Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 6 (25.12.1919)
- Article
- Zwei Bücher der Selbstbesinnung [Rezension]
- Date
- 1919-12-25
- Page
- Seite 128 (sequence 2)
- Language
- German
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128 natürlich gegebene Einigkeit auf, und die Gruppe muss versuchen, ihren Zusammenhalt durch einen künstlichen Ersatz zu sichern: sie setzt an die Stelle der Einheit des praktischen Zieles' die der theoretischen. Gesinnung, oder, mit anderen Worten, sie verwandelt sich aus einer Gruppe des praktischen Interesses in eine Sekte. Das war das Schicksal z. B. der sozialdemokratischen Partei von dem Au'genblick an, wo es klar würde, dass das Ziel ihrer Jugendzeit, die „Zukmnftsgesellschaft", wenn - überhaupt, so erst in Generationen reifen würde; — und das musste 'notwendigerweise auch das Schicksal des Zionismus sein, als man sich hatte entschliessen müssen, „den Charter" respektvoll ins Archiv zu legen". Von da an war die alte Einigkeit verloren, die „Gesinnung" wurde das Erkennungszeichen des „wahren" Gruppenangehörigen, des Sozialisten dort, des Zionisten hier; die Sekte gliederte sich aus der Partei als* ein innerer, immer stärker aggressiver Kern heraus. Und das notwendige Uebel der für das1 Werk der Propaganda angestellten Parteisekretäre musste hier wie dort die Entwicklung beschleunigen: denn überall muss der berufsmässige Agitator sich selbst ohne Ende übersteigern, wenn er seines' Berufes nicht überdrüssig werden soll. Ob der Sozialismus in absehbarer Zeit mit der Einheit des Zieles und Weges die Einheit des Willens' wiederfinden wird, muss abgewartet werden. Hoffentlich lernt er aus dem kläglichen Niederbruch seiner Hoffnungen und Erwartungen, den er erlebt hat und binnen kurzem voraussichtlich bescheinigt erhalten wird; besinnt er sich auf seine Ursprünge und kehrt reuig „von der Utopie zur Wissenschaft" zurück, der einzigen Quelle seiner Kraft. Der Schreiber dieses hofft, einiges geleistet zu haben, um ihm den Weg zu erleichtern.3), Dem Zionismus dagegen hat ein für ihn unerhört günstiges Geschick die Einheit des Zieles und Weges zurückgegeben. Der Charter wurde, der Thora gleich, aus dem Schrein gehoben; Palästina hat seine Tore breit geöffnet, und die Arbeit kann beginnen, eine Arbeit von so ungeheurer Grösse und, zunächst wenigstens, von solcher Eindeutigkeit des Angriffspunktes und der Richtung, dass alle irgendwie willigen Kräfte willkommen sind und, trotz aller Unterschiede der „Gesinnung", nebeneinander verwendet werden können. Nur über das „Wie" kann es heute noch Meinungsverschiedenheiten geben: über praktische Probleme, wie über das Tempo der Kolonisation, über die Ordnung, des Bodenbesitzes usw., Probleme, denen gegenüber sich die Parteien völlig neu gruppieren werden, und über die man sich leicht einigen wird, eben weil es praktische Probleme sind: aber über das „Ob" und das „Was" gibt es keinen Streit mehr. Ja, noch mehr: die Streitfragen, die uns bis jetzt spalteten, werden im alt-neuen Lande nicht mehr existieren: ganz selbstverständlich werden die Juden Palästinas „Nationaljuden" sein, ganz selbstverständlich wird ihre Staatsspracher 3) Vgl. mein soeben erschienenes Buch: „Kapitalismus, Kommunismus und wissenschaftlicher Sozialismus." Berlin (Vereinigg. wissensch. Verleger) 1919.