Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Vernachlässigte Quellen der jüdischen Wissenschaft
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH VERNACHLÄSSIGTE QUELLEN DER JÜDISCHEN WISSENSCHAFT Vor dem Humanismus ist in der jüdischen Literatur nur an wenigen Stellen von dem Werte guter Handschriften die Rede: ziemlich selten bei Autoren, die dabei aber nur die Einzelheit des Textes, die Lesart im Auge haben, etwas häufiger bei Schreibern und Übersetzern in der Form des Bedauerns über eine schlechte Vorlage. Kritische Erwägungen, die über das unmittelbar Gegebene hinausgehen, sind dies nicht. Nur ganz ausnahmsweise blitzt der Gedanke an allgemeinere literarische Zusammenhänge auf, wie in dem Testamentsbrief des Jehudah ibn Tibbon (nach 1186), in dem in enger Verbindung von den zumeist doppellen und dreifachen Exemplaren seiner Bibliothek und von der Wichtigkeit der fremden Wissenschaften gesprochen wird; aber man wird verpflichtet sein, die Bedeutung solcher Sätze nicht zu übertreiben. Wo sich bei den Juden im Mittelalter ein Zweifel an der Echtheit eines Werkes findet, dort trägt er, wenigstens nach der Überlieferung, nicht die Merkmale der Forschung, sondern der praktischen, vorwiegend religiösen Polemik. Erst der italienische Jude Azarjah de Rossi begründet in dem Schrifttum seines Volkes die Kritik. Sein Werk „Mcor enajim" — das heißt Licht für die Augen, ein Bibelzitat wie die meisten hebräischen Büchertitel; Sprüche 15, 30 — erschien 1574—1575 und enthielt gesammelte Untersuchungen zur Literatur und Geschichte. Für den Verfasser ist die Kenntnis des allgemeinen humanistischen ./'.. Schrifttums grundlegend und im weitesten Umfange des hebräischen. Von den 55 damals nur handschriftlich bekannten hebräischen Werken, die er anführt, gehören bloß zwei oder drei zur landläufigen Scholastik. Ausnahmslos alle sind von ihm als Erkenntnisquellen für eine völlig unerforschte Vergangenheit benützt worden. Aber abgesehen von dem Widerhall und Nachklang in Ruhm und Haß sollte diesem Buche keine dauernde Wirkung beschieden sein. Die Juden Italiens waren dafür einfach nicht reif. Hatte in dem arabischen Spanien und Nordafrika die Blüte einer stammverwandten Gesittung einen starken Aufschwung des Judentums herbeigeführt und war in Nordfrankreich und Deutschland der Zwang des Ghettos wenigstens die Ursache für eine gründliche Beschäftigung mit dem ererbten Besitz gewesen, so entbehrt die Geschichte der Juden in Italien einer entschiedenen Prägung. Es fehlen die großen Antriebe von Begünstigung und Not; es fehlen fast ganz die Mittelpunkte eines geistigen, über seine Grenzen hinausgreifenden Lebens, die wirklich bedeutenden Bibclerklärer, Talmudforscher und Religionsphilosophen. Es fehlt die kritische Luft. Deshalb bleibt die große Übergangszeit, deren literarischer Charakter durch neuere Erkenntnisse bekanntlich eingeschränkt, aber nicht beseitigt worden ist, ohne tieferen Einfluß auf das alte Volk der Schrift. den deutschen Freiheitskriegen stellt sich die wissenschaftliche Erforschung des Judentums als Folgeerscheinung eines historischen Prozesses von ganz, anderer Art dar, nämlich der Strömungen, die man mit der einseitigen Bezeichnung Judencmanzipation zusammengefaßt hat. Leitlinien und gewisse Eigentümlichkeiten in der Entwicklung sind beiden gemeinsam: sie haben dasselbe Ideal (die Gleichberechtigung) und das nämliche Pathos, aber auch den Standpunkt der Verteidigung, die der c'oppcltcn Gefahr ausgesetzt ist, das Erreichte zu überschätzen und den Zusammenhang mit der Vergangenheit zu verlieren. Man wird den verdienstvollen Männern, die dieses Wissenschaftsgebiet seit hundert Jahren bearbeitet haben, jede persönliche Würdigung entgegenbringen. Aber es ist unbedingt notwendig, immer wieder auf den organischen Mangel hinzuweisen, der sich bei ihrer großen Überzahl zeigt. Als Leopold Z u n z im Jahre 1818 das Programm für den planmäßigen Ausbau der jüdischen Literatur in einer Schrift niederlegte, die auch heute noch lesenswert ist, warnte er in den einleitenden Sätzen vor Übereilungen. Der Kern seiner etwas mit Geschichtsphilosophie belasteten Darlegung ist einfach: Die Juden haben aus dem Ghetto nur die Tatsache ihrer Existenz und ihr Schrifttum mitgebracht; dieses Schrifttum, von dem die gedruckten Werke nur einen Teil bilden, muß mit allen Kräften der Wissenschaft crfoischt weiden, welche Stellung immer man ihrer Existenz gegenüber einnimmt. — In Wirklichkeit sind die .Männer dieser eisten Generation Literalurforschcr im eigentlichen Sinn: Zun/, selbst, J. L. Rapoport und S. D. L u/- z a I t o. Konnte Rapoports hohe intuitive Begabung bei seinen hauptsächlich in das Gebiet der gelehrten Biographie gehörenden Arbeiten von einer andauernden Benützung der handschriftlichen Literatur absehen, so wurzelten seine beiden Genossen durchaus in ihr. Luzzatto war Philologe, mehr Literaturkritiker als -historiker, formgerecht in seinen eigenen zahlreichen Gedichten. Aber der beste Teil seiner Leistung ist sein Wirken als Nachfolger der Männer, die in seiner Heimat Italien durch Jahrhunderte das Sammeln von hebräischen Handschriften als unmittelbare Bildungssache aufgefaßt hatten. Es läßt sich nicht annähernd zahlenmäßig ausdrücken, wie viel von den Resten der Vergangenheit nur durch ihn vor Vernichtung und Verschleuderung bewahrt geblieben ist. Er hat auch den viel bedeutenderen Zun/, gefördert, dessen Werk als einziges unter den drei in sich abgeschlossen erscheint. Es besteht in der Literaturgeschichte der umfangreichen Gebiete, die sich neben dem oft allein beachteten gesetzlichen Schrifttum der Juden entwickelt haben, die sogenannte Haggadah (Erzählungs-, Vortragslitcratur) in der alten Zeit und die religiöse Poesie . M. ■'t^H im 3t??r *vm!w\ rnr^sb/ i r-^ VFV totot\^1 ^TTro^»-T',^T^ Seit der französischen Revolutic und Froin an lllustrated Mantiscript of the Sephcr Mizvoth Gadol of Aloseh Guizy (Serino und Illuminator Hayn» ahmn 1314) Aus einer illustrierten Handschrift des Sepiter Mizvoth Gadol des Mosen Couzy (Schreiber und Minialor h'ajjim, ungefähr 1344) Hebr. Bihl. Pal. Viud. 34. vol. I. iol. 20 v.