frage als unerhörte Unterdrückung der Araber erscheint; daß das ganze Palästina-Unternehmen überhaupt ein Fehler ist; daß England durch die Juden in ein unmögliches Unternehmen hineingcz.ogen wurde; wäre nicht der Zionismus, so könnte England Palästina verlassen oder dort unter dem besten Wohlwollen der Eingeborenen verbleiben . . . Das liest er tagtäglich, da gerade die kleine Presse, die am meisten in den Kasernen verbreitet ist, sich besonders eifrig der anlizionistischen Propaganda widmet. Wenn wir sogar annehmen, daß ihn unser Standpunkt auch manchmal erreicht (obwohl ich auf Grund eigener Erfahrung behaupte, daß dies unwahrscheinlich ist), so wäre doch lächerlich, zu verlangen, daß „John" oder „Peter" in dieser für ihn äußerst verwickelten Frage Richter spielen sollte. Im besten Falle wird „John" neutral bleiben. Er wird sich sagen, daß weder Araber noch Juden ihn etwas angehen, und daß die aktive Einmischung in deren Gezänk ihm daher zuwider ist. In der Wirklichkeit haben wir aber fast immer den schlimmeren Fall erlebt. Im Jahre 1922 sandte die zionis'ische Exekutive einen ihrer Sekretäre nach Palästina, um sch über die politische Situation im Lande zu informieren. Dieser Sekretär war ein englischer Jude mit sehr „gemäßigten" Ansichten, überzeugter Anhänger Sir Pierbert Samuels, Gegner der Judcnstaatsidec, Gegner des Gedankens einer jüdischen Legion usw. Er bereiste das Land und erstattete der Exekutive einen Bericht, der den Satz enthält: „Die Armee in Palästina, vom Tambour bis zum General, ist gegen den Zionismus." Anders könnte es auch nicht sein. Das soll aber nicht heißen, daß der Zionismus in den Augen neutraler Menschen unethisch erscheinen muß. Im Gegenteil. Vor jedem, der fähig ist, Richter zu sein, wird der Zionismus nach aufmerksamer Prüfung aller Argumente für und gegen stets den moralischen Rechtsstreit gewinnen. Der Soldat ist aber kein Richter und kann auch kein Richter sein. Die Kolonisation Nordamerikas war auch eine gerechte Sache. Hätten aber „jüdische" Soldaten die englischen Pioniere vor den Eingeborenen schützen müssen, so wäre diese Aul gäbe bei uns Juden genau so unpopulär gewesen, und man hätte sich auf unseren Schutz nicht verlassen können. Genau dasselbe pilt für den Schutz unserer Kolonisation durch englische Truppen. Eben deshalb hat die Truppe — wie Sir Herbert Samuel in einem offiziellen Telegramm rühmend hervorhob — während des Pogroms in Jaffa keinen ein/igen Schuß abgegeben. Eben deshalb sind dieselben Truppen ohne Gewehr, nur mit Stöcken bewaffnet, ausgerückt, um Rchoboth vor der 10.OOOkcpfigen arabischen Manifestation zu schützen. Jede Armee hat ihre Psychologie, und die Vorgesetzten rechnen mit ihr, insbesondere wenn sie desselben Geistes sind. Diese Psychologie ist selbstverständlich auch den Arabern bekannt. Zufolge des naturnetwendigen Verkehrs zwischen dem englischen Soldaten und dem Araber, von denen „Tommy" im täglichen Leben Orangen und Grünzeug kauft, mit denen er plaudert und scherzt, entsteht bei den Arabern, wie bei allen Orientalen, sehr gerne der Glaube an das, was sie wünschen. Und in ihrer leicht erregten Phantasie verwandelt sich bei der Wiedergabe von Mund zu Mund der Wunsch in eine reale Tatsache, und damit ist ein sehr gefährliches Moment gegeben. Achmed teilt Tewfik mit: „Tommy hat mir gesagt, daß ihm diese ganze Geschichte unangenehm ist." Tewfik erzählt Schefket: „Tommy hat gesagt, er hätte gar keine Lust, die Juden zu verteidigen, wenn es zu Unruhen käme." Schefket gibt es schon an Mohammed in der Form weiter: „Tommy hat gesagt, daß sie einen geheimen Befehl erhalten haben, die Juden nicht zu Verteidiger.." So entsteht unter der arabischen Masse die unzerstörbare Meinung, daß die Regierung und besonders die Armee für sie und gegen die Juden ist. Eben deshalb haben die Araber keine Angst gehabt, im April 1920 und Mai 1921, als im Lande so viel englisches Militär vorhanden war, Pogrome in Jerusalem und Jaffa zu versuchen. Und jetzt sei uns gestattet, einen entgegengesetzten Fall zu erwähnen: Anfang 1919 brachen in Ägypten ernste Unruhen aus. Das dort stationierte Militär war unzureichend, um diese Unruhen, die den Charakter eines Aufstandes trugen, zu unterdrücken. Deshalb wurden beinahe alle englischen Bataillone aus Palästina nach Kairo abgerufen. In Palästina sind damals außer den 5000 jüdischen Soldaten fast gar keine europäischen Truppen geblieben. Die Situation war äußerst gefährlich. Täglich kamen aus Ägypten geheime Gerüchte von „arabischen Siegen"; und obwohl diese Gerüchte ganz unsinnig waren, fanden sie doch bei den arabischen Massen gierige Aufnahme. In ganz Palästina huschten Agitatoren herum, die versuchten, einen Aufstand der Fellachen gegen die jüdischen Kolonien hervorzurufen. Trotzdem blieb im Lande die Ordnung vollkommen erhalten. Nicht der geringste Zusammenstoß ereignete sich. Sogar in den einsamsten und abgelegensten Kolonien herrschte ungestörte Ruhe. Nur weil die Araber wußten, daß einige tausend jüdische Soldaten im Lande sind, über deren Gesinnung weder Achmed noch Schefket irgend welche Zweifel haben konnten. Ich verstehe sehr gut, daß die Stärke jeder Garnison nicht in ihr selbst liegt, sondern in der Macht des Staates, der hinter ihr steht. Deshalb war ich nie und bin auch jetzt nicht ein Anhänger einer „nationalen Armee", auch wenn eine solche Armee politisch möglich wäre. Wir brauchen nur die Wiederaufrichtung unserer Bataillone in der Form, in der sie von 1917 bis 1921 existierten. Diese Bataillone waren Teile der britischen Armee und trugen britische Uniformen. Das Menschenmaterial in dieser Uniform war aber rein jüdisch, und hier liegt das Wesen der Sache. Als wir noch Gymnasiasten waren, war jeder Lehrer ein Vertreter derselben Staatsgewalt: er konnte es nach seiner Willkür so einrichten, daß jeder von uns aus der Schule hätte relegiert werden können. Und trotzdem gab es Lehrer, d"nen wir gehorchten, und andere Lehrer, denen wir auf der Nase tanzten. Nicht die Macht, die den Lehrer, den Beamten, den Soldaten ernannt hat, gibt den Ausschlag: seine eigene Gesinnung, sein eigener Wille ist für die Frage maßgebend, ob er der Klasse oder der Masse imponiert, und in welcher Richtung. III. Die Schlußfolgerung ist klar: Ersten? kann eine Garnison in Palästina der jüdischen Kolonisation nur dann wirklichen Schutz gewähren, wenn sie zum größten Teile aus jüdischen Soldaten besteht. Zweitens, nur unter dieser Bedingung wäre eine Reform des Verwaltungssystems in Palästina möglich, eine Reform, die uns den Weg zu einer tatsächlichen Verwirklichung des Mandats, vor allem zu einer großzügigen Kolonisation und Immigration erschließen würde. Genau so, wie wir von England keine Unterstützung des Zionismus durch Geld verlangen können, können wir nicht das Blut seiner Söhne forclern. Sollte die Garnison einmal Verluste haben, dann dürfen die Listen der Toten und Verwundeten keinen „John" und „Peter" enthalten, sondern nur die» Namen „Moses" und „Juda". Die Frage, ob uns der Militarismus und das Soldatentum angenehm ist, steht mit dieser Angelegenheit in keiner Beziehung. Wir stehen vor einer unwiderlegbaren logischen Kette. Wir kolonisieren Palästina gegen den Willen der Eingeborenen. Diese Opposition kann nicht beseitigt werden. Deshalb ist unsere Kolonisation nur unter der Voraussetzung eines aktiven bewaffneten Schutzes möglich. Derartigen Schutz kann oder will uns England nicht geben. Es muß daher entweder die Garnison aus Juden bestehen oder ist der Zionismus unausführbar. ^S8§??&*~

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.