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Neue jüdische Monatshefte · 1919-12-25 · Heft 6 (25.12.1919) · p. Seite 121

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 6 (25.12.1919)
Article
Jüdisches Wesen und jüdisches Leben
Date
1919-12-25
Page
Seite 121 (sequence 5)
Language
German
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121 einem allgemein gesprochenen Hebräisch kommen, dann wäre dieses Hebräisch meiner Ansicht nach nicht mehr und nicht weniger als eben eine unter den jüdischen Sprachen der Juden). Man sagt nun den eigenen jüdischen Sprachen des' Golus sowie wie allen anderen Kultlirtatsachen und -forderungen des gegenwärtigen jüdischen Lebens ein baldiges Ende voraus. Im Golus ausserhalb des Ghetto jedoch könne kein jüdisches Sonderleben auf die Dauer gedeihen. Beweis: Das Schicksal der deutschen Juden. Ich behaupte,, dass dieser Beweis hinkt, weil er die gewaltigen Unterschiede in den inneren und äusseren Vorbedingungen des beiderseitigen Geschehens übersieht. Ich verkenne nicht, dass das breite jüdische Leben der Gegenwart mit tausend Widerständen zu kämpfen hat und haben wird. Aber ich meine, es gibt so ziemlich niemanden, dem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Keinem Menschen und keinem Volk ist das Leben leicht gemacht, und wenn wir's noch weniger leicht haben als andere, so müssen wir eben noch fleissiger und geduldiger, noch zäher und erfinderischer sein als die anderen. Das ist alles. Ja, aber unsere Seele soll unheilbaren Schaden genommen haben und weiter nehmen. Wir wären Sklavenseelen, Kinder der Entartung, hätten keine persönliche Würde mehr usw. usw. Und wie, wenn ich an dieses neueste Evangelium nicht glauben will? Gewiss, auch ich sehe, dass wir noch nicht das Priestervolk sind, als welches Gott uns gewollt hat. Und besonders sehe ich, dass die erste Golusfresseret, die Haskolo, mit ihrem elenden Rütteln an unscrin Grundwesen' manches in uns verwüstet hat. Aber ich finde, dass wir noch immer mit einem Tropfen Priesteröls gesalbt sind. Noch immer sind wir nicht schlechter, sondern besser als alle die andern. Auch persönliche Würde haben wir nicht weniger als sie. Nur dass die unserige inhaltreicher, d. 'h. persönlicher, die ihrige mehr formal, d. h. mehr typisch, mehr impersönlich ist. Aber sie verachten uns?! Mögen sie! Pfeifen wir auf ihre Verachtung! Von allen den Wörtern des neuen J u den frag e- Lexikons kenne ich keines, das mich mehr empört, als „Judenschmer//' — dieses maskilische Geständnis eines fremden Masstabs in der eigenen Seele. Ich 'kann zum Schluss nur feststellen, dass das jüdische Volk selbst diesen Intelligenzler-,,Judenschmerz" nicht kennt, auch keine Gespenster in sich sieht, sondern unbeirrt den Weg seines Lebens geht: Hoffentlich vorwärts und aufwärts.*) *) Wir entnehmen diesen Aufsatz mit Erlaubnis des Welt-Verlages dem dort soeben erschienenen Buche Nathan Birnbaums: „Um die Ewigkeit.4'

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