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Menorah · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Der Herbst
Date
1923-01-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 M E N O R A H 1 ^'i^m sei gelobt und gepriesen, allgütiger Menschenvater, der Du ernährest und sättigst alles Lebende. Nimm an unsern freudigen Dank, den wir Dir bringen in dem Gotteshause, wie Du in Gnade und Erbarmen vernimmst das freudige Jauchzen der fröhlichen Scharen, die draußen im Lande Deines Segens sich erfreuen. Und wie wir immer mit neuen Bitten Dir uns nähern, je mehr wir empfangen, Gott, aus Deiner Hand. So beten wir auch heute zu Dir, gib uns noch dazu, o Gott, den rechten Segen, gib uns Gesundheit und Frieden, daß wir genießen mögen in Freuden Deine Gaben! Und gib uns auch den rechten Sinn, dafi wir sie genießen mit einem dankbaren, verständigen Gemiite, in Mäßigkeit und Heiterkeit — und die Liebe gib uns ins FIcrz, daß wir unseren Überfluß teilen mögen mit den Armen, die da sind unbedacht geblieben — auf daß alle sich erfreuen mögen Deiner Gnade, die da waltet ewiglich, Amen! Auf Gottes Geheiß hat uns die Natur ihre Schuld abgetragen — meine Freunde — und hat hergegeben, was ihr ward anvertraut, zehnfach und vielfach, je nachdem der Segen war. Reich und beglückt sammelt der Landmann jetzt die Gaben, die sie brachte, auf die er gehofft hat das Jahr hindurch, und da draußen im Lande sind alle Fiände beschäftigt den Vorrat unterzubringen und anzuhäufen für die Zeit des Verbrauches. Das ist wohl immerhin ein gar nützlicher, ein gar freudiger Beruf — aber er ist nicht der unsrige. Uns ist die Natur nicht bloß die fruchtbringende, rcgcnspcndendc, die da Brot gibt dem Hungernden, und Samen zur neuen Aussaat dem, der da säen will! Uns ist sie ein Tempel Gottes, ein hoher und erhabener Bau, den Gott hat begründet und befestigt. — In dem Tempel da wird gepredigt die Ehre Gottes — da müssen wir schweigen um! lauschen, wenn die Donnerstimmen reden — und unser Schweigen ist ein Lobgesang dem Herrn. Wenn aber Irdisches und Weltliches in dem Tempel wird verkündet; dann dürfen auch wir es versuchen, die Stimmen zu deuten und zu erklären, auf daß erfüllet werde die göttliche Verheißung, r^tr: c^trs pT*i nsxn p~«^ Die Wahrheit keimt aus der Erde hervor! Die Gerechtigkeit ist am LIimmcl zu schauen! Psalm 85, pag. 12. So oft die Zeiten wechseln und die Gegenstände umher verändern ihre Gestalt und Farbe, so oft predigt die Natur uns die Wahrheit und die Gerechtigkeit, von der in dem Gotteswortc schon die Rede war! Wie sie jetzt vor uns liegt, ist sie die welkende sterbende Natur! Ein Bild des hinfälligen Menschenlebens — aber ein lehrreiches, erbauliches Bild! Das müssen wir genau ins Auge fassen und e? uns Zug für Zug zu erklären suchen. Als eine treue Mutter, die uns so reichlich hat versorgt mit leiblicher Kost und Nahrung, wird sie uns auch beim Scheiden ihren Rat und ihre Warnungen nicht vorenthalten. Die Natur, die da vor uns liegt so welkend und so sterbend, ist dieselbe, die wir vor kurzem noch bewunderten in ihrer jugendlichen Fülle, in ihrer männlichen Kraft! Geht hinaus in die Natur, ihr Jugendlichen und ihr Blühenden. Habt Ihr gesehen das rege Lebe1, das noch vor kurzem alles trieb und drängte mit unwiderstehlicher Gewalt. Der zarte Keim, der da schlummerte im Schoß der Erde, der durchbrach die harte Kruste und sprengte jede Fessel; und bahnte sich seinen Weg, und schoß empor, und nahm zu an Umfang und Stärke, und ward groß und stark und kräftig. Und wie die Sprosse erst war dahingelangt, daß sie festgewurzelt dastand, da konnte der Wind sie wohl erschüttern und beugen, aber nicht brechen und nicht verdrängen aus dem heimischen Boden. Das habt Ihr zu be- Landscape at Migdal (Lake of Tiberias) Landschaft bei Migdal am Tiberiassee denken, Ihr Jugendlichen und Blühenden. Es ist dieselbe lebendige, bildende Kraft, die in Euch lebt, das Geistige hat sein Wachstum wie das Leibliche! So regt sie an, braucht sie und hemmet sie nicht; fasset Wurzel und befestigt Euch im Guten; während der Trieb und die Fähigkeit noch so mächtig in Euch sind. Die Zeit der Blüte, die kehrt nicht wieder im Menschenleben, die ist nur einmal und nimmermehr. Geht hinaus in die Natur und sehet, was aus dem Treibenden und Kernenden geworden ist, Ihr werdet gleich den Unterschied sehen. Was nicht gleich anfangs kräftig sich entwickelte, das blieb ein Krüppel, und steht jetzt da als welkender Krüppel; was nicht gleich anfangs gerade in die Höhe schoß, das kam nimmer wieder in die gerade Richtung, die jener von der Natur ward angewiesen, was angefressen war vom bösen Wurm, das fiel ab vor der Zeil, was nicht frühzeitig in der Blütenzeil gesund sich gestaltete, das konnte nachher nicht zur Reife gelangen bei aller Wä me und Nahrung. Eine •vorschnelle Flitze trieb wohl manches noch hervor, aber es war auch nichts Gedeihliches, kümmerliches Nachgewächs, das fiel ab bei dem ersten Windstoß, der dreinwehte. Geht hinaus in die Natur, Ihr kräftigen Männer in Israel, Ihr Großen und Starken! Wo ist sie dahin, die drängende und treibende, ungestüme Gewalt, die so mächtig und kräftig sich regte und hervortrieb allerlei Grünes und Blühendes, allerlei Glänzendes und Buntes! Sie treibt nichts mehr und gestaltet nichts mehr, muß abwerfen und von sich geben, was sie nur immer angesetzt hat in jugendlicher, üppiger Fülle. Die starke Eiche ist entblättert, die Flohen und Gewaltigen, die ihr Haupt erhoben in die Wolken, die stehen da ohne Schmuck und Zierde, die Krone ist gefallen von ihrem Haupte, und die Arme sind gebrochen! Der heimatliche Boden, auf den sie herabgesehen haben, als gehören sie ihm gar nimmer an, als wären sie dem Flimmcl näher verwandt, dem sie entgegenstrebten — der nährt sie nun und trägt sie und hält sie, und so der Boden nicht hergäbe sein Blut und seine Wänrc, sie würden selber zu Trümmern werden, wie ihre Pracht ist zu Trümmern worden. Geht hinaus in die Natur, Ihr Glänzenden und Schönen! Habt Ihr gesehen die Farbenpracht, die draußen so schön uns entgegenleuchtete, und die bunte Mannigfaltigkeit, die das Auge ergötzte! Und jedes hatte seinen Reiz und jedes seine Zierde! Wo ist nun die glänzende Pracht und der helle Farbenschimmer—! Erloschen und verdunkelt, weggewischt ohne Spur und Merkmal! Die Rosen, die sind welk worden und die Lilien, die sind gleich anfangs verschwunden aus den Fluren — da steht die farblose, dürre Staude mit den vielen Dornen, an der jeder vorübergeht, ohne sie eines Blickes zu würdigen, wer sie nicht kennt, der glaubt es nicht, daß das dieselbe ist, die die schönen Blumen trug! Und doch ist *s so. Das gilt Euch, die Ihr so viel hallet auf ein glänzendes Äußere und auf ein hübsches Farbenspiel. Es wird kommen eine Zeit, und die Zeit, die dürfte gar bald kommen, denn auch der Herbst da draufien wartet nicht immer die rechte Zeit ab, und kommt oft gar unerwartet — da wird das Farbenspiel, das Euch so eitel macht, welk werden und erblassen — und es werden die Schmeichler und die Toren Euch erheben und preisen um des Schmuckes willen, der gar nicht Euer ist — die werden an Euch vorübergehen, wie Ihr selbst an jener dürren Staude ohne alle Teilnahme jetzt vorübergeht. Darum lasset das Eitle und Flüchtige, und freuet Euch des Beständigen und Bleibenden! Die schönen Blumen, die sind bald verwelkt und verwest, aber ein kräftiger Baumstamm der steht fest und unerschüttert. So sorgt nur dafür, daß Ihr Euch erhebet und stärket, daß Ihr werdet zu einem kräftigen, gediegenen Stamme; mögen die bunten Blüten dann dorren und welken, so nur die innere Kraft die reichste ist. (To be continued'Fortsetzung folgt)

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