Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Inhalt und Form
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 68 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2908689-2908753-2908755-2912264--2843-2912341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
68 uns von den Vätern erzählen, eine Gestalt geben. Er wird dann nicht nur den Berg, nur den Weg, nur das <Meer darstellen, sondern auch die tiefen Inhalte, die in dieser Erde schlummern. Diese Werke werden das' Buch bilden, das wir „jüdisches Buch" nennen werden. Dann hat der jüdische Künstler seine Aufgabe erfüllt; denn er hat „Jüdisches" geschaffen, — -er hat nicht nur den Krug, sondern auch seinen Inhalt betrachtet. s< liegt etwaj Schidcsalsmässiges allein schon in der formalen Tat sache, dass dieses und nicht ein anderes nationales Buch an der Schwelle des Geisteslebens eines Menschen steht Wir sind im tiefsten Verstände dieses Wortes Juden, weil die ersten, die kindlichen Geisleseindrücke .eines jeden von uns durch die Bibel bestimmt werden. Und wir werden von diesen Eindrücken in unserem' Leben nie wieder ganz loskommen, weil sie die ersten sind, wert das Unbewusste, das mit ihnen verknüpft ist, alter und stärker ist, als unser noch so entwickelter Intellekt: es genügt dieses Buch irgendwo aufzuschlagen — und schon strömen auf uns jene, innerlichen, undefinierbaren Gefühlsuntertöne ein, die in der Kindheit mitgeschwungen ihaben, erhalten die bestimmten Einzelworte — schon rein phonetisch — den gleichen* alten feierlichen oder schauerlichen Klang, der uns in der Kindheit erschaudern machte, erwachen die gleichen geistigästhetischen Emotionen, So ist die Bibel „das jüdische Euch" pur., excellence. Und das ist sie, wie gesagt, schon formal, abgesehen vom Inhalt, kraft psychologischer Dynamik;. Eine inhaltliche „Besprechung" dieses jüdischen Erzbuches kann aber nicht umhin, festzustellen, dass sein geistiges Diapason, die Summe seiner seelischen Register zumindest alle National- und heiligen Bücher des samitisehen und occidentalen Kulturkreises bei weitem übertrifft, und den Urhebern seiner Zusammensetzung, eine sehr günstige „Rezension" ausstellen, obwohl die bibelkritische Forschung — sicherlich mit Recht — gerade die zeitliche und inhaltliche Heterogenität dieser Zusammensetzung nachdrücklich betont und — mit weniger Recht — bemängelt hat, Mit weniger Recht, sagen wir, denn vom nationalpsyc'uologischen Standpunkt erwies sich1 gerade diese fast encyclopädische Mannigfaltigkeit de9 Inhaltes als besonders einflussreich und die Ueberzeugung, dass „alles in der Bibel steht", entsprang nicht nur einer absidhtlichen und durch das Gesetz selbst empfohlenen Vertiefung, sondern war und ist das unwillkürliche Resultat der suggestiven Weitumfassendheit seines Gehaltes. Kosniogonie, Völkerkunde, Rechtsgesetze, Theologie und Religion, Geschichte und Philosophie, Apokalypse und Lyrik bilden eine zu grosse Mannigfaltigkeit, um nicht den Geist in den Kreis des Buches zu bannen, an dem sie niedergelegt sind; ein Auf- und Niedersteigen der Dramatik, das sich ebenso von dem stets gleichmässig fliessenden epischen Ton Homers wie von dem fast nie aufhörenden und darum nicht weniger ermüdenden belehrenden Pathos des Evangeliums unterscheidet. Man hat von der Monotonie des jüdischen Monotheismus, von der Farbenarmut der jüdischen Religion, Das 'Buch der Bücher.. Auch) «eine Besprechung. •Von Dr. Ej'Kas Hurwidz, Berlin