Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Letters of a Young Farmer from Palestine ; Briefe eines jungen Farmers in Palästina
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 MENORAH IT Gemeinheit den Kolonisten gegenüber. Er, dem niemand was schenkt, der unter momentan recht widrigen Verhältnissen sein Leben herausschlagen muß, ist ein elender Schuft, weil er nicht Geld genug hat, einem Juden für weniger und schlechtere Arbeit mehr als das Doppelte zu zahlen, als dem Araber. Eine alte Geschichte, aber eine immer neue Gemeinheit. Was Benjamina betrifft, so gibt es vorläufig nichts neues. Es ist ein kolossaler Nachteil da, aber — einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul. Das Anlagekapital ist so verteilt, daß von den investierten 180 bis 200 Pfund zum Beispiel bloß 95 Pfund auf Kühe kommen. Einnahmen in der Wirtschaft sollen aber zu 50% die Kühe bringen! Das heißt, 100 Pfund arbeitenden Kapitals sollen 70% der Barauslagen fürs Leben und 30% der Zinsen und Amortisation von 2000 Pfund bringen. Natürlich unmöglich. Man muß also entweder weiter eigenes Geld hineinstecken oder man kann aus der Schuld der Ica gegenüber nie heraussteigen. Anderseits ist allerdings die Ica darauf eingerichtet, und ich bin nicht der Einzige. Wir werden ja sehen. Sobald ich jemanden gesprochen habe, schreibe ich natürlich sofort wieder. Die Braut des jungen L. dürfte bald nach Wien zurückkehren; sowohl'Steineklopfen wie Mädchen für alles spielen ist ihv zuviel geworden. Die Hühnerpest wird gottlob schwächer; bei mir war nichts los, alle sind gesund. 9. September 1922. Liebste Eltern! Es steht also ganz fest, daß ich nach Benjamina übersiedle, noch vor dem Regen''). Ich warte noch eine Verständigung von der Ica ab, wann ich hinkommen soll, wann das Geld da sein wird. Was die zeitweiligen Schwierigkeiten betrifft, so sind diese schon behoben. Ich habe es so eingerichtet, daß ein junges Ehepaar jetzt zu mir ins Haus zieht und es weiterbehält, wenn ich übersiedle; ich werde also nur wenig zum Haushalt für Kost und Quartier beizutragen haben und werde mit dem Gehalt reichen, den ich von S. zu bekommen habe. Aus Eurem Brief ersehe ich, daß die österreichische Krise oder vielmehr die Wiener Krise sehr arg ist. Ich wollte, Ihr könntet Euch entschließen, hierher zu kommen, bevor es zu arg wird. So gut wie in Wien würde es Euch hier jetzt noch nicht gehen, aber ihr werdet immer ein Dach über Eurem Kopf und (sehr gutes) Essen haben. Und das ist schließlich, wenn der ärgste Fall eintritt, gar nicht so wenig. Bitte, überlegt es. Hier ist alles in Ordnung, aber die ökonomische Lage ist eine Karikatur. Weit und breit kein Geld zu sehen, Käufe und Verkäufe — alles auf Kredit, Leute bezahlen 11%. Englisches und amerikanisches Geld kommt wohl herein, aber in Form von Anlagen. Wenn man das als Symptome der Entwicklungsmöglichkeiten betrachtet, wäre es ja sehr schön. Aber ich bin nicht so sicher. Alles ist so unsicher. Das Wetter ist wundervoll, gar nicht mehr so heiß. Es wird wieder in Chederah gebaut, und ein großes Stück Land wurde den Arabern abgekauft. Seid meinetwegen nicht besorgt. Ich stehe um 5 Uhr 15 Minuten auf, frühstücke Haferbrei, zwei Eier, Tee, Honig und gehe hinaus. Bis 12 Uhr beaufsichtige ich zwei Dutzend Araber bei der Arbeit, schmeiße gelegentlich einen hinaus und nehme einen anderen dafür. Mittags bin ich eine Stunde zu Hause, esse wieder gewaltig, zum Beispiel Gemüsrkotclcttes, Feigen, Kakao. Von halb 2 bis halb 5 Uhr wieder bei der Arbeit, um 5 bin i<-h 7M Hause, spreche mit S., bin um halb 6 Uhr frei. Ruhe aus, lese bis 7 Uhr, dann Hauptmahlzeit: Suppe, Hendel mit Reis und Gurken, Obst, Tee. Nach dem Essen kommt entweder Besuch o'ler ich gehe irgend wohin, zwischen 9 und halb 10 Uhr krauche i<-h ins Bett. Freitag gehe ich eine Stunde früher aufs Feld, esse draußen etwas zu Mittag und bin gewöhnlich schon um 3 Uhr zu Hause. Das reine Schlaraffenleben. Malaria gibt es überall in Palästina, vielleicht mit Ausnahme von Saffed"). Chederah hat in dieser Beziehung nur den schlechtesten Namen. Schuni hatte viel Malaria, Vcil die Kwuzah dort elend lebte und die einfachsten Vorsichtsmaßregeln nicht beobachtete. Diesen Sommer hatten wir nicht einen Moskito im Haus, einfach weil wir die Fenster verdichtet haben. Ich müßte Euch eigentlich eine Broschüre über „Malaria in Palästina" schreiben, damit Ihr versteht, daß Benjamina durchaus kein lebendiges Grab sein muß, weil die Kwuzah in Schuni fortgesetzt Malaria hatte. Heute haben meine Hühner eine große Schlange überfallen und sie verjagt! Haben ihr aber nichts tun können. Samstag und Sonntag war ich in Flaifa. Lage r'crl sehr zuversichtlich. Morgen fahre ich nach Benjamina, werde wohl bald endgültig übersiedeln. In der Kolonie gehen alle Hühner zugrunde außer meinen; ich bin der einzige, der noch Eier hat. 30. September 1922. Liebste Eltern! War wieder in Benjamina; die Verträge werden bereits vorbereitet, dann bald unterzeichnet. Die Übersiedlung wird wohl noch 6 Wochen verschoben werden müssen, bis die Bauten ganz fertig sind. Früher kann ich nicht hin, mir aber doch allerlei vorbereiten. Das ganze gefällt mir immer mehr. Mein Flauschen ist bald fertig, vom Stall stehen erst die Fundamente. Die Molkerei wird genossenschaftlich betrieben werden. Noch nichts geordnet. Bahnfahrt nach Haifa 67 Minuten, Wagenfahrt mit Last 6 Stunden. Zur Station Benjamina 4 Minuten. Die Ica hat reichlich Motorpflüge hier; ihre (sehr teure) Arbeit wird zum Selbstkostenpreis berechnet. Trinkwasser von einer etwa 2km entfernten Quelle. Rohrleitung. Bewässerung aus offenen Gräben; noch nicht ganz in Ordnung. Preise. Anzüge bei einem guten Schneider, tadellos ausgeführt, kosten 2 bis 6 Pfund. Uhrreparaturen, zum Beispiel gebrochene Feder ersetzen und putzen, 15 Piaster. Bahn nach Haifa 25 Piaster. Arbeitslohn für ungelernte Arbeiter: Juden 20, Araber 10 Piaster. Steinhäuser ohne Stockwerk mit Ziegeldach und Plattenfußboden 6 Pfund pro Quadratmeter für verbaute Fläche. Eier 10 Stück 5 Piaster (Preise steigen), 1 Suppenhuhn 20 Piaster, 1 Rottel7) weißes Mehl 8 Piaster, 1 Rottel Kartoffeln 6 Piaster, 1 Rottel Torraten 3 Piaster, 1 Rottel Milch 8 Piaster. Ich bin vorderhand noch bei S., der mir die nötige Zeit zu Einkäufen usw. freigeben will. Ich beantworte Eure anderen Fragen. Benjamina ist assaniert, womit natürlich nicht gesagt ist, daß es fieberfrei ist. Ich habe keine Malaria. Das Haus ist 4X8, 2 Zimmer zu 4X4, aus Silikatziegeln, Ziegeldach. Keine Veranda. Zubau ist nur aus FIolz möglich; Küche und Douchc. Das überlege ich mir noch. B. J. hat recht: Benjamina ist bis nun die vielversprechendste Kolonie. Aber natürlich sind auch Nachteile da oder sagen wir Schwierigkeiten. Müssen aber überwunden werden. 20 Dunam bewässertes Land sind so viel wert wie 100 Dunam trockenes. Ich schreibe auf dem Felde. Muß wieder nach Haifa und Benjamina. Nach Jörn Kippur") soll eine Kommission herkommen, die die Naturalisierung angeblich sehr kurz und schmerzlos besorgt. Ich möchte es schon erleben. Ich hoffe, Ende Oktober oder anfangs November übersiedeln zu können. Nach Sukkoth") muß ich wegfahren, um Wagen, Pferd, Gerät usw. einzukaufen. Von den Ansiedlern in Benjamina werden sein: 10 Kolonistensöhnc aus Palästina, 4 aus der Türkei, 1 alter Arbeiter, 5 Kalifornicr, 6 „Holländer" und ich, sowie 5 neue Leute. Allerdings sollen nächstes Jahr schon dreißig Häuser dazukommen. P. S. Heute habe ich mich naturalisiert und bereits geschworen, auch nach einiger Überlegung meinen deutschöstcrrcichischen Paß abgegeben, damit meine dortige Staatsbürgerschaft abgemeldet werde. Jaffa, 18. Oktober 1922. Liebste Eltern! Bin seit Montag hier, komme aber nicht zu mir. Von 6 Uhr früh bis 12 Uhr nachts geht der Betrieb. Ich habe eine Menge zu kaufen und zu erledigen. Flabe soeben den Antrag bekommen, eine ziemlich verantwortungsvolle Stelle in Chederah anzunehmen. Eine englische Firma will für 10.000 Pfund Orangerien kaufen und sie mir zur Bearbeitung übergeben. Das kommt natürlich nicht mehr in Betracht, denn ich habe mit Benjamina abgemacht. Aber vielleicht gehe ich als Experte die Orangerien besichtigen. Ich bin so glücklich wie ein Kind, deshalb rede ich auch immer nur von mir. Liebe Eltern, wenn Ihr Euch nichts darausmachl, sehr primitiv zu wohnen, so könnten wir zusammen den alten Plan vom „Hausie" in Benjamina jetzt ausführen. Wie gut erinnere ich mich an das Gespräch in der Nußdorf er Straße, als Ihr mir erklärtet, daß der Kaiser Papa10) ein kleines Hausi schenken würde. Und dieses „Hausi" von heute ist noch dazu in Palästina! Wenn Ihr aber zu weise dazu seid, so werde ich wohl im Winter — aber nur für einen kurzen Besuch — zu Euch kommen. Die Frau von S. ist mit zwei Mädcrln eingetroffen und nichts weniger als erfreut. Keine Musik, keine Menschen. Ich habe die Arbeit bei ihm aufgegeben, weil ich in einer Woche nach Beniamina will. Wird eine große Übersiedlung. Mein Haus ist Nummer 10. * 3. November 1922. Liebste Eltern! Alles gut und schön. Dich, liebe Mama, wird es besonders freuen, zu hören, daß Inkubator und Eierschrank aus dem Wohnzimmer fortkommen. Ich habe neben dem Stall etwas für die Inkubatoren ausbetoniert. Ich habe mir einen herrlichen Kuhstall eingerichtet, nur fehlen noch die Kühe. Eier gibts jetzt täglich 12 im Durchschnitt. Sic werden bald einen Piaster pro Stück kosten. Der Inkubator arbeitet schon — mit 41 1 Eiern; der Rest hat mir gefehlt, es gehen 480 bis 500 hinein. Morgen — es regnet andauernd — werde ich versuchen, Wicke zu säen. Es ist merkwürdig, wie beschäftigt man den ganzen Tag sein kann, ohne zum Schluß viel gemacht zu haben; es ist nämlich noch nichts in Ordnung, wird noch gebaut. Bin leider in den Waad11) gewählt worden. Kassier. Ich hoffe, es wird mir nicht zu viel Arbeit machen, da der Gemeindesekretär die Bücher zu führen hat. Aber Sitzungen wirds geben! Blumen und Bäume — noch nichts gemacht. Hauptsächlich wegen Unkrauts, aber auch weil ich zu wenig Zeil habe. (To be continued Forlsetzung folgt)