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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 270

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Ausland
Date
1920-03-10
Page
Seite 270 (sequence 2)
Language
German
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270 fälle ansieht, deren Charakter nicht von den Hauptexzessen abweicht. In Kielce und Kolbuszovva wurden die Exzesse von der bürgerlichen Zivilbevölkerung" und von Bauern begangen, in Czenstochau beteiligten sich ,die Zivilbevölkerung und die Soldaten an den Unruhen; in Pinsk wurden sie hauptsächlich durch einen Offizier hervorgerufen. In Lemberg, Lida, Wilna und Minsk Wurden sie nach der Einnahme der Städte von Soldaten begangen, vorwiegend deshalb, da das antisemitische Vorurteil der Soldaten durch die Beschuldigung hervorgerufen wurde, dass die Juden Bolschewiken seien; in Lemberg wurden sie von den Soldaten des Einverständnisses mit den Ukrainern beschuldigt. So wasi der allgemeine Charakter der Exzesse nach dem Urteil des' Berichtes mehr ein politischer als ein antisemitischer. Die Verantwortung für die Ausschreitungen trägt nach Ansicht der Mission grösstenteils die damals mangelhafte Disziplin unter den polnischen Soldaten und Offizieren, welche auf Kosten einer Bevölkerungsschicht, die sie für feindlich hielten, sich bereichern wollten. Dagegen beweist die s'chnelle Beendigung der Unruhen in Lemberg, sowie nur die entsprechenden Massregeln angewendet wurden, dass ein rascher Entschluss, die Ordnung herzustellen und die rasche 'Anwendung der nötigen Mass'regeln solche Exzesse vermeiden oder doch eindämmen kann. Es sei daher anzunehmen, dass eine schärfere und einheitlichere Politik und die Veröffentlichung der militärischen und zivilgerichtlichen Bestrafung wegen solcher Exzesse, sie eingedämmt hätte. Das polnische Volk in seiner Gesamtheit könnq für die Gewalttaten einzelner undisziplinierter Soldaten und des Mobs1 nicht verantwortlich gemacht werden. Dass die Exzesse nicht systematisch organisiert waren, gehe aus der geringen Zahl von 2S0 Todesopfern hervor; ihre Zahl hätte bei planmässiger Vorbereitung weit grösser sein (müssen. Es sei der Schluss erlaubt, dass die Exzesse das Resultat von verbreiteten antisemitischen Vorurteilen sind, laut welchen die jüdische Bevölkerung der polnischen Herrschaft feindlich gegenüberstehe. Ueber die Misshandlungen von Juden durch Soldaten, besonders auf den Bahnen (Bartabschneiden usw.), sagt der neunte Punkt des Berichtes, dass sie anscheinend bezwecken, die jüdische Bevölkerung in steter Furcht vor grösseren! 'Verfolgungen zu halten, die sich ereignen könnten. Oer wirtschaftliche Boykott wird auf die Agitation der nationaldemokratischen Partei durch die Presse, durch Reden usw. zurückgeführt. Der Bericht führt dabei ausser den bekannten Tatsachen, dass christliche Arbeiter nicht zusammen mit jüdischen arbeiten wollen, dass die jüdischen Beamten, besonders in den unteren Rangklassen, von der Regierung entlassen wurden, auch dokumentarische Beweise dafür an, dass die polnische Regierung jüdischen Eisenbahnangestellten, welche sie cntliess, Zertifikate ausgestellt hat, welche besagen, die einzige Ursache ihrer Entlassung &ei der*Umstand, dass sie Juden seien. Die Etablierung Von polnischen Konsumgenossenschaften ist nach Ansicht des Berichtes nicht als Boykottmittel gegen die Juden aufzufassen, wenn auch unglücklicherweise die Reklame bei Eröffnung der Konsumvereine diese als ein Mittel zur Bekämpfung des jüdischen Handels1 bezeichnete. Die Ursachen der antisemitischen Stimmung in Polen findet der Bericht in der mit der Teilung Polens unter der Nation herrschenden, nationalen Vereinheitlichungsstimmung, welche sich allem fremden entgegenstellte. Das führte zum Konflikt mit jenen jüdischen Organisationen, welche eine kulturelles Autonomie für die Juden „mit finanzieller Unterstützung der Regierung" erstreben. „Ausserdem hat" — so heisst es wörtlich — „die Stellung der Juden zum 'Artikel 96 des Versailler Traktats', der die Rechte den .Rassen- und Religionsminderheiten in Polen garantiert, weitere' Unzufriedenheit gegen die Juden gebracht; vor allem aber richtet sich die nationale Stimmung der Polen gegen all das, was sie den „fremden" Charakter der jüdischen Masse in Polen nennen." Die schon äusserlich manifestierte ßonderung der Juden in Kleidung, Sitte, Sprache und dergleichen, auch die Sabbatruhe passt dem polnischen Gemüt nicht. Im

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