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Menorah · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 4
Article
The Development of the Jewish Theatre ; Die Entwicklung des jüdischen Theaters
Date
1923-01-01
Page
Seite 7 (sequence 1)
Language
German
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MENORAH The Development of the Jewish Theatre / Die Entwicklung des jüdischen Theaters Von E. C. FRIED. Die Illustrationen sind Reproduktionen nach Werken von Wilhelm W achtel I. Das jüdische Theater ist kaum ein halbes Jahrhundert alt. Sein Gründer ist Abraham Goldfaden, der das erste jüdische Theater im Jahre 1877 in Jassy ins Leben rief. Er war aus der ostjüdischen Aufklärung hervorgegangen, dem letzten Ausläufer der rationalistischen Aufklärungswcllc, die von England und Frankreich aus ganz Europa durchzog. Die Aufklärung hat vielleicht nirgends die Volksphysiognomic so stark bceinfluf.it wie bei den Juden. Unter denen des Westens bildet sie heule noch zumeist ihr ganzes Hab und Gut an Weltanschauung. Macht sie zum „Sauerteig", der stets den vorhandenen Dingen neue Formen anblälien will, aber nichts schafft, weil die Juden des Westens die Aufklärung a's neue Lebensform annahmen um den Preis der eigenen Lebensformen. In Osteuropa dagegen, wo die jüdische Aufklärung, die H a s k a 1 a h, erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann, wirkte sie, verhaftet den altererbten Lebensformen, die infolge äußeren Zwanges, wirtschaftlicher und sozialer Beharrung nicht über Bord geworfen werden konnten, in ganz anderer Weise. Sie wurde zum Ausgangspunkt eines Prozesses, der auf Verbreiterung des vorhandenen jüdischen, vorwiegend religiös-traditionellen K u 1turinhaltcs gerichtet ist, eines Prozesses, der, obwohl bis heute noch nicht abgeschlossen, doch schon imstande war, dem durch äußere Katastrophen und durch innere Destruktion des vorher in sich geschlossenen jüdischen Wirtschafts- und sozialen Lebens wankenden Volksbau, neue Stützen zu geben. Die ost jüdische Aufklärung und die von ihr ausgehenden Bewegungen in der Ostjudenheit haben all das hervorgebracht, was Ausdruck des neuen jüdischen Geistes der letzten fünf Dezennien ist. Es ist die feist ige Revolution des Judentums, deren sichtbare Wegstellen in den letzten fünfzig Jahren die moderne hebräische und jiddische Literatur, die nationalen und die auf lebensfähige soziale Differenzierung der Judcnhcit gerichteten Slrcbungcn sind. Aus diesem neuen jüdischen Geiste entstand das jüdische Theater. Seine bisherige Entwicklung spiegelt alle Erscheinungs- ' formen des vor unseren Augen sich abspielenden Prozesses wieder, durch welchen eine neue, weitere, freiere jüdische Lebensform geschaffen wird, die jedoch die Kontinuität mit den uralten Volksgrundlagen des jüdischen Lebens nicht unterbrochen hat. Die Schauspielerin Orleska von der Würmer Truppe Der Mann, welcher das jüdische Theater schuf, war ein solcher Maskil, ein jüdischer Aufklärer. Der Typus des Maskil in Osteuropa, noch heute nicht ausgestorben, hat etwas ganz Eigenartiges an sich, das zum Wesen der rationalistischen Aufklärung in geradezu komischem Kontrast steht. Solch ein Maskil ist für gewöhnlich ein gründlicher Kenner von Bibel und Talmud, den Hauptelementen der jüdischen Kulturtradilion, tragt jüdische Tracht und ist oft geradezu hanaliker jüdischen Brauches. Mit einem Wort -- er ist dem \ olkswesen verwurzelt. Dabei aber kennt er Spinoza und moderne Philosophie, liest moderne Literatur und predigt Aufklärung. In diesem äußerlich komisch wirkenden Zwiespalt aber ist das Wesen der ost jüdischen Aufklärung sichtbar: die Erhaltung der jüdischen Kulturkontinuität, verbunden mit der Ausweitung des vorhandenen Kulturinhalts. Solche an das Volkstümliche gebundene Aufklärung bildete auch das Wesen Goldfadens, des Schöpfers des jüdischen Theaters. Bei all seiner maskilischen Erziehung (er ist ein Zögling der Rabbinerschule in S c h i t o m i r, die das Zentrum der Haskalah war), bei all seinem auf die Ideale und Tendenzen der Haskalah gerichteten Wesen und Wandel hat sich Goldfaden stets echte Liebe zum volkstümlichen Wesen bewahrt. Dies zeigt sich in seinen Liedern, von denen viele wirkliches Gemeingut des \ olkes geworden sind. Und als er m einer Tendenzdichtung ,,Don Jidale*' den Ideen der ost jüdischen Haskalah — Kampf gegen den Fanatismus, gegen Mißbräuche in der jüdischen Gemeinde, lür weltliche Bildung des Volkes — seinen Tribut zollte, da war ihm das Abbild des Vokslebens m liebevoller Schilderung weit stärker geraten als die Tendenz. Es ist also selbstverständlich, daß Goldfaden, als er .das jüdische Theater gründete, an die volkstümlichen Grundlagen, die dafür vorhanden waren, anknüpfte und es dem Volkswesen anzupassen verstand. Er nahm die Elemente des Volkslebens, die fürs Theater taugten, und verwendete sie zum Bühnengebrauch. Was die Haskalah dagegen zum Theater beigesteuert hatte (die ältere Generation der Maskilim hatte bereits für ihre Tendenzen dramatische Form gewählt), das überging Goldfaden bewußt: er konnte hohle Tendenz nicht brauchen: sie mußte mit Leben erfüllt sein, mit jüdischem Leben in dem Ausdruck, den er um sich sah. hast überall hat das Theater kultisch-religiösen Ursprung. Die jüdische religiöse Tradition dagegen hatte keinen Raum für das Theater. Denn der jüdisch-traditionellen Anschauung er-

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