Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die ekstatischen Erlebnisse
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 2)
- Language
- German
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27 MENORAH ich folgte den Spuren des Glücks und trieb in der Furt des Unglücks. Aber wahrlich, nicht ward ich beraubt der Blume der Hoffnung, selbst als ich an der Grenze des Paradieses haltmachen mußte und in der Ferne verdämmern sah die Umrisse der Erhofften, wie der Wüstenwanderer das Wüstenschloß verschwinden sieht, das die Sonne aufbaute in der glühenden Luft zwischen den Sanddünen. Auch mir, Ihr Flerren der Liebe, auch mir schwand die Kraft des Ertragens und die Verbitterung der Enttäuschung ergriff meine Seele in vielen Untergängen der Sonne, aber als die Flöten des Abends die Lieder der Wüste weich und bunt bliesen, sah ich hinter allen Toten der Steppen, hinter Untergängen und Verdammnis die Morgen heraufblulen wie eine Blüte der Verheißung in der Stunde der Gläubigkeit. Darum sagt, o Ihr Gläubigen: Es ist keine Macht, außer bei Allah, und sprechet: Amen. Predigend zog der Derwisch Hesen Ali durch das Land Es Scham, und er war einer, der nicht nur jenen predigte, die den Mahdi erwarten, sondern auch denen, die den Maschiach erharren. Auf seiner Stirnc war der Abglanz tiefer Erkenntnis und die Spur seiner Püße im Sande des Weges war tief, tiefer als die eines anderen Wanderers. Ich weiß nicht, ob es viele waren, die auf die Worte dieses Derwisches hörten, ich weiß aber, daß er einer war, dessen Spur wir küssen sollten im Morgen des Aufganges und im Abend des Unterganges, denn er sprach in den Bädern und in den Basaren, in den Mutten und in den Zelten, vor den Moscheen und vor den Tempeln, ja, es sprach dieser Geleitete die tiefste Wahrheit, und er rief aus der Überzeugung seines Herzens am Schlüsse seiner Rede, wo immer er auch sprach, in den Bädern, in den Basaren, in den Hütten, in den Zelten, vor den Menschen und vor den Tempeln: O Ihr Söhne Muhammaduns und Ihr Sohne Musas, Ihr beiden Söhne der Schrift, an Euch ist es, einander zu lieben im Morgen des Aufganges und im Abend des Unterganges! Und Allah weiß es besser! Folkloristisches Allerlei W. BERNHARD I. DIE GEÄNDERTE ADRESSE Ein Randar hatte einen Sohn, den er am liebsten zum Gelehrten herangebildet hätte. Er hielt ihm die besten Lehrer, die in der Gegend aufzutreiben waren, aber alle Mühe war vergeblich. Als nun der Sohn in das Alter kam, wo man zu heiraten pflegte, fürchtete der Vater gar sehr, daß der Kandidat bei der Beschau, die unglücklicherweise an einem Sabbat sein könnte, beim Rezitieren des „Kiddusch" stolpern werde. Er beauftragte nun den Hauslehrer, seine ganze Sorgfalt der Beherrschung dieses kleinen Dinges zuzuwenden. Aber auch hier fruchtete alle Mühe nichts. Das Ehchindernis konnte nicht behoben werden. Der Kiddusch wollte in den Schädel des Randarsohnes nicht hineingehen. Der besorgte Vater berief nun einen L chrer aus Litauen, also einen echten Litwak, der alles kann, mit dem bestimmten Auftrag, seinem Sohn, es koste was es wolle, den Kiddusch beizubringen. Schon war eine längere Frist verstrichen, ohne daß es ihm glückte, die Aufgabe zu überwältigen. Da kam ihm die richtige Idee, das Lehrziel zu erreichen. „Wie heißt der Nachbar zur Rechten?" „Iwan" war die Antwort. „Der heißt nicht mehr Iwan, Jojm." „Der zweite Nachbar?" „Petro." „Der heißt nicht Petro mehr, sondern Haschischi." „Wie heißt der dritte Nachbar?" „Stefan." „Der heißt jetzt nicht Stefan, sondern Wajchili." „Wie heifit der vierte Nachbar?" „Andri." „Der heißt jetzt Haschu majinu' So ging es weiter in Fragen und Antwort, bis alle Worte des Kiddusch erschöpft wurden. Diese Anhaftung der flüchtigen Kiddusch-Worte an die greifbare Körperlichkeit der dem Zögling von Jugend auf bekannten Nachbaren erwies sich als sehr erfolgreich. Ohne sich weiter um den Sinn des Kiddusch zu kümmern, sagte der Randarsohn nach rein topographischen Gesichtspunkten den ganzen Lobhymnus auf den Sabbat. Der große Tag nahte. Aus weiter Ferne kam ein Mann, Vater einer heiratsfähigen Tochter, in das Dorf und mußte des weiten Weges wegen über Sabbat beim Randar bleiben. Der sabbatliche Tisch vereinigte alle Mitglieder der Familie. Der Litwak kniff nun seinen Zögling in die Wade, was bedeuten soll, daß er vor dem Gaste die neuen Namen der Dorfbewohner hersagen sollte. Mit heller, klingender Stimme rezitierte nun der Zögling die Namen der Reihe nach: Jojim haschischi waichili haschu majim wchu u rez usw. Bis „Melachloj ascher ussu" ging es tadellos, ebenso weiter den ganzen ersten Abschnitt hindurch. Nur die drei Worte, Melachtoj ascher ussu, eben ließ er da aus. Nun schritt er zum zweiten Abschnitt. Auch hier ging es ohne Ermüdung flott vonstatten. Als es jedoch zu „Sikuron le massej breschiss" kam, schob er die drei ausgelassenen Worte ein und setzte den restlichen Teil bis zu den letzten zwei Worten, bis mekades haschabes, in selbstbewußter Stimmung fort. Ob dem zukünftigen Schwiegervater die Versetzung der Textworte auffiel, ist nicht bakannt, aber der Litwak, der wegen der versprochenen Dukaten in Aufregung war, benützte die erste Gelegenheit, um seinen Zögling darüber zur Rede zu stellen. Wenn er schon die drei Worte vergessen hat, warum hat er sie an unrichtiger Stelle eingefügt. „Rcbbe," antwortete der Randarsohn „Ihr wejsst apunim nischt, as Mclechtoj ün Ascher ün Ussu hoben sich herausgezojgen vün der ilici in jener ilici?"1) 2. DIE VERSICHERUNG EINES LANGEN LEBENS Als ein Randar einmal der Unterrichtsstunde seines Sohnes beiwohnte, bemerkte er, daß das Kaddischgebet") der Gegenstand des Unterrichtes war. Erschrocken stellte er den Lehrer zur Rede: „So lang sollt Ihr leben, wie lang Euer Sohn kein Kaddisch nicht können wird." 3. LOB DES UNREDLICHEN GELEHRTEN Einem Rabbiner, der durch seine scharfsinnigen Distinktioncn beim Schlichten von Prozessen berühmt war, aber im Rufe stand, Bestechung anzunehmen, soll R. Josef Saul ha-Levi Nathansohn geschrieben haben. t~" "'rr.r -rrv ~rr. 4. UNTEN IST TEUERER Zwei polnische Juden kamen nach Wien und besuchten daselbst das Theater. Mit dem größten ') ..Rabbi, Sie scheinen nicht zu wissen, daß Melachtoj, Ascher und Ussu von dieser Gasse (ulica) in eine andere übersiedelt sind?" ') Gebet zum Ruhme und Preis Gottes, das von Trauernden rezitiert wird. Interesse lauschten sie von der Galerie aus den Vorgängen auf der Bühne. Als nun einer sich stark vorgebeugt hatte, rief ihm der andere zu: „Bcjg dich nischt asoj stark hcrintcr, kennst fallen. Inten kost es tairer!" 5. DIE HÖCHSTE FRÖMMIGKEIT Zwei Chassidim lobten gegenseitig die Vorzüge ihres Rabbi. „Man Rebbe is so früm, as er bot a ftejschig'n ün a milichig'n Pripitschyk (Ofen).*' Män Rebbe is noch frümer, er hot a fyly (sogar) eine fleischige ün a milichdiki Schikse. „Man Rebbe is aber noch frümer. As er sugt (Fleisch), sugt er erseht nouch sechs Stunden 2« (Milch). 6. DIE GLEICHWERTIGKEIT DER SABBATE L. M. überraschte die Kaufleute in Cz. mit dem Ausspruch: „Am Schabcs-Chason darf man Zigarren rauchen." Auf das Erstaunen seiner Zuhörer fügte er hinzu: „Warum soll dieser Schabcs ärger sein als ein anderer?" 7. DAS LOB DES PREDIGERS An unserem neuen Prediger haben wir eine glänzende Akquisition gemacht. Er hat Eigenschaften wie Gott, Schiller und Moses. Gott ist kein Mensch, auch er ist keiner; Schiller hat nicht jüdisch gekonnt, auch er kann nicht; Mojschc Rabbenü hat einen Sprachfehler gehabt, auch er hat einen. 8. EINE AUSGESUCHTE SÜNDE Zwei Apikorsim'), Mahjasinikcs'-') kamen vor Jomkippur miteinander zusammen. „Was hast du dir für Jomkippur vorbereitet? Ich habe mir großartige KoIbassin:i) gekauft." „Du bist ein Patzer", sagte der andere und zog ein vertrocknetes Stück Brot aus der Tasche. „Weißt du was Jas ist?"") .rrcr. -.r;r yc- ') Freigeister, Epikuräer. -) Einer, der ein ungebundenes Leben führt. "') Würste aus rituell verbotenem Fleisch. ') Das gesäuerte, das aus der Zeit vor Pessach stammt, ist nicht nur uncrlau'.t zu essen, man darf gar keinen Genuß daran haben.