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Neue jüdische Monatshefte · 1920-01-10 · Heft 7-8 (10.1.1920) · p. Seite 175

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 7-8 (10.1.1920)
Article
Deutschland
Date
1920-01-10
Page
Seite 175 (sequence 2)
Language
German
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175 Kamen des Judentums" den Radikalismus verdammen. — Und gerade er wäre sicherlich der letzte, der übersähe, dass das Wesen des KummunisJiius nicht im Massenmord sich manifestiert» Das Verhältnis des einzelnen Juden zu den entscheidenden Fragen der Einfügung in den Weltorganismus wird nicht im mindesten becinflusst vom jüdischen „Gesetz" oder von der jüdischen „Lehre". Man kann als Jude zu allen möglichen politischen, philosophischen und sozialen Systemen gelangen; die C iegenüberstellung Stahl — M arx ist hierfür nur das bezeichnendste, nicht das einzige Beispiel. Das jüdische Element im Wirken unserer Zeitgenossen suchen wir füglich nicht in der Natur der Aufgabe, die sie sich wählen, sondern in der Weise, wie sie sich ihrer Aufgabe hingeben. Wir sind zwar weit davon entfernt, restlose Hingabe an ein Ideal als ein Sondergut jüdischen Wesens zu proklamieren, aber &ie ist uns unerlässliches Merkmal vollgültiger geistiger Zugehörigkeit zu uns. Mh diesem Masstab gemessen, erweist sich Eduard Bernstein als unserer Besten einer. Seine Idee ist j die der sozialistischen Demokratie, j Sozialismus und Demokratie sind nie * Grundpfeiler seiner geistigen Welt, ihre organische Vereinigung und praktische Durchführung das Lebensziel seiner politischen und wissenschaftlichen Arbeit. Man beachte die Beharrlichkeit, mit der er beide Postulate gegen jeden Gegner verteidigt. Im Jahre 1S72 schloss er sich der Partei an, 188S zwingt ihn das Sozialistengesetz, nach London zu fliehen. 1901 kommt er zurück, und kurze Zeit darauf muss er seine reformistischen Anschauungen gegen die Mehrheit der Partei verteidigen, die in ihnen ein Aufgeben des sozialistischen Gedanken sah. Bis zum Kriege indessen hatte sich dieselbe Partei soweit zum Opportunismus durchgemausert, dass der „Revisionist" Bernstein gegenüber ihrer Konjunkturpolitik die Grundsätze des Sozialismus, besonders in der Frage des Selbstbestimmungsrechtes der | Völker,*) verteidigen muss. Und i heute, ein Jahr nach der Revolution, I sieht er sich zum Kampf nach beiden j Seiten gezwungen, da die Mehrheits- I Sozialisten den Sozialismus im Stich | lassen, die Unabhängigen aber die I Demokratie aufgegeben haben, j Für Bernstein ist Demokratie die Gewähr der Freiheit des Einzelnen wie der Nationen, Selbstbestimmung zu üben, Sozialismus die Verpflichtung, die Grenzen dieser Freiheit zu achten und Internationalismus das Streben, die naturgegebenen Unterschiede zwisdie« Mensch und Mensch ihres ihnen nicht eingeborenen Charakters al* Schranken zu entkleiden. Ueber sein Verhältnis zum Judentum hat sich 'Bernsfein selbst einmal in einer autobiographische^! Skizze (Der Jude, II/3) ausgesprochen. Als Sohn eines Lokomotivführers in mehr bürgerlichem afe proletarischem Milieu aufgewachsen, ohne jede Verbindung mit dem jüdischen Leben, wurden für ihn die sozialistischen Ideen der einzige lebendig-wirksame Inhalt seines Daseins. In ihnen, sagt er, „bot sich mir die Basis für die politische Vertiefung der Gedanken, die mir ein reines Menschheitsempfinden eingegeben hatte und deren Wurzel *) Siehe hierzu: Bernstein: Völkerrecht und Völkerpolitik, Paul Cassirer, 1Q19, Berlin.

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