Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 5 (10.12.1919)
- Article
- Nationalitätenstreit und Antisemitismus
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 In Deutsdhttsterreich igelten die jüdischen Flüchtlinge Wiens als die Ursache der wirtschaftlichen Not der Kapitale Deutschösterreichs; in den Provinzen ruft man „Los vom verjudeten Wien!" — in Wien selbst wird der Kämpf'gegen die Republik als J u d en republik geführt. In Tsdiechüslowakiesri findet der Antisemitismus wieder andere Begründungen. Einerseits - wird vielfach der Kampf, wie zum Beispiel in Mähren,, gegen die Deutschen als identisch mit dem gegen die Juden geführt, da tatsächlich bei den letzten mährischen Gemeinderatswahlcn ein Teil der jüdischen Wähler für die deutschen Kandidaten stimmten, ein Teil seine Stimme .den Vertretern der national-jüdischen Demokratie zuwandte und somit nur ein Bruchteil sich als zur tschechischen Nation zugehörig bekannte. Der Mittelpunkt (der antisemitischen Strömung ist aber die Slowakei, wo verschiedene Umstände den Antisemitismus begünstigten, einerseits die Politik eines Teil es der Juden, die sich noch nicht zu einer konsequent national-jüdischen Politik durchgerungen haben, andererseits das Vorgehen des Dr. Srobar, der das gesamte jüdische Volk vielfach für die Sünden einzelner Juden verantwortlich macht. Die regierenden Kreise der Slowakei haben eben noch nicht den Unterschied zwischen , national -jüdischer und jüdisch - assimilatorischer Politik, der dem) Präsidenten der tschechoslowakischen Republik Professor Mas'aryk — einem genauen Kenner des Zionismus — sowie, dem tschechischen Ministerpräsidenten Tu rar sehr wohl bekannt ist, 'begriffen. Es . wird auch noch geraume Zeit brauchen, bis in der Slowakei auch nur jenes Verhältnis zwischen slowakischen und jüdischen Intellektuellen Platz /greifen wird, wie es in Böhmen und Mähren teilweise bereits der Fall ist. Man darf nicht vergessen, dass die Slowaken aus jahrhundertelanger Knechtschaft und Druck nun erst zur Freiheit (gelangten, dass die ungarischen Regierungen den Slowaken ihre Schulen, sogar Kinderbewahranstalten, genau so wie allen übrigen nrehtmagyarischen Völkern während der ganzen dualistischen Aera vor. enthielten, und dass die slowakische Bevölkerung eben in dem' iungarischjüdischen Assimilantentum Ibisher die festeste Stütze der magyarischoligarchischen Gewaltherrschaft erblickten. Erwägt man nun, dass bisher erst ein sehr kurzer Zeitraum verstrich, seitdem die von der Prager ■zionistischen Parteileitung geleistete nationale Aufklärungsarbeit sich auch auf die Slowakei erstr cc k t e, und in Pressburg durch die „Jlüdische Volkszeitung" gefördert wird, und dass schliesslich die tschechische Regierung in Prag selbst mit gewissen separatistischen 5 t r ö |m u n g e n unter iden Slowaken kämpfen muss, so hat man den Schlüssel zum Verständnis der derzeitigen traurigen Lage der slowakischen Juden. 1 Es wäre ungerecht, die Gesamtheit der Juden für jene Politik verantwortlich zu machen, die zur Isolierung der Juden Ungarns einerseits von den Juden denanderen Länder und andererseits zur politischen bzw. zur nationalen und sozialen Gegnerschaft der übrigen ungarischen Bevölkerung gegen sie führte.