Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Fünf Jahre jüdischer Verlagsarbeit
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
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86 tums. Vor einem Dezennium etwa war man noch weit davon entfernt, die Grundsätze des modernen Verlagsbetriebs auf das jüdische Buch anzuwenden. - Es entstand als Produkt gelegentlicher Freundschaftsbezichungen zwischen Autor und Verleger, war schon nach seiner Auflagenhöhe für eine geringe Zahl von Interessenten bestimmt und machte mit seinen materiellen Ergebnissen weder dem Verfasser noch dem Verlage grosse Freude. Dies änderte sich, als die jüdische Frage die Politik zu beschäftigen begann. Es entstand das Bedürfnis nach Aufklärungsschriften, nach Werken, in denen sich die politische Diskussion zu Thcorieen festigte. Gleichzeitig lenkte die deutsche Okkupation das allgemeine Interesse auf die neuerschlossene Welt des Ostjudentums. Diese Umstände bewirkten ein sprunghaftes Wachsen des Abnehmerkreises für jüdische Bücher. Der jüdische Verlag in Berlin, der diese Verlagsrichtung inauguriert hatte, vermochte mit dieser Entwicklung wohl Schritt zu halten. Aber als Parteiverlag, dessen Programm von den Bedürfnissen der politischen Organisation vorgezeichnet war, konnte er der freien Diskussion nicht vollen Spielraum gewähren. Die Wiener Verlagsgründung war geeignet, ein weiter zielendes Streben zu verwirklichen. Es sollte ein Unternehmen geschaffen werden, dass unter Wahrung der Jnternationalität alle Erscheinungen des jüdischen Lebens auf literarischem Gebiet zu erfassen geeignet war. (Die Monatsschrift Der Jude wurde dann die verwirklichte Ausdrucksform des Angestrebten.) Ursprünglich als Nebenzweig einer Sortimentsbuchhandhing ins Leben gerufen, sah sich der neue Verlag zur selbständigen Ausgestaltung seines Betriebes genötigt, um den steigenden Anforderungen zu genügen. Die „Entdeckung" des Ostjudentums während der kriegerischen Ereignisse der Gründungszeit Hessen die grundlegenden iA'rbeiten des allzu früh verstorbenen Dr. Max Roscnfelds, die Schriften Nathan Birnbaums und Dr. Kaplun-Kogans zu diesem Thema als zeitgemäss wichtigste Publikationen erscheinen, denen auch grosser Erfolg beschieden war. Hugo Zucker manns poetische Arbeiten, insbesondere die Auswahl seiner Gedichte und die meisterhafte Uebersetzung der Nachi auf dem alten Markt erfuhren als Schöpfungen einer hochstehenden Dichterpersönlichkeit, der die Tragik des Heldenschicksals höhere Weihe verlieh, gebührende Würdigung. Mit den Übersetzungen der Werke M. I. bin Gorions, H i z c h o k Laib Pcrcz' und Mendel e Mobiler Schorims wurde ein neues Gebiet der jüdischen Belletristik erschlossen. Bald zeigte es sich, dass die dem Verlag sich eröffnete Wirkungsmöglichkeit durch Buchpublikationen nicht erschöpft werden konnte. Eine neue Zeitschrift, als repräsentatives Organ für die europäische Diskussion der Juden frage gedacht, sollte den durch die Tätigkeit des Verlages angezogenen Kreis von denkenden Geistern zu innigerer Gemeinschaft verbinden. Es entstand Der Jude unter Dr. (M a r r i n;B u b e r s Leitung, irri Titel an G a b r i e I R i e s s e r s Zeitschrift vom Jahre 1832 anknüpfend. Die Erwartungen, die' das neue Organ wachrief, wurden nicht enttäuscht. Der Jude hielt sich von Anbeginn auf dem Niveau der grossen englischen und deutschen Monatsschriften, die gewöhnlich als Zeichen kulturellen Hochstandes dieser