Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1920-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1920) · p. Seite 224

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 9-10 (10.2.1920)
Article
Ausland
Date
1920-02-10
Page
Seite 224 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908753-2908759-2912595--3110-2912685
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

224 wirken sollen. Da dieselbe Rede fast wörtlich auch in der Nationalversammlung hätte gehalten werden können (wo freiRch der Abgeordnete fehlt, der sie als jüdischer Politiker halten würde), sei sie hier nadi1 dem Bericht der „Wiener Morgenzeitung" (11/358) wiedergegeben: „Der Friedensvertrag gestattet der Republik Oesterreich die Aufstellung einer Wehrmacht in der Stärke von 30 000 Mann. Er erlaubt sie ihr, aber er zwingt sie nicht dazu. Ich mache diese scheinbar überflüssige Bemerkung deshalb, weil bei der schier grenzenlosen Unkenntnis, welche in der Bevölkerung bezüglich des Inhalts des Friedensvertrages herrscht, sich die Ansicht breit macht, dass der Friedensvertrag uns zur Aufstellung einer Armee zwingt. Ich bin nur gelegentlich des Verkehrs mit sogenannten Intellektuellen auf diese Auffassung gestossen, auch hier im Hause haben einzelne Abgeordnete in diesem Sinne gesprochen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit die Regierung und insbesondere den Herrn Unterstaatssekretär für Unterricht bitten, diesem skandalösen Zustand ein Ende zu bereiten und der Bevölkerung und unserer Jugend in leichtfasslicher Form den Inhalt des Friedensvertrages zu vermitteln. Wenn man unserer Jugend die Jahreszahlen der Kreuzzüge und der punischen Kriege eindrillt, wenn man sie mit den Vorgängen im spanischen Erbfolgestreit quält, wäre es doch auch angebracht, sie mit einem Dokument vertraut zu machen, das den grössten aller Kriege abgeschlossen hat, und dessen Inhalt unser Leben und unsere Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten bestimmend beeinflussen wird. — Wir sind also nicht gezwungen, eine Armee aufzustellen. Statt sich dieser herrlichen Zwanglosigkeit zu freuen, statte sie voH auszukosten, statt zu jubeln, dass man uns endgültig vom Fluche des Militarismus befreit hat, beeilen sich die Regierung und sonderbarerweise ihr sozialdemokratischer Staatssekretär, eine Wehrvorlage auf den Tisch des Hauses zu werfen. Handelt die Regierung unter dem eisernen Zwang der Not? Nein! Dieser Entwurf entspricht nicht einem Bedürfnis des Volkes, sondern er verdankt seine Entstehung dem gegenseitigen IWisstraucn der Klassen und Parteien. Sie können das aus der Diskussion über die Welirvorlage draussen und hier im Hause entnehmen. Einer fürchtet, dass der andere ihm die Armee vor der Nase wegnehmen wird. Es wird fortwährend darüber gesprochen, wie die Wehrmacht sein soll und wie sie iridht sein soll. Die einen wollen sie nicht sozialistisch, die anderen wollen sie nicht kapitalistisch. Ueber die gewiss nicht unwichtige Frage, ob wir überhaupt eine Armee brauchen, spricht niemand. Ich. betrachte die zu schaffende österreichische Wehrmacht als eine überflüssige und schädliche Sache, als einen Wechselbalg, den die Demagogie und das Parteiengezänk hervorbringen, und es ist mir gleichgültig, ob sie diesen Wechselbalg rot oder weiss anstreichen. Der Zweck einer Wehrmacht besteht darin, Angriffe von draussen gewaltsam abzuwehren oder mit Gewalt änderen Staaten Gebiete, Rechte und Vermögen 'abzunehmen. Ich glaube, jeder vernünftige Oesterreicher wird einsehen, dass diese Bewendung für unseren armen Staat nicht in Betracht -kommen kann, dass das Geschick der Republik Oesterreich nicht auf die Gewalt in irgendeiner Form gegründet werden kann. Man hat uns als Geschenk die Erlaubnis gegeben, 30 000 Söldner zu werben und sie mit Vogelflinten zu bewaffnen. Eine sofehe Armee,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.