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Menorah · 1923-01-01 · Heft 1 · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Vernachlässigte Quellen der jüdischen Wissenschaft
Date
1923-01-01
Page
Seite 4 (sequence 2)
Language
German
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4 M E N O R A H des Mittelalters, Besonders für clic Darstellung der letzteren hat Zunz clic handschriftlichen Quellen mit großer Beharrlichkeit zusammengetragen. Aber der Ausbau dieser ruhigen und sachlichen Forschcrarbeil wurde für lange Zeit unterbrochen. Im Jahre 1853 begann die „Geschichte der Juden" von H c i n r i c h G r ä t /. zu erscheinen. Sie wirkte schon durch ihren in der jüdischen Literatur fast unerreichten Umfang — 12, in der neuesten Auflage 13 Bände — als Ereignis und verschaffte ihrem Verfasser eine ausgesprochene geistige Vorherrschaft in seinem Kreise. Heule, 29 Jahre nach seinem Tode, ist sein Einfluß beinahe unvermindert. Griitz besaß gleich den früher Genannten Befähigung und Charakter in hohem Grade, ausschlaggebend aber isl bei ihm das Temperament. Das Mögliche ist für ihn belanglos, das Unerreichbare soll zum Ereignis werden. Möglich war eine langsame Sichtung und kritische Erfassung der vorlaufig unübersehbaren jüdischen und auf die Juden bezüglichen fremden Literatur, von da aus das Eindiingcn in eleu Gang des Geschehens und den Geist der einzelnen Epochen; am Ende winkle dann clic Darstellung der über Zeiten und Länder ausgedehnten jüdischen Geschichte. Griitz hat mit diesem Ende begonnen. Er hat — zweifellos ein Mann von reinem Wollen — sein Werk mit einer hinreißenden Gewalt geschrieben, gegen die allein das Besserwissen immun macht. Nicht, daß man es jetzt besser weiß, ist ihm vorzuwerfen, mit anderen Worten, daß sein Buch in zu vielen Einzelheiten überholt ist, um dem Stande der Forschung überhaupt noch angepaßt zu werden. Sondern dies ist das Entscheidende, was kein Verteidiger in Abrede stellen kann: daß der Autor selber zur Zeit der Abfassung es an tausend Stellen hätte besser wissen können. Für Aufklärung und Belehrung hat er Unvergängliches geleistet, dabei aber der Wissenschaft viel mehr weggenommen als nötig war. Er spricht im Vorworte zum 5. Bande von dem „mehr verwirrenden als aufhellenden Notizenkram des Dr. Zunz". Im Zusammenhang mit anderen Äußerungen bedeutet dies keine Verunglimpfung. Aber die Abneigung gegen philologische Kleinarbeit, der Zug von den liierarischen Grundlagen weg ins Große und Konstruktive, der bedenkliche und verhängnisvolle Hang zum Unmöglichen charakterisieren nicht nur Griitz selber, sondern auch auf den verschiedenen Gebieten sehr viele unter seinen Schülern bis ins dritte und vierte Geschlecht. Vor der Wissenschaft mit ihrem unverjährbaren Recht, vor einem Publikum, dem für die Dauer nur mit der Wahrheit gedient ist, besonders aber vor dem guten Willen und der Einsicht der arbeitenden Genossen von Rang muß die Forderung erhoben werden, daß dies ein Ende nehme. Dabei isl es möglich, an das Lebenswerk eines Mannes anzuknüpfen, der tief im Schatten steht: Moritz Steinschneider (1816 bis 1907). Seine Leistung widerspricht allerdings den Gesetzen einer glatten akademischen Schönheit; sie ist nur für den Forscher da, nicht für die Gebildeten, durchaus nicht für die Menge. Auch er halte in der Jugend große Pläne, mit den Jahren wurde sein Kreis enger und tiefer. Von der beabsichtigten Untersuchung des Verhältnisses der Juden zur Kultur überhaupt führte ihn sein Weg bald auf ihre Beziehungen zum Islam, hier von der Kultur- und Literaturgeschichte, von dieser zur Bibliographie. Vornehmlich durch seine Kataloge, aber auch durch den sonst in einer Unmenge von Arbeiten enthaltenen und verwerteten Stoff ist Steinschneider der Begründer der modernen hebräischen Bücheruncl Hanclschriftenkundc. Seine größeren Handschriftenverzeichnisse erstrecken sich auf die Bestände von Leyden (erschienen 1858), München (1873; 2. Aufl. 1895), Hamburg (1878) und Berlin (zwei Abteilungen, 1878 und 1897). Sic bilden den Schlüssel zu einer unbekannten Welt, deren Verflechtungen mit der allgemeinen Gesittung des Morgen- und Abendlandes zahllos sind. Diese Welt kann nicht durch den Haß und nicht einmal durch die Liebe erforscht werden, sondern nur durch die kritische Wahrheit. Steinschneiders Bedeutung besteht in der Größe und Gediegenheit seines Werkes, in dem fast vollkommenen Erhabensein über Neigungen und Erfolge und in seinem Gefühl für die immer höheren Pflichten der Wissenschaft in ihrem Verhältnis zur Wellkultur. Er wird von vielen gerühmt, von wenigen gekannt, von keinem einzigen planmäßig fortgesetzt. Seine Kraft gehört der Zukunft. Es sei also wiederholt: In der jüdischen Wissenschaft sind zwei Richtungen nachzuweisen. Als ursprüngliche und sachlich allein berechtigte diejenige, die durch die Namen und die Leistung von J. L. Rapaport, S. D. Luzzatto, Leopold Zunz und insbesondere Moritz Steinschneider charakterisiert wird. Als zweite Fleinrich Grätz und alle anderen. Die erste ist ausgestorben, die zweile dominiert. Es wird gefordert, daß die zweite aussterbe und die erste dominiere. Artur Zacharias Schivarz From an Ulustrated ManiiseripLof the Mahzor for Rosh-ha-Shann (By tlie same scribe aml illuminutor as tlic pieceding nnmber) Aus einer illustrierten Handschrift des Mahzor für Ros-ha-sanah, aschkenasischer Ritus (Vom gleichen Schreiber und Müiia'or wie bei der vorhergehenden Abbildung) Cod. Hebr. Bibl. Pal. Vind. Ki3, Fol, 3G2 r

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