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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 263

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Eine Dehmel-Erinnerung
Date
1920-03-10
Page
Seite 263 (sequence 3)
Language
German
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263 über den Zionismus gehalten hatte. Dehmel nahm mich, der ich in der Diskussion gesprochen hatte, ins Kreuzverhör. Er wollte von mir absolut heraushaben, ob wir 'Zionisten dctin im Endziel für einen unabhängigen eigenen Staat wären oder nicht. Es stellte sich heraus, dass nach seiner Anschauung wir Zionisten alle ihm nicht weit genug gingen. Er begriffe, sagte er, recht wohl, dass' unser Programm zunächst eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte verlange, zum Endziel aber müssten wir uns einen absolut freien Staat nehmen; denn nur in einem solchen und durch einen solchen Hessen sich unsere nationalen Ideale verwirklichen. 'An jenem Abend war er von der Grösse der zionislischen Idee durchdrungen und spracli eigentlich fanatischer, wie der rabiateste Zionist. — Zum Schluss möchte ich eine Episode erwähnen, die an sich mit jüdischen Dingen vielleicht wenig zu tun hat, die aber besser als alles andere zeigt, wie'Richard Dehmel die eigenartige Situation dort im Osten erfasst hatte, in der ein erbitterter Kampf zwischen Zivilisation und Kultur geführt wurde'— wie er dort in das Verständnis der eigenartigen nationalen Kulturen, die dort zusammenstiessen, eingedrungen war. Im Mause des Oberleutnants Fr. , des „bezaubernden Kerlchens", von dem er in seinem Buch spricht, wurde eines Tages' eine ungeheuer lustige karnevalistischc Feier zu Ehren Strucks veranstaltet. Ich war leider damals' nicht zugegen, aber nach den Schilderungen der Teilnehmer, Dehmel, Eulenberg, Zeller und Struck, muss es' eine herrliche Sache gewesen sein. Jeder hatte etwas beigesteuert. Zeller hatte eine parodistische Struckausstellung zusammcngemalt (deren einzelne Stücke wohl noch vorhanden sind und die zum Schmücken ihres Heims sich schenken zu lassen ich unseren Mädchenklubs eigentlich nur bedingt empfehlen möchte) — Eulenberg hielt die Festrede, der Oberleutnant besorgte den musikalischen Teil — Dehmel hatte ein wunderhübsches Gedicht beigesteuert. Das hatte er auf ein Blatt geschrieben, das mit einer hübschen handgemalten Randleiste versehen war. Auf die Rückseite des Blattes schrieb Dehmel etwa folgendes: ,,Diese Randleiste hat ein litauischer Bauer gemalt, der weder lesen noch schreiben kann. Es ist anzunehmen, dass die deutsche „Kultur" mit dieser „Barbarei" bald aufgeräumt haben wird." Für uns alle, die wir in jenen Monaten mit Dehmel zusammen sein durften, bedeutet die Erinnerung ein unverlierbares Gut. Druckfehlerberichtigung: Herr Dr. T h e i 1 h a b er macht uns darauf aufmerksam, cjass in seinem Artikel „Die Nemesis des deutschen Antisemitismus" in letzter Nummer dieses Blattes auf S. 197/198 ein irreführender Druckfehler stehengeblieben ist: Es muss dort statt % (Prozent) °/OT (Promille) heissen, wie aus den absoluten Zahlen klar hervorgeht.

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