Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 11-12 (10.3.1920)
- Article
- Ostjuden und Volkswirtschaft
- Date
- 1920-03-10
- Page
- Seite 255 (sequence 7)
- Language
- German
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255 lichkeit geben, noch 'Hunderten von ostjüdischen Arbeitern nach kurzer Wartezeit geeignete Arbeitsstellen zu verschaffen. \ Ein geringer Prozentsatz der Arbeitslosen, der weder -etwas gelernt hat noch »kräftig (genug ist, um als Land- oder Industriearbeiter tätig zu sein, wird, besonders so lange die Vorschriften des Dcmobilmachungsamtes nicht aufgehoben sind, immer zurückbleiben. Für ihn gibt es nur eine Hilfe:- die Unterbringung in Arbeitcrkolonieu und die •Ausbildung in leicht erlernbaren Berufen. IV. Auch wenn in absehbarer Zeit die jüdische Emigration nach Amerika Palästina oder die westeuropäische Länder in grösserem Masstabe einsetzt, wird das Jüdische Arbeitsamt für Deutschland seine Bedeutung behalten. Es wird dann ein wesentliches Glied in der Weltorganisation werden, welche die Aufgabe auf sich nimmt, che den Osten verlassenden jüdischen Massen nach den richtigen Stellen zu lenken und ihre Kräfte fruchtbar zu machen. Die Wohnungsfrage Von Dr. Klara Eschelbacher*) Ueberall, wo Ostjuden einwandern und sesshaft werden, bildet sich ohne jeden äusseren Zwang in mehr oder weniger starker Prägung das Ghetto, der engste Zusammenhang im territorialen Sinn. Berlin hat im Hirten viertel, dem früheren Scheunenviertel sein typisches Ghetto. Im Volksmund wird diese Gegend die ,,jüdische Schweiz." genannt. Die ostjüdische Hauptstrassc hier, ,,die Grenadiergass" bildet „ein Städtchen für sich, mit ihren Leiden, Freuden und Hoffnungen, mit ihrer eigenen Sprache, Sitten und Gebräuchen und steht in keinem zhisnrnmenhang mit dein grossen brausenden Berlin".1) Fast jedes Haus hat hier eine Aufschrift in hebräischen Buchstaben, Hier sind zahlreiche kleine Betstuben der Ostjuden, ungefähr zehn orthodoxe jüdische Hotels, auffallend viele Partiewarengeschäfte und Trödclhandlimgen. Auch eine Buchhaudung und Leihbibliothek ist hier, die fast nur von russischen Juden benutzt wird Auch die in jiidischerSprache erscheinenden Zeitungen werden fast nur von ihnen gelesen. Die Galizier lesen überhaupt weniger und bevorzugen überdies wie die Rumänen mehr deutsch geschriebene Bücher. Dagegen werden Gebetbiiche mehr von den Galiziern gekauft. In der Grenadierstrasse ist die Bevölkerung wohl zu 95 Prozent pstjüdisch und zwar grösstenteils galizisch. Keine andere Strasse hat eine so überwiegende Mehrheit ostjüdischer Bevölkerung. Doch tritt noch in den benachbarten Strassen die ostjiidisehe Eigenart stark genug indie Erscheinung, um den Ghettocharakter erkennen zu lassen, Das Merkwürdige dieser Gegend liegt darin, dass sich ein ganz typisches ostjüdisches Strassenlcbcn hier entwickelt. Selbst bei trübein Wetter stehen grosse Gruppen von Ostjuden beisammen, zumal in den Abendstunden ist die *) Aus einer grösseren, bereits 19IS abgeschlossenen Arbeit über „Die ostjiidisehe Einwanderungsbevölkerung der Stadt Berlin". Aus dem Manuskript gedruckt. ">) Dembitzer, Aus engen Gassen. Aus dem Jüdischen übersetzt von Stefania Goldcnring. Berlin 1915.