Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Nicht das ist der Weg!
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Nicht das ist der Weg! Das ganze jüdische Volk, soweit es an den jüdischen Lebensfragen Interesse hat, horcht gespannt nach Karlsbad, wo in diesen Tagen der dreizehnte Zionistenkongrcß, der erste nach Ratifizierung des Mandats, tagt. Der Aufbau von Palästina, die Wiederbcsiedlung des jüdischen Landes mit jüdischen Menschen in absehbarer Zeit, mit den vorhandenen Mitteln, ist das gewaltige Problem, das dort behandelt werden wird. Weizmann und Sokolow, zwei Männer, denen das gewaltige Erbe der Nachfolgerschaft nach einem Herzl und nach Wolfsolin zugefallen ist, werden über ihre Leistungen in den letzten Jahren Rechenschaft ablegen müssen. Sic werden viele begeisterte, stimmgewaltige Beifallsrufcr finden und nur wenige ernste, sachkundige Menschen, die Rechenschaft von ihnen verlangen werden. Es wird zu untersuchen sein, ob und in wieweit die Leistungen dieser Männer und ihre Erfolge mit den Hoffnungen, die man auf sie gesetzt hat, übereinstimmen. Weizmann und Sokolow haben während des großen Völkerringens, sei es, daß sie glaubten, die Ententestaaten kämpften für die gerechte Sache, oder weil sie richtig voraussahen, wohin der Endsieg sich neigen werde, die Sache des palästinensisch orientierten nationalen Judentums mit den Weslmächtcn verknüpft. Die Bildung der jüdischen Legionen unter Jabolinsky unterstrich diese enlentefreundliche Politik auf das nachdrücklichste. Nach langen Verhandlungen erreichten sie — unterstützt von Baron Edmund Rothschild, Sir Herbert Samuel und amerikanischen Mitarbeitern — daß die großbritannische Regierung versprach, ein jüdisches Nationalheim in Palästina zu errichten. Wir stehen heute noch ziemlich allein, wenn wir behaupten, daß dieser Erfolg ein verhängnisvoller Scheinerfolg war. . . . Nicht die Balfour-Dcklaration als solche. sondern ihre unzeitgemäße und pompöse Veröffentlichung und ihre journalistische Ausschrotung war ein unerhört unpolitisches Vorgehen, dessen verhängnisvolle Folgen wir heute allenthalben spüren und deren Ende wir noch nicht voraussehen. Mehr noch als starke brauchen schwache Völker weise und klug voraussehende Politiker und Diplomaten! Die Veröffentlichung der Balfour-Dcklaration hat uns drei starke Mächte dieser Erde zu Gegnern und Widersachern gemacht. Frankreich, den Vatikan und das organisierte, intellektuelle Arabertum. Keine dieser drei Mächte hat tiefe wirkliche Ursachen zu dieser Bekämpfung unseres beabsichtigten Aufbauwerkes. Die französische Politik ist ihrer Tradition nach fast stets judenfreundlich gewesen; kluge Unterhändler hätten die französische Feindseligkeit wenn nicht schon beseitigen, so doch immerhin mildem können; aber, um noch Öl ins Feuer zu gießen, erschienen in Weizmanns Jcrusalemer Leibblatt „Haarez" scharfe Artikel gegen Frankreich, die der Jerusalemer französische Konsul prompt aus einem mangelhaften Hebräisch in ein tadelloses Französisch übersetzen und nach Paris an den Quai d'Orsay schicken ließ. Der Papst hatte angeblich in seiner ersten Audienz zu Sokolow gesagt, die katholische Kirche und die Juden werden in Palästina gute Nachbarn sein, aber da man gegen die englischen Tingeltangels und vor allem gegen die anglikanischen Kapellen nicht direkt ankämpfen konnte, begannen von kirchlicher Seite Feindseligkeiten gegen die Juden, und es wurde der sicher ungerechtfertigte Vorwurf laut, die Juden bringen die Unmoral nach Jerusalem und ins Heilige Land. Wirklich klugen Politikern und Diplomaten wäre es nicht allzu schwer gefallen, mit den palästinensischen Exponenten der Kirche, den Franziskanern, Dominikanern und Augustinern, hochgebildeten und um die Wohlfahrt von Palästina sehr verdienten Männern, zu einem leidlichen Einvernehmen zu kommen, da es zwischen Juden und Katholiken, für die Palästina vor allem ein Pügerland ist, keine wirklichen Gegensätze gibt. Unzählig sind die Fehler, Taktlosigkeiten, die man in der Behandlung desA r ab er t u ni s gemacht hat. Ein wirklich guter Politiker und Diplomat hätte in einer Zeit, in der der Nationalismus des Arabertums aufflammte, nie das Wort aussprechen dürfen, Palästina müsse so jüdisch werden, wie England englisch ist, weil er nur bei einiger Voraussicht voraussehen hätte müssen, welche furchtbaren Folgen dieser Satz hervorrufen würde. Er hätte auch nie zulassen dürfen, daß eine Menge von unerfahrenen Burschen, meistens den chauvinistischen Arbeitergruppen angehörend, in die arabischen Dörfer mit Standarten und h ahnen gezogen kam und dort dem erstaunten Dorfscheich und den verblüfften Dorfbewohnern die Baifour - Deklaration und die Mitteilung vom eben erstandenen neuen jüdischen Staat verkündigte. Auch das überflüssige, die Araber alarmierende tägliche und nächtliche Singen der jüdischen Nationalhymne Hatikwa hätte ein richtiger hührer durch seine Warnungen einstellen können, lange bevor Co die britischen Beamten als polizei- und ordnungswidrig eingestellt haben. Ein guter Diplomat hätte nie nach Jerusalem telegraphieren dürfen, die englische Regierung hätte ihm zugesagt, am Davidsturmc werde die blau-weiße Fahne gehißt werden (eine übrigens nie erfüllte Zusage), hätte nie durch kommunistisch orientierte Bodenreformer den einflußreichen arabischen Grundbesitzern Enteignung ihres Besitzes androhen lassen dürlen. Die größte und überflüssigste Provokation des arabischen Volkes aber war, die von Weizmann und Sokolow befürwortete und als gewaltiger Erfolg in die