Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1920-01-10 · Heft 7-8 (10.1.1920) · p. Seite 151

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 7-8 (10.1.1920)
Article
Erinnerung an Wolffsohn
Date
1920-01-10
Page
Seite 151 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2908689-2908753-2908758-2912464--2970-2912524
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

151 Erinnerung an Wolffsohn Von Hermann Struck, Berlin edenken wir der zionistischen Kongresse, die Höhepunkte im Dasein jedes Einzelnen von uns bilden, so erblicken wir im Geiste eine fast unendliche Reihe charaktervoller Judengestalten, unvergessbar unserem Gedächtnis eingeprägt. Her/I, auch äusserlich der König unseres Volkes, hochragend in assyrischer Schönheit, ,an S a u I erinnernd, der grösser war um eines Hauptes Länge 'denn alle, die ihn umgaben, Professoren, Schriftsteller, Männer des praktischen Lebens, Künstler und Gelehrte, weissbärtige Rabbiner und jugendliche Studenten. Der grauhaarige Rabbi von der litauischen Talmudhochschule Hand in Hand mit dem befrackten und weissbehandschuhten englischen Aristokraten — das erschien mir immer wie ein Symbol unserer Bewegung, die von den vier Enden der Erde Abrahams Söhne zu brüderlichem Streben zusammenruft. Unter ihnen grüsseji wir 'mit dem Gefühle nie erlöschender Dankbarkeit die kraftvoll schöne Erscheinung David W o I f f s o h n s. Und da sehen uns wieder diese treuen und gütigen Augen an, deren liebevollen. Ausdruck wir ,nie vergessen können. Ueber ihnen wölbt sich eine schön geformte hohe Stirn, der Sitz seiner unermüdlichen Gedanken, und Falten der .Energie verlaufen seitwärts /der Nase im dunkelwallenden Judenbart. Eine grosse und breite Gestalt trägt dieses schöne Haupt, das dndruckvollste aber an ihm war der von tiefer Empfindung zeugende Klang seijier Stimme, bei dem uns warm ums Herz wurde. Welch kluge Worte wusste er zu sprechen, wie machtvoll verstand er Angriffe abzuwehren, wie freundlich milde konnte er schalkhaft scherzen! Seine vielbewunderte Schlagfertigkeit gab ihm Wendungen ein, die allen Kongressteilnehmern im Gedächtnis haften. Auf Jacobus Kann und Dr. Osias Thon hagelte es einst Hiebe wegen eines Buches, das der eine geschrieben, wegen einer Bank, die der andere propagiert hatte. Wolffsohn löste die Spannung mit dem humorvoll funkelnden Ausruf: „Es ist das Unglück der Bewegung, dass bei uns die Bankiers Bücher schreiben und die Rabbiner Banken gründen-!" Dieser 'Mann, der ein vielfach angegriffener, aber auch schwärmerisch geliebter Führer des jüdischen Volkes wurde, entstammte einem ärmlichen Häuschen, im Ghetto des litauischen Städtchens Dobbiany, nahe der deutschen Grenze. Sein treuer.Mitarbeiter Dr. Robin söhn erzählt von Rabbi Eisik, Wolffsohns Vater, der Lehrer des Hebräischen war und doch schon von Aristoteles, Spinoza, Kant und Mendelssohn wusste. Und er berichtet dann, wie Wolffsohn als fünfjähriges Kind zum Zion'isten wurde, als sein Vater ihm die Klagelieder Jeremias ins Jiddische übersetzte. Wohl das schönste Denkmal der Freundesliebe hat ihm sein vergötterter Kampfgenosse Theodor Herzl in der Figur des David Litwak in „Altnculand" gesetzt. Die Entwicklung des kleinen Juden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.