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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 262

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Eine Dehmel-Erinnerung
Date
1920-03-10
Page
Seite 262 (sequence 2)
Language
German
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262 Offenheit, die kaum zu (überbieten war, über diese Dinge aus und speziell auch über das Unverständnis', mit dem den jüdischen Wünschen und Eigenheiten Igegenübergetreten wurde. Er erklärte schon damals, zornig den Stock aufs Pflaster stossend, dass seines Bleibens dort nicht lange sein und dass er vermutlich mit einem grossen Krach verschwinden würde. Bei Tisch kam etwas von dem Geist des Sabbatfriedens auch über ihn und beim Genuss des Schalet, des gefüllten Hälschens, der Kuggel, glätteten sich allgemach seine Zornesfaltcn und die beängstigende Röte seines Gesichts schwand. Er sass zwischen unserem Feldrabbiner Dr. Rosenack und Struck. Der Rabbiner gab allerhand hübsche Geschichten aus' dem Midrasch zum besten, Ich machte gewissenhaft darauf aufmerksam, dass es nicht ganz sicher sei, ob der dort zulande übliche Schalet ganz identisch mit dem von Heinrich Heine besungenen Nationalgericht sei, da am Rhein sich eine besondere Tradition in der Schaletbereitung entwickelt habe, während Struck, der sich ganz als Impresario der jüdischen Küche fühlte, mit längstlichen Hausfraueriblicken darüber wachte, dass seine bis ins kleinste am Tage vorher gegebenen Anordnungen befolgt würden, <— hatte er doch sogar eine weisse Schürze für Frau Michelsohn und ein frisch geputztes Besteck durchgesetzt. Dehrnel liess sich trotz meiner küchenphilologischen Bemerkungen den Schalet gut schmecken, den er offenbar (ebenso zu würdigen verstand, wie eseinige Zeit vorher Herbert Eulenberg 'getan hatte, und hörte still und warm interessiert die Sabbat- 'gesänge und das Tischgebet an. — Dehrnel erwähnt in seinem Buch auch die Vortragsabende, Wie fein Kreis von intellektuellen Landsturmleuten — er setzt hinzu „meist Zionisten" — in Kowno veranstaltete. Dieser Montagstammtisch, begründet von Hermann Struck, Hans Goslar und dem Theaterdirektor Werth, \var eine prächtige Einrichtung, eine wahre Oase in der Wüste des Kommisses. Keiner der Teilnehmer wird die köstlichen Abende vergessen und die in Berlin wohnenden ehemaligen Stamnitischge;nossen treffen sich noch jetzt von Zeit zu Zeit unter dem Namen der „Ehemaligen Intellektuellen"^ um Erinnerungen zu feiern. Von bekannteren Zionisten fanden sich da unter anderen neben Struck und mir, Hans Goslar, Arnold Zweig, Heinrich Auerbach, von anderen Teilnehmern erwähne ich Herbert Eulenberg, Professor Bergströsser, die Maler Magnus Zeller, Schmidt- Rudioff, die Redakteure Kühl, Buhl, Guschmann, Dengler usw., dann Josef Carlebach, Leo Deutschländer, die Aerzte Dr. Felix Rosenthal, Dr. Hamburger, ferner von Wilpert, Müller-Jagusch und viele andere Schriftsteller, Künstler und Akademiker. Die Genannten waren zwar nicht alle gleichzeitig da, (aber immer war die Tafelrunde überaus interessant zusammengesetzt. Es 'wurde irgendein Vortrag gehalten und dann debattiert. Die Debatten wurden mit äusserstem Freimut geführt und endigten fast immier in einer Auseinandersetzung über die Nationalitätenfrage. So konnte es nicht fehlen, dass die zionistische Frage fast an jedem Abend lebhaft erörtert 'wurde. An einem Abend nahm Dehrnel Gelegenheit, als wir wieder lebhaft den Zionismus besprachen, in die Debatte einzugreifen. Wenn ich nicht irre, war das an dem Tage, da Hans Goslar ein Referat

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