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Menorah · 1923-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 2-3
Article
Die ekstatischen Erlebnisse
Date
1923-01-01
Page
Seite 26 (sequence 1)
Language
German
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26 M E N O R A H Eugen Höflich (M. J. ben Gawriel) „Die ekstatischen Erlebnisse" (Aus einem in Vorbereitung befindlichen gleichnamigen Buche des Autors) TANZ Im rasenden Tanz sich lösen, die Schwerkraft selbst überwinden im sinnlosen Drehen, an unsichtbare Zusammenhänge sich hinanreißen — wie ein langhinhallendcr Schrei ist die Kurve des besessenen Tanzenden, gleichviel warum er tanzt. Zweimal riß mich Tanz hin, daß ich emporloderte in die sinn feinen Sphären der Erdentbundenheit. Ein tanzender Derwisch, dessen Oberkörper im tollen Kreise raste unter spitzer Filzmütze, die, weil heulendes La-a-ah-la-ah aus seinem Munde schwoll in den gewaltigen Dom einer Kuppelhalle, in die Lichtstrahlen hingen von drei Seiten, um sich zu schneiden auf dem Teppich, da der Derwisch tanzte, dieser gottergriffene Tänzer, der über Zeit und Raum und über Sinn und Erkenntnis hinausgewachsen war, er hatte mich in sein La-a-ah-la-ah so eingefangen, daß ich dann ewigkeitlang im tollen Kreise raste, seinen Tanz raste, bis ich hinfiel in die Ohnmacht der Erschöpfung. Tanzende Juden — Handpauke und monotoner Singsang hinter einer Bank, die schwerduftende Blüten trug. Handpauke und monotoner Singsang gaben den Takt zum rasenden Tanz, in dem sie ineinander sich zu verweben schienen, bis sie — jetzt und jetzt — eine wirbelnde Säule bildeten. Mühsam im Gleichgewicht verständigen Zusehens vertieft, fiel bald meine Seele aus ihrer qualvollen Ruhe. Bald neigte sich mein Oberkörper, der ich auf schmalem Diwan saß neben den schwerduftenden süßen Blüten, bald neigte er sich nach rechts, bald fiel er nach links, und mein Ohr vernahm nur das tiefe Tappen der Pauke und die regelmäßigen schrillen Aufschreie aus dem monotonen Lied, wie eine unendliche tönende Kurve. Die beiden Tanzenden waren vor meinem Auge in zwei Linien geschmolzen, die einander umwanden, voneinander wichen, sich berührten, auseinanderstrebten und ineinander verschmolzen. Alle, die um mich herumsaßen, waren vor mir versunken, versunken die Mauern des Zimmers, aus unsichtbaren Händen, aus unsichtbaren Kehlen kam die Musik, und die beiden wirbelnden Linien fuhren durcheinander im unermüdlichen Kreise der Bewegung . . . Nach innen gekehrt war mein Auge und die Welt war in mir Derwische und Juden, östliche Brüder, tanzend in der Hingerissenheit der Versenkung, wie unendlich nahe sind sie mir! Mitunter versuche ich, mich der Tänze zu erinnern, versuche in der Mitte des Zimmers, in dem ich nun lebe, mich zu drehen, ein monotones Lied singend, immer schneller, immer heißer, aber es versinkt nicht mein Bewußtsein in die Höhen jenseits der Erkenntnis. Immer bleibe ich gebunden in die Gegenstände, die mich umstehen bei Tag und bei Nacht, immer umgrinst mich ihre Gleichgültigkeit und immer bleibe ich, was ich bin: niedriger, verbannter Fremdling im Hause der Fremde, Bettler vor den Toren, wo ich doch König sein könnte kraft meines Blutes, kraft meiner Verbundenheil mit heiligstem Boden. Fremder Boden, fremde Dinge, aller Heiligkeit bar, halten mich, fern sind die Tänze, Bewußtsein steht fest, und nicht läßt es sich überreden, einen Augenblick nur zu weichen dem Taumel grenzenloser Hingabe vor den Toren der Vereinigung. O, daß ich doch einmal wieder tanzen könnte Wooden Statue by Samuel Zimmermann „Ecstasy" Holzstatue von Samuel Zimmermann „Verzückung" mit dem Blick nach innen, ganz hingegeben in die Ekstase des grenzenlosen Tanzes! O, wie wir Könige Bettler um unsere Achse rasend, uns steil hineinbohrten in die Himmel der Verzückung, da die Seele schwebt über dem Körper, der seelenlos rast, bis sie rückkehrt in das Gewölbe ihrer Bestimmung! O, wir werden wieder tanzen Derwischtänze und Tänze verzückter Juden! Alchdulilla! Ja, Gott wird es wollen! DER PREDIGER Habt Ihr die Abende im Gebirge verdunkeln gesehen, wenn die Schatten wie Kinder der Riesen wachsen, immer gewaltiger, im Sterben des Lichtes, habt Ihr die Tage herangrauen gesehen im Aufgesange des Morgens, da sich die Schwärze der Nacht und ihr grausiges Verlangen sich löst in die Sinfonie keimender Farben vor den glühenden Felswänden? Habt Ihr die Mienen der Frauen vor den Gefängnissen gesehen in der hoffnungslosen Verzagtheit hereinbrechender Nächte, habt Ihr sie gesehen, wenn sie müde und durchfroren nach den toten Nächten am Morgen im zagen hoffenden Lächeln vom harten Steinboden der Straße aufblickten zu den eisernen Gittertoren der Gefängnisse? Saht Ihr am Morgen und am Abend die Mienen der Gefangenen, die auf- und abgehen im rastlosen Gehen der Gefangenen, immer auf und ab von einem Ende des Gefängnisses zum andern, einer gefesselt an den andern? Saht Ihr die müden Bewegungen der Soldaten, die aus den Schlachtfeldern der Wüste heimkehren in die Abende der Städte, braungebrannt von der unbarmherzigen Sonne der Steppe und braun vom gestockten Blut, müden Geistes im täglich gleichen Schritte ihres mörderischen Handwerks? Saht Ihr die morgendlichen Rufer von den Minaretten des Suqs, die sich über die Brüstung beugen, ein kleiner Punkt an der spitzen Nadel des Gebets, die in den Himmel sticht, saht Ihr sie die Sonne begrüßen, die aus der Salihije sich erhebt, aus dem Blute ihrer Geburt? Saht Ihr die Toten in der Steppe im Morgen des Aufganges, die eine ganze lange Nacht um ihren Tod gekämpft hatten, ehe er sie erlöste und ihr besiegtes Leben hinwegnahm in das Flaus der Barmherzigkeit, saht Ihr die friedlichen Mienen der Erlösten, wenn die junge Sonne ihr Antlitz umkost und die verkrampften Glieder umspielt, die gestern noch schritten, Lastträger ihres Leids, durch die Steppen der Entsagung? O Ihr, die Ihr die Morgen und die Abende, die Aufgänge und die Untergänge saht, o Ihr, die Ihr beten könnt im Aufgang und im Niedergang, weckt Eure Herzen in der Erinnerung an das Gesehene und sprecht: Es ist keine Gewalt außer bei Gott! Nächtig waren wir im Frührot der Sicherhebenden und kraftlos schwanden wir im Spätrot der Sichlegenden, mutig schritten wir in die Nächte und verzagt erblickten wir den Morgenstrahl der Sonne im Osten unserer Hoffnung. O Ihr, die Ihr saht und die Ihr Leiden tragt, weit ist das Becken der Ereignisse, und was zu geschehen hat, ist vorgezeichnet im Buche des Geschehens. Und sprechet: Amen. Auch ich, der Niedrige, der Kleine, der Diener der Diener, sah Morgen und Abend, auch

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