Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1920)
- Article
- Deutschland
- Date
- 1920-01-10
- Page
- Seite 176 (sequence 3)
- Language
- German
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176 sicher idarin lag, dass ich von Jugend auf gewöhnt gewesen war, in meinem kleiner Verkehr religiöse Unterschiede und solche der Abstammung über dem rein Menschlichen zu vergessen. Und als dann die Judenfrage heftigere Formen annahm, sah ich in 4er sozialistir schen Internationale die erlösende Macht, die sie einst zur Ruhe bringen werde. An diesem Gedanken halte ich fest, e.r steht mir über jeder Sonderbewegung. Für ihn mit ungeteilter Kraft zu wirken, ist mir nach den Erfahrungen dieses Weltkrieges erhöhtes Bedürfnis/' Dass Bernstein diese Lösung der Judenfrage als individuell, nicht als die Norm ansieht, bewies die Herzlichkeit, mit der er die Aufnahme der Poale Zion als gleichberechtigte nationale Gruppe in die sozialistische Internationale begrüsste. Schulfragen. Auf das neue Schulgesetz und seine Konsequenzen für das jüdische Schulwesen in Deutschland] weist ein Vortrag hin, den Direktor: Alexander (Peine) im Verein jüdischer .Lehrer der Provinz Hannover hielt. (Wiedergegeb.: Blätter f. Erziehung und Unterricht v. 22.1. 1920.) Durch das Schulkomprom is-sj zwischen Sozialdemokratie und Zentrum wird in Deutschland die kon-j icssionelle Einheitsschule eingeführt, nur in wenigen Gebieten wird die simultane Einheitsschule sich' errichten lassen. Die Folge 'davon wird' sein, dass mehr als bisher! die Volks« ■schulen den jüdischen Kindern verschlossen bleiben und die Notwendigkeit der Gründung .jüdischer Schulen in erhöhtem Masse sichi bemerkbar macht. Alexander schlägt nun vor, an Mittelstädten, an denen eine wirklich bekenntnisfreie Einheitsschule besteht, jüdische Grundschulen für die ersten vier Schuljahre zu errichten, nötigenfalls in Gestalt von Alumnaten, welche die jüdischen Kinder des ganzen Bezirkes zu vereinen vermögen. Von diesen Grundschulen sei zu erhoffen, dass sie den Schülern bis zu ihrem Uebergang auf die Einheitsschule einen hinreichenden jüdischen Fundus vermitteln. Diese Stellungnahme zum Problem der jüdischen Schule in Deutschland ist typisch für einen sehr grossen Teil der Lehrerschaft. Die bekenntnislose Einheitsschule mit voller Lehr- und Lernfreiheit für jüdische Schüler und Lehrer ist — theoretisch — das Ideal, da> siclil folgerichtig aus einer Anschauung heraus ergibt, die sich für die for-« male Gleichberechtigung des jüdischen Schulwesens in der deutsdhen Schulpolitik einsetzt. In der Praxis ist man herzlich froh, durch" die 'Verhältnisse gezwungen zu sein, die jüdische Volksschule fordern |/ru dürfen. Denn man dürfte sich darüber klar sein, dass eine wirklich» jüdische Erziehung nur möglich ist, in der jüdischen Schule. Selbst die beste konfessionslose Einheitsschule wird immer noch eine christliche Einheitsschule sein. Unsere Lehrerschaft sollte sich an den Gedanken gewöhnen, dass das jüdische Schulwesen in Wahrheit erst dann gleichberechtigt sein wird, wenn man ihm das gleiche Recht der eigengesetzlichen Entwicklung zugesteht, und dass die Forderung der jüdischen Schute in Deutschland, der Volksschule wie der höheren, nicht eine Not ist;, aus der man eine Tugend macht, sondern eine Notwendigkeit, die nicht davon berührt wird, ob die deutsche Einheitsschule auf kon-