Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Letters of a Young Farmer from Palestine ; Briefe eines jungen Farmers in Palästina
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2912821-2912822-2912826-2913409--00293-2913464- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
14 MENORAH T keine Frau usw. Aber die Zeit und die Arbeit werden das schon ändern. Ich glaube nicht an einen Erfolg, der Reichtum bedeutet, aber ich glaube, daß ich mein Leben herausschlagen kann. Brot und Butter. Nur nicht sofort. Vor einem halben Jahr, als ich gar keine Hoffnung hatte, mich auf eigenem Grund und Boden niederzulassen, hätte ich gesagt: „Eingeschlagen!" Nach fünfjähriger Arbeit hätte ich Geld erspart, wäre hierher zurückgekehrt. Jetzt sind diese fünf Jahre viel nützlicher hier anzuwenden. 2. Mai 1923. Liebste Eltern! Leider habe ich so ein Gefühl, als hätte ich länge nicht geschrieben. Ich hatte viel auf dem Kopf, und es war mir recht mieß"7), was mehr stört als sehr viel Arbeit. Indessen ist dies auch vorübergegangen und nach paar Tagen guter Arbeit ohne Unglücksfälle und einem netten Besuch (S.) ist wieder alles gut. Die Hühner benehmen sich großartig, das Muli sieht aus wie ein Ausstellungsstück, die Kühe betragen sich wie sie sollen (der Stall ist ein Vergnügen, könnte mit Lackschuhen darin arbeiten), die Felder sind in Anbetracht der späten Bestellung auch nicht schlecht; im Haus geht es sehr gut, wir haben eben die Fenster mit Moskitodraht gegen die Mücken (deren es noch keine gibt) und gegen die Fliegen, denen es gut geht, verschlossen. Paul ist sehr brav, wir kochen glänzend und billig, kehren, waschen auf und halten alles sauber und nett. Ich habe mir Busch ausgeliehen und Paul genießt ihn laut und zufrieden. Es waren paar heiße Tage, da haben wir nachts bei Vollmond, gearbeitet; von der Helle macht Ihr Euch keinen Begriff. Lisa, der Hund, war mit und benahm sich fabelhaft. Um ein Haar hätte das DummerP) Bekanntschaft mit einem Schakal gemacht. Dann kroch sie auf die hohe Heumiete hinauf, wie, ist mir ein Rätsel und spielt wie ein Kind. Habe schon ein paar Dunam Gerste geschnitten. Gestern kamen E's, der Professor, seine Frau, der junge E., seine Frau und das Kind, ganz unerwartet, um 1 1 Uhr zu Besuch. Um 1 Uhr gab es: Rote Rübensuppe, Hühnerreis mit Häuptelsalat, Palatschinken und Tee. Für sieben Personen. Nach dem Essen in einer halben Stunde mit allem fertig. Geht wie am Schnürchen. Seit das Moskitonetz da ist, wird nicht eine einzige Fliege mehr im Hause gesehen. Die Hühner wollen durchaus brüten. Sieben Stück sitzen schon, die anderen marschieren in den Schaukelkäfig. Leider gibt es auf die Art nur 25 Eier täglich. Wieder viel Geld ausgegeben: Geräte, die noch notwendig waren, Viehversicherung, Kolonieabgaben, Veterinär usw. Paul und ich könnten ja schon so ziemlich von der Wirtschaft leben, obwohl ich noch kein Gemüse habe, wenn nicht immerfort noch Investitionen nötig wären. Bäume fehlen sehr, aber in paar Jahren wird es auch die schon geben. 11. Mai 1923. Liebste Eltern! Der junge W. war also mit mehreren Empfehlungen da, und ich tat, was ich nur konnte; ich riet ihm, an wen er sich um Arbeit wenden sollte, und schließlich gelang es mir, ihm Arbeit bei der holländischen Gruppe zu verschaffen. Ein sehr lieber Mensch. Wetter schön, alles so ziemlich in Ordnung. Vielleicht werdet Ihr diesen Winter einen Blick hertun können, liebe Eltern! Paul weiter sehr brav in jeder Beziehung; seine Vollkommenheit beunruhigt mich fast. Die Lage ist momentan „mieß", daran ist kein Zweifel. Aber dafür steht fest, daß man gerade jetzt, bei dem Mangel an Bargeld, mit Geld zehnmal soviel macht wie sonst. Ich habe mir wieder mal den Ruppin vorgenommen (Syrien als Wirtschaftsgebiet) und finde, daß er glänzende Informationen gibt. Schewuotlr") waren wir — ich und einige Freunde — in Cäsarea. Es war sehr nett, wir haben gebadet. Altertümer haben wir keine gefunden. Die Milchpreise ziehen langsam an, aber wir können leider nur die Morgenmilch schicken. Abendmilch wird Quark. Wir trinken sie frisch zu Hause. Tabakernte gut, Gerste geschnitten, jetzt kommt Weizen dran; dann presse ich Heu. P. S. Hatte leider entsetzliches Pech: ein Schakal oder ein anderes Tier hat mir fast alle jungen Hühner umgebracht: von 120 sind mir acht übrig geblieben!! Benjamin, 18. Juli 1923. Liebste Eltern! Bin momentan sehr im Druck, obwohl wir zu viert arbeilen: das Ehepaar Minka und J. A.; der letztere ist ein ausgezeichneter Arbeiter, und Minka kocht uns herrlich, dann Paul und ich. Drusch. Es geht sehr gut. Viel billiger als ich dachte und viel mehr, bis jetzt 4000 kg Gerste. Mache gleichzeitig ein Magazin, eine Art palästinensischen Silos. Der Hausgarten ist auch bald reif zum Bepflanzen: Indschil draußen, fast fertig nivelliert. Habe einen Posten für Frl. K. in Haifa gefunden, die Stütze der Hausfrau bei einem Rcalschulprofessor, Kost, eigenes Zimmer, 3 Pfund •nonallich. Sehr nette Leute. Es ist gar nicht heiß, der heurige Sommer ist ungewöhnlich kühl, das Frühjahr war heiß. Beiliegend die ersten Photos, die ich selbst gemacht habe. Bin kaput, war, um Eisen zu holen, mit dem Wagen in Haifa (Entfernung mit Lastwagen 6 Stunden), der Kopf summt mir noch. Haltet mir, bitte, dieses zerfahrene Schreiben zugute. Habe den A. Arbeit bei S. verschafft, sie verlassen mich diese Tage. Ingenieur F. ist mit vielen anderen abgebaut und kommt fürs erste zu mir arbeiten. Wenn ich geschlafen und Eure Briefe habe, schreibe ich mehr. * B e n j a m i n a, 4. August 1923. Liebste Eltern! Das Werkclchen gehl. Verkäufliche Produkte aus dieser Ernle habe ich nach heuligen Preisen für etwa 50 Pfund. Monatlich gehen Ö Pfund ein. Der Verbrauch ist etwa 7 Pfund (einschließlich Paul, Steuern, Kraftfutter, ausschließlich Investitionen), Lebensmittel aus der Wirtschaft auch nicht gerechnet. Gerste hatte etwa 4000 kg, das sind 4 t, Weizen wenig, nur 300 kg. Heu aller Arten 1 4 t. Das bewässerte Land ist noch nicht planiert, aber wir arbeiten eben (korporativ) aus allen Kräften daran. Täglich zehn Gespanne. Milch habe ich jetzt von allen Einzelangcsiedelten am meisten, was freilich noch nicht viel sagen will: 20 1 täglich. Nun war dieses erste Jahr (eigentlich 9 Monate) vieles noch nicht in Ordnung, die meisten Ausgaben dieses Jahres können sich erst im Laufe der Zeit amortisieren, wiederholen sich aber nicht. Zuwachs ist nicht gerechnet; das bewässerte Land wird erst von heuer ab zählen; außerdem habe ich etwa 25 Dunam mehr unter dem Pflug als voriges Jahr. Tabakernte ist sehr gut. Diesen Winter weide ich Gemüse haben und die Ausgaben für den Haushalt werden sich verringern. Die Molkerei ist fertiggestellt, und es liegt ein günsligcr Vertrag für pasteurisierte Milch von Jaffa und Jerusalem vor, so daß wir hoffen können, zirka 50% mehr als bisher für die Milch herauszuschlagen. Man spart, und die Koloniespesen verringern sich. Kurz und gut, die Aussichten sind besser, und ich fühle mich sicherer. Gestern hat die Ica ein Budget ausgeworfen für die Reinigung des Rosengartens. Ich habe Euch erzählt, daß jeder von uns 3 Dunam mit Rosenstöcken bepflanzen muß, weil eine Parfumeriefabrik errichtet wird. Um das Haus herum habe ichs allein gemacht, aber die 3 Dunam von Indschil zu reinigen, hätte 25 Pfund gekostet, und das stellt jetzt die Ica. Ich habe Euch gesagt, daß das Viehkapital im Verhältnis zu gering ist. Jetzt wäre eine Gelegenheit zum Ausgleich. FI. K. fährt am 1. September nach Rotterdam und bringt holländische Kühe mit. Er hat bis jetzt schon 14 bestellt, ich möchte mir auch eine kaufen. Die Bareinnahmcn für die Milch wären 50 Pfund jährlich, dazu kommt noch der Mist und das Kalb. Die Arbeit für eine Kuh macht wenig aus. Platz im Stall •st da. Futter ebenso. Die Kühe sind natürlich versichert. Trolzdcm ist eine solche Ausgabe ein Risiko. Was meint Ihr, liebe Eltern? Gemüse in den Saalbeeten ist raus, alle Kohlaiten, Tomaten, Eierfrucht, Radieschen, Möhren, rote Rüben. Vor dem Hause habe ich 3 Bananenbäume gepflanzt. Und Blumen (Winden) am Zaun. Die Hühner legen sehr brav. Das Buch von I I. würde mich sehr interessieren. Wenn der bewässerte Boden und die Luzerne Erfolg haben, gibt es sogar einen Überschuß. Ich bin ganz optimistisch. Bei erträglichen Ernten und ohne großes Pech kann man schon leben. Anmerkungen I) Benjamina (arab. Tschuni), neue Ansicdlung der Ica in Samaria. ") Dieses scheinbar unverständliche Verbot von Zubauten aus eigenen Mitteln des Ansiedlers erklärt sich aus dem Bestreben der Ica-Dircklion, Streitigkeiten bei einer allfälligcn Ablösung durch einen Nachfolger zu vermeiden. :1) Zorcs, jd. Sorgen. 4) Artur H o 1 i t s c h e r, bekannter Schriftsteller, besuchte Palästina und veröffentlichte dann das Buch „Reise durch das jüdische Palästina". ") Die im November beginnende Regenzeit. '') S a f f e d, Stadt in Nordpalästina mit ausgezeichnetem Flöhenklima. — Die hier ausgesprochene Ansicht ist heute erfreulicherweise nicht mehr richtig; es gibt auch außer Saffed vollkommen malaria freie Gegenden. 7) 1 Rotl 12 Ukija - 449-28 g. s) Jörn Kippur, hebr. Versöhnungstag. ") Sukkoth, hebr. Laubhütten fest. '") Papa, ein Zärtlichkeitsausdruck fiir Vater. ") Waad, hebr. Komitee, hier Ortsvorsland. '■') Wiggel-waggel, österreichischer Dialektausdruck für „unbestimmt" 1:1) Schomer, hebr. Wächter. II) Hermann Struck, der bekannte Berliner Maler und Radierer, der jetzt nach Haifa übersiedelt ist. 1:') Nickerl-Brüter, Spezialapparate für Geflügelzucht, Erzeugnis der Brutmaschinenfabriken Nickerl & Co. in Wien^Inzersdorf 1(i) Einstein, der berühmte Naturforscher, war auf der Rückkehr von Japan in Palästina und besuchte zahlreiche jüdische Ansiedlungen. 17) Schochet — Schlächter. 3M) Pessach, hebr. Ostern. 1") Seder, hebr. Ordnung, hier die abendliche Feier des Pessachfestes. -") Josef F l o c h, akad. Maler aus Wien. -1) „Das Rädel dreht sich", Wiener Dialektausdruck für etwas scheinbar Endloses. -:i) Grabner=Kcttcn, neuartige Vorrichtung zur Ankettung des Stallviehs. -4) Die durch ihren raschen Farbenwechscl bekannte Eidechse, in der Bibel (3. Moses 11, 30) Tinschemeth genannt. "') Anspielung auf die Schwierigkeiten des Umganges mit den überorganisierten, daher anspruchsvollen und manchmal auch fachlich ungenügenden palästinensischen Arbeitern. 20) Es ist alter jüdischer Brauch, die Zimmer vor Pessach (vgl. Anm. 18) zu weißen. ~7) Mieß, jd. unangenehm, unleidlich. M) Dummerl, Wiener Dialektausdruck für ungeschickt mit abgeschwächter Bedeutung des Begriffes „dumm". 2fl) Schewuoth, hebr. Pfingsten.