Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Ethik der eisernen Wand
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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2 MENORAH Wladimir Jabotinsky / Die Ethik der eisernen Wand i. Wir wollen auf das bereits im vorigen Artikel erwähnte Heising forscr Programm zurückblicken.*) Ich bin als einer der Verfasser natürlich am wenigsten geneigt, an der Gerechtigkeit der darin aufgestellten Grundsätze zu zweifeln. Es garantiert bürgerliche Gleichberechtigung und nationale Selbstverwaltung. Ich bin fest überzeugt, daß jeder unparteiische Richter dieses Programm als eine ideale Grundlage für ein friedliches und gut nachbarliches Zusammenleben zweier Völker anerkennen wird. Es ist jedoch der größte Unsinn, von denselben Arabern die Psychologie eines unparteiischen Richters zu fordern, die in diesem Streite nicht Richter, sondern Partei sind. Vor allem bleibt doch noch die erste und wichtigste Frage selbst dann, wenn die Araber an ein friedliches Zusammenleben glauben könnten, ob sie überhaupt „Nachbarn", wenn auch gute, im Innern des Landes, das sie als ihr eigenstes betrachten, dulden wollen. Nicht einmal jene, die uns mit wohltöncnden Worten beschwichtigen wollen, dürfen den Mut haben, abzuleugnen, daß die nationale Einheitlichkeit bequemer ist als eine Vielheit. Aus welchem Grunde soll nun ein Volk, welches mit seiner Isolierung vollkommen zufrieden ist, gute Nachbarn in einer derart beträchtlichen Anzahl in sein Land hinein- 1_______? „Ich will nicht ihren Honig, will auch nicht ihren Stachel". — Das ist seine natürliche Antwort. Aber auch abgesehen von dieser grundsätzlichen Schwierigkeit, kann man nicht verlangen, daß gerade die Araber an das Heising forser Programm — oder überhaupt an irgend ein Programm eines Staates mit national gemischter Bevölkerung — glauben sollen. Eine solche Forderung aufzustellen, heißt, etwas Unmögliches verlangen. Die Theorie Springers ist kaum 30 Jahre alt. Bisher war aber noch kein Volk, und sei es auch noch so zivilisiert, bereit, diese Theorie ehrlich in der Praxis anzuwenden. Sogar die Tschechen, unter der Leitung Masaryks, dieses Lehrers aller Autonomistcn, konnten oder wollten sie nicht verwirklichen. Was nun die Araber anlangt, so hat nicht einmal ihre Intelligenz von dieser Theorie irgendetwas gehört. Wohl aber weiß diese Intelligenz sehr gut, daß die Minorität überall und immer sehr viel gelitten hat: Die *) Anmerkung der Redaktion. Das „Heisingforser Programm" ist auf der Konferenz der russischen zionistischen Organisation in Helsingfors im Jahre 1906 zustande gekommen und enthält das Programm der nationalpolitischen Arbeit der zionistischen Organisation in Rußland, sowie das Programm der praktischen Arbeit in Palästina. Diese beiden Momente (Gegcnwartsuncl Palästinaarbeit) wurden zuerst im Helsingforscr Programm" harmonisch vereinigt und als „synthetischer Zionismus" fortan benannt. Das Helsingforser Programm war auf der Tagung der zionistischen Presse in Wilna vorbereitet worden, wobei die leitende Rolle an der Ausarbeitung des Programms das Redaktionskollegium des „Rasswiet": A. D. Idelsohn, V. Jabotinsky, A. O. Seidenmann, A. M. Goldstein und S. K. Gepstein, gespielt haben. Christen in der Türkei, die Mohammedaner in Indien, die Irländcr unter der Flcrrschaft der Engländer, die Polen und Tschechen unter der Herrschaft der Deutschen, die Deutschen jetzt unter der Flcrrschaft der Polen und Tschechen und so weiter ohne Ende. Man müßte sich zuerst mit Redensarten beinahe bis zur Volltrunkenheit betäuben, um nach alldem zu verlangen, daß die Araber daran glauben sollen, gerade die Juden seien fähig (oder wenigstens aufrichtig willens), einen Plan zu verwirklichen, der anderen, mit größerer Autorität ausgestatteten Nationen nicht gelungen ist. Ich beharre darauf, nicht aus dem Grunde, weil auch wir von dem Helsingforser Programm Jude aus Bagdad Hermann Struck (Berlin — Ilaifa W22) ah einer Grundlage des künftigen Modus vivendi Absland nehmen sollen. Im Gegenteil, wir — wenigstens der Verfasser dieser Zeilen — glauben an dieses Programm sowie an unsere Fähigkeit, dieses — ungeachtet des Mißerfolges aller Präzedenzfälle — im politischen Leben durchzuführen. Es wäre aber ganz zwecklos, es jetzt den Arabern gegenüber zu loben: Sie werden es nicht verstehen, seinen Grundsätzen nicht trauen, und sie nicht schätzen. II. Und wenn dies zwecklos ist, so ist es auch schädlich. Die politische Naivität des Juden ist unglaublich und fabelhaft; er begreift die einfache Regel nicht, daß man nie demjenigen „entgegenkommen" darf, der dir nicht entgegenkommen will. Im alten Rußland war ein typischer Fall, daß eine der unterdrückten Nationen, geschlossen wie ein Mann, einen Kreuzzug unter der Losung des Boykotts und Pogroms gegen die Juden unternahm. Gleichzeitig erstrebte dasselbe Volk eine Autonomie für sich, ohne daraus ein Geheimnis zu machen, daß es beabsichtige, diese Autonomie zu einer noch größeren Unterdrückung der Juden auszunützen. Ungeachtet dessen haben jüdische Politiker und Publizisten (sogar aus den Reihen der Nationaljuden) es für ihre Pflicht gehalten, die autonomistischen Bestrebungen ihrer Feinde in jeder Weise zu unterstützen; weil nämlich die Autonomie eine heilige Sache ist. Wir betrachten es, wie ich schon einmal gesagt habe, geradezu als unsere Pflicht, wo immer wir die „Marseillaise" hören, sofort stramm zu stehen und Hurra zu rufen — selbst wenn Haman diese Melodie spielen würde, oder wenn dabei jüdische Knochen im Leierkasten krachen sollten. Das halten wir für politische Moralität. Das ist aber nicht Moral, das ist Ausschweifung. Die menschliche Gemeinschaft ist auf Gegenseitigkeit aufgebaut; entfernt sie die Gegenseitigkeit, so wird das Recht zu einer Lüge. Jener Mann, der jetzt unter meinem Fenster auf der Straße vorübergeht, hat ein Recht auf Leben nur so weit, als er auch mein Recht auf Leben anerkennt; falls er aber mein Leben antasten will, so kann ich ihm kein Recht auf Leben zugestehen. Das gleiche gilt auch für Völker. Denn sonst würde die Welt zu einem barbarisch-tierhaften Wettrennen werden, in dem nicht nur der Schwächere, sondern auch der Sanftmütigere zugrunde gehen würde. Die Welt muß auf gegenseitiger Bürgschaft begründet sein. Alle sollen in gleicher Weise leben können und alle sollen in gleicher Weise umkommen müssen. Aber es gibt keine Ethik, die dem Gierigen das Recht zusteht, sich bis zum Übermaße sattzuessen, während der Bescheidene hinter dem Zaun verenden muß. Nur eine einzige Ethik ist möglich, die der Menschlichkeit, und ihre praktische Schlußfolgerung lautet in unserem Falle ungefähr so: Wenn wir aurh außer dem Helsingforser Programm unsere Taschen voll verschiedener Konzessionen hätten, einschließlich unserer Einwilligung, an irgend einer phantastihen arabischen Föderation od morza do morza (von Meer zu Meer) teilzunehmen, so könnte man doch erst dann darüber verhandeln, wenn die Araber ihre Einwilligung zur Schaffung eines jüdischen Palästinas abgeben würden. Unsere Großväter haben dies wohl verstanden. Darüber kann man im Talmud einen sehr belehrenden Rechtsfall finden: Zwei gehen eines Weges und finden unterwegs ein Stück Tuch. Einer sagt: „Ich habe es gefunden, es gehört daher mir", der andere sagt: „das ist nicht wahr, ich habe das Tuch gefunden und mir gehört das Tuch". Der Richter, den die beiden anrufen, teilt aber das Tuch in zwei Teile und jeder der Starrköpfe, erhält eine Hälfte. Dieser Rcchtsfall wird aber auch in einwanderen Weise vorgetragen, daß nämlich einer der beiden ein Starrkopf sei, der andere aber im Gegenteil sich entschlossen habe, die Welt durch seinen Edelsinn in Verwunderung zu setzen. So sagt er: „Wir haben zusammen das Tuch gefunden, ich fordere deshalb nur eine Hälfte, die andere Hälfte gebührt B." Der andere aber bleibt fest, er habe das Tuch gefunden, es