Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- David Pinski
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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11 M E N O R A H jüdisches Arbeiterdrama" betiteltes dramatisches Erstlingswerk „Eisik Scheftcl" schrieb, welches ihn als dramatischen Dichter bekanntmachte. Das tragische Grundmotiv in ,,Eisik Scheftcl" ist das Ersticken selbständig schöpferischer Genialität in der neuen halb kleinbürgerlichen, halb proletarischen Niederung russisch-jüdischen Arbeitericbens. Will man das Stück ein Tendenzstück nennen, so ist es ein Stück vergeistigster Tendenz. Mit diesem Drama in der Tasche ging David Pinski nach Amerika, wohin ihn die New Yorker jüdische „Arbeiterzeitung" berief. Dort fand Pinski jüdisches Arbeitcrleben in einer freieren Form vor, aber in keiner besseren. Seine Bemühungen gingen vor allem darauf, die publizistische Niedrigkeit im New Yorker jüdischen Arbeiterleben zu bessern. Zusammen mit Josef Schloßberg gab er eine sozialistische Wochenschrift, „Der Arbeiter", heraus, dann, wieder zusammen mit Schloßberg, eine gute literarische Zeitschrift „Die jüdische Wochenschrift", die sich jedoch nicht hielt. Bis heute setzt Pinski seine Bemühungen um die Hebung des jüdisch-publizistischen Niveaus fort, mit einigem, wenn auch nicht allzu großem Erfolg. Er war bis vor kurzem Chefredakteur der poalc - zionistischen Tageszeitung „Die Zeit", welche sich in vielem wohltuend von den übrigen amerikanischen Zeitungen sozialistischer oder nichtsozialistischcr Färbung unterschied, aber sich — wohl aus diesem Grunde — nicht durchsetzen konnte. Das Werk David Pinskis, das erzählende sowohl wie das dramatische, hat, wie sich der bekannte Kritiker S. Niger in einer Studie über Pinski ausdrückt, zwei Seiten: Es ist darin der Romantiker Pinski und der Sozialist Pinski feststellbar. Eine scharfe Scheidung ist allerdings nicht durchzuführen, da der Sozialismus Pinskis immer irgendwie mit altjüdischer Romantik durchsetzt ist. Der Pinski jedoch, welcher den Zusammenstoß der alten jüdischen Kultureinheit mit den neuen Strömungen schildert, oder welcher die Zeiten Davids, Salomos, ja sogar in einem kühn entworfenen dramatischen Werke, betitelt „Mirjam von Magdala", die Zeit von Jesus Christus vor uns erstehen läßt, welcher im ersten Stück einer geplanten Tetralogie „Der ewige Jude" der bisher wie ein Schemen durch Sage und Literatur wandelnden Ahasvergestalt merkwürdig starkes Leben einzuhauchen imstande war, dieser Pinski, der nationale Romantiker, der in einem seiner Dramen — „Der stumme Messias" — die Messiassehnsucht während der gedrücktesten Zeit des jüdischen Volkes zu gestalten versucht, allerdings mit wenig Glück gestaltet, dieser Pinski weiß alle diese romantischen Elemente manchmal fast unmerklich, aber doch immer deutlich in die modernste Strömung, in das gegenwärtige Leben mit allen seinen Verzweigungen und Nuancen einzuordnen und folgt damit einer Tendenz, in gutem Sinne dichterischen Tendenz, aus der Kontinuität mit dem Leben der vergangenen Generationen zu gestalten. In Pinskis dramatischem Schaffen, welches der quantitativ und qualitativ größte Teil seines dichterischen Werkes ist, nehmen die nationalromantischen Werke, wie der Einakterzyklus „König David und seine Frauen", einen breiten Raum ein. Sie sind, bis auf das kühn hingeworfene Einleitungsstück zur Tetralogie vom „Ewigen Juden", welches ich bereits erwähnt habe, und clas „Der Fremde" betitelt ist, nicht die gelungensten dramatischen Werke des Dichters, aber vielleicht seine interessantesten. In ihnen pulst eine moderne Vermenschlichung jener uns und unserem Begreifen so fernen Zeit. Dafür hat der Dichter, dessen jüdische Sprache sonst bei aller Eindringlichkeit der Schilderung und Gestaltung blaß ist, auch eine feine Nuancierung der jüdischen Sprache gefunden, welcher er sozusagen einen Rückhalt gab, in welchem Verschwommenheiten geklärt werden, so daß tatsächlich ein Hauch jenes Orientklimas und eine Helligkeit jener scharf konturicrenden Orientsonne manchmal auch aus der Sprache hervorbricht. Diese sprachliche Bereicherung bildet den Hauptwert dieses Teiles des Pinskischcn Dichlcrwcrkes. In der dramatischen Form weit stärker und in der dichterischen Konzeption viel mehr konzentriert sind die dramatischen Werke Pinskis, welche das jüdische soziale Problem zum Grundakkord haben. Nebst dem bekanntestem von ihnen, dem „Eisik Scheftel", ist die treffliche Komödie „Der Ojzer" an erster Stelle zu nennen. Den spezifischen Verwicklungen des jüdischen sozialen Problems in Amerika wird das eigenartige Stück „Jeder mit sajn Gott" gerecht, in welchem die Ethik Amerikas in ihren Abspiegelungen auf das alte jüdische Ethos eine bedeutende Rolle spielt; da bricht am stärksten die dichterische Tendenz Pinskis hervor: Es ist nicht, wie oft fälschlich behauptet wird, die sozialistische, sondern d i e jüdisch - ethische Tendenz von der Bindung des Weltgeschehens, mag es nun an Gott oder an den ethischen Grundwillen des Menschen sein. Die interessanteste Gruppe unter den Werken der Pinskischcn Dramatik und auch Erzählungskunst bilden jene Werke, welche das Problem der jüdischen Frau behandeln. Pinski hat es in vielen seiner Geschichten, wie der reizenden Erzählung „Das Erwachen", abgewandelt und vielen seiner Theaterstücke zum Grundmotiv gegeben. Er sieht in der jüdischen Frau ein ganz eigenartiges Element. Hat sie doch die ganze jüdische Geistigkeit in allen ihren Abstufungen vom Cheder bis Jeschiwa, von Bibel bis Gemara nicht durchgemacht. Sie ist freier, nicht gebunden an die Jahrhunderte alten Formen und Formeln überlieferter und heilig gehaltener Bindung des jüdischen Mannes; sie ist der Natur näher und ihr zugänglicher. So sieht Pinski in der jüdischen Frau clas interessanteste, das farbigste, das entwicklungsreichste Element des jüdischen Lebens. Dazu kommt der Reiz fraulicher Liebe und ihre Verknüpfung mit all dem, was die modernen Strömungen im Judentum gegen die Anschauung der Tradition heranführen. Pinski scheint in der Frau das stärkste Rüstzeug für die Schaffung des neuen jüdischen Menschen zu sehen. Viel von diesem Frauenproblcm spezifisch jüdischer Art ist in den schon erwähnten historischen Dramen verflochten. Eine große Anzahl anderer Dramen, wie „Jekcl, der Schmied", „Gabri und die Frauen", „Die Mutter", „Der Liebe krumme Wege" und andere, behandeln dieses Problem in reichster Nuancierung von der einfachsten bis zur kompliziertesten Seclenzergliederung. Auch eine große Zahl von Einaktern gehört in dieses Gebiet, wie der bekannte Einakter „Vom Glück vergessen". Die Kunst Pinskis ist eine geradlinige. Er arbeitet nicht mit Zwischenstufen, in seinen Erzählungen mehr mit Kontrasten als mit Konflikten, in seinen Dramen mehr mit Konflikten als mit Färbungen, und das befähigt ihn denn auch zu Wooden Holzstati Statue by Jacob Low, Hagadah Figutv: „He vvlio knows not how tu ask" ie von Jakob Low, Hagadahfigur: „Der nicht zu fragen versteht"